Verschollen in Manila: Wirecard: Rätsel um eine Todesanzeige
Der Tod eines ehemaligen Managers des Wirecard-Konzerns in Asien hatte Fragen aufgeworfen.
Foto: ReutersDüsseldorf. Er war nicht krank, nun ist er tot. Christopher B., eine Schlüsselfigur im Wirecard-Skandal, verstarb laut Zeitungsannonce seiner Familie vor einer Woche in Manila. Der ehemalige Asienchef des Skandalkonzerns wurde 44 Jahre alt. Seine Familie hat keine rechte Erklärung dafür, warum ihr Sohn nicht mehr lebt. „Er war nicht krank, uns wurde gesagt, es war ein Schwächeanfall“, sagt sein Vater. Gerüchte um Selbstmord oder Fremdeinwirkung seien unverantwortlich.
Es gibt wohl keinen anderen Konzern in Deutschland, bei dem Außenstehende bei einem Todesfall sofort Theorien über den Mörder spinnen. Bei Wirecard fehlt den Verdachtsfantasien jede Grenze. Knapp zwei Milliarden Euro Eigenkapital sind einfach verschwunden, ein Vorstand ist untergetaucht und chattet auf seiner Flucht über Geheimdienstkontakte und falsche Pässe, mehrere Ex-Manager sitzen in Haft.
B. war schon seit einigen Jahren nicht mehr innerhalb des Wirecard-Konzerns aktiv, galt aber als wichtiger Geschäftspartner des Skandalkonzerns. Er und seine Frau führten zwei philippinische Zahlungsabwickler, über die Wirecard einen Großteil seiner angeblichen Asienumsätze erwirtschaftete.
Das Asiengeschäft stand für einen erheblichen Teil der vermeintlich goldgeränderten Bilanz von Wirecard. Dann stellte sich heraus, dass es wesentliche Umsätze und Gewinne gar nicht gab. Auf den Philippinen ermittelten sowohl die Bundespolizei als auch eine Anti-Geldwäsche-Einheit gegen B.
Vor seiner Selbständigkeit war B. als Geschäftsführer der Wirecard-Niederlassung auf den Philippinen aktiv, der erste Dependance, die der Konzern 2007 in Asien eröffnete. Über die Jahre soll B. eine enge Beziehung zu Wirecard-Vorstand Jan Marsalek entwickelt haben. In den ersten Tagen von Marsaleks Flucht nach dem Zusammenbruch von Wirecard hieß es, dieser habe sich auf die Philippinen abgesetzt. Das stellte sich später als Täuschung heraus.
Spuren in dunkle Ecken der Welt
B. führte neben zwei Zahlungsdienstleistern auch ein Busunternehmen in Manila. Auch dies wirkt inzwischen auf Ermittler wie eine dünne Fassade. Von der Webseite des Unternehmens reichen wenige Klicks, um zu Anbietern von Onlinewetten zu gelangen.
In dieser Branche liegen die Wurzeln von Wirecard – das Unternehmen hatte aber immer betont, sich davon gelöst zu haben. Trotzdem berichten Stimmen aus dem Unternehmen von hohen Umsätzen mit solchen Geschäften, die eine weit höhere Rendite abwerfen als die Abwicklung von legalen Zahlungen.
Was bei Wirecard legal und illegal war, ermitteln nun nationale und internationale Strafverfolgungsbehörden. Die Spuren scheinen in dunkle Ecken in aller Welt zu führen. So soll Christopher B. unter anderem Wirecards Kontaktmann zu den russischen Oligarchen Badri Patarkazischwili und Boris Beresowski gewesen sein. Gegen beide ermittelten internationale Behörden wegen Geldwäsche und anderer Delikte. Patarkazischwili war Präsident des Georgischen Olympischen Komitees und starb 2008 mit 53 Jahren. Beresowski starb 2013 im britischen Exil unter unklaren Umständen.
Christopher B. soll Männern wie ihnen geholfen haben, ihr Geld zu waschen. Wirecard-Insider behaupten, B. habe in seiner Wohnung 200 Kilo Bargeld in großen Scheinen gehortet. B. sei auch enger Vertrauter von Wirecards Ex-Vorstand Marsalek gewesen, der seit dem Zusammenbruch des Konzerns flüchtig ist. Ein Wirecard-Insider sagte dem Handelsblatt, er halte auch B. für flüchtig – und lebendig. Es sei in keinem Land der Welt so leicht wie auf den Philippinen, den eigenen Tod vorzutäuschen.