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Morning BriefingEin Pulverfass namens Evergrande

Hans-Jürgen Jakobs 17.09.2021 - 06:00 Uhr Artikel anhören

Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

als unfreundlichen Akt gegen Europa kann man jüngste Ereignisse in Australien einordnen, ja vielleicht auch als „Stich in den Rücken“, wie es der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian formuliert. Jedenfalls gelang es der Regierung in Canberra, für die Produktion eines Atom-U-Boots die USA und Großbritannien als Partner einzuspannen; man formt nun einen Pakt namens „AUKUS“.

Teams aus beiden Ländern werden in der Werft Hand anlegen, sodass die Australier einen Multi-Milliarden-Vertrag mit einem französischen Unternehmen über Nicht-Atom-U-Boote stornieren können. Das plötzliche Aufkündigen des Vertrags ohne Information der befreundeten Staaten sei eine „brutale und unilaterale Entscheidung“ gewesen, wettert Le Drian. Donald Trump lässt grüßen. Die EU ist über den Affront nicht viel weniger verärgert als die Volksrepublik China, gegen die sich der neue Dreibund richtet.

Foto: Stringer/laif

Peking hat noch ein ganz anderes Problem, das die Wirkung einer wirtschaftlichen Atombombe haben könnte. Es handelt sich um den mit 300 Milliarden Dollar verschuldeten Immobilienentwickler Evergrande, für den nächste Woche eine wichtige Zahlungsfrist ausläuft. Noch gibt es weder einen Notverkauf noch neue Investoren, nur Gerüchte, diese Schieflage könne für die Weltwirtschaft ein „Lehman“-Moment sein – eine Erinnerung an den Kollaps der 2008 untergegangenen US-Investmentbank, der globale Märkte nach unten riss.

Seit Jahresanfang sind die Aktien von Evergrande um 81 Prozent gefallen – bad news für Gründer und Aktionär Hui Ya Kan, einen der Reichsten im Land. Dessen Frau Ding Yumei wiederum kaufte für drei Millionen Dollar Junkbonds der eigenen Firma, um die aufgebrachten Investoren zu beruhigen.

Wenn wir ehrlich sind, läuft der Bundestagswahlkampf wie eine Netflix-Serie. Die hätte einen Außenseiter zum plötzlichen Favoriten hochgeschrieben, der dann aber im letzten Moment doch abgefangen wird. Egal, ob es am Ende zu „Jamaica“ (Schwarz-Gelb-Grün) oder zur Ampel (Rot-Gelb-Grün) kommt, FDP-Chef Christian Lindner könnte in die glückliche Lage geraten, die Dinge ordentlich zu beschleunigen. Im Handelsblatt-Gespräch postuliert der Mann, der Bundesfinanzminister werden will, dass „Verbote Innovationen vertreiben“. Im Einzelnen sagt er über…

  • digitale Chancen: „An ein deutsches Amazon glaube ich nicht. Aber wir haben andere Stärken im Maschinen- und Fahrzeugbau oder in der Chemie und im industriellen Internet. ,German engineered Klimaschutz‘ könnte ein Exporterfolg werden.“
  • Europas Erfindergeist: „Gegenwärtig dominiert dort die Idee des lenkenden Staates. Wohlstand können wir aber nicht nur verteilen, wir müssen ihn im globalen Wettbewerb erst einmal erwirtschaften.“
  • Finanzpolitik: „Ich rege an, dass wir den Bundeshaushalt wie eine Bilanz betrachten, die auch Abschreibungen auf Infrastruktur und zukünftige Zahlungsverpflichtungen etwa in die Sozialversicherungen miteinbeziehen. Das wird vielleicht manchen die Augen öffnen, wie die tatsächliche Finanzsituation des deutschen Staates in der Zukunft ist.“

Der Milliardär Jean Paul Getty hatte andere Relationen: „Reich ist man erst dann, wenn man sich bei der Bilanz um einige Millionen Dollar irren kann, ohne dass es auffällt.“

Mit der großen, grünen Welle beschäftigt sich unser Wochenendreport: „Wo so viel Geld lockt, sind Geschäftemacher, Glücksritter und zuweilen auch Kriminelle nicht weit.“

Das schreiben meine Kollegen. Schon 2025 dürfte jeder dritte Dollar in nachhaltigen Investments stecken. Und die Schweizer Großbank UBS hat ermittelt, dass ESG-Kriterien (ökologisch, sozial, good governance) für bis zu 70 Prozent der Privatanleger wichtig sind. Doch ist wirklich alles so vorbildlich, was da in Sachen ESG zirkuliert?

„Mir ist aktuell kein börsennotiertes Unternehmen bekannt, dessen Wertschöpfung bereits heute zu hundert Prozent nachhaltig ist“, sagt UBS-Europachefin Christl Novakovic: „Es sind zu viele Anbieter unterwegs, die sich nur einen grünen Anstrich geben.“ Fazit: Da wird man genauer hinschauen müssen, Naivität ist fehl am Platz.

Zu viel Hass und Desinformation rund um Corona wollte Facebook nicht mehr zulassen. Und so hat der US-Internetkonzern den Kampf mit dem Netzwerk der „Querdenken“-Bewegung aufgenommen – und löschte deren Inhalte auf der eigenen Plattform und bei seiner Tochter Instagram. Dort war zu lesen, dass die Covid-19-Beschränkungen der deutschen Politik „Teil eines groß angelegten Plans“ gewesen seien. Es soll sich um „unter 150 Konten, Seiten und Gruppen“ handeln, die gelöscht wurden.

„Querdenken“-Gründer Michael Ballweg will nun gegen die Rama-dama-Aktion des sozialen Netzwerks gerichtlich vorgehen. Generell will Facebook jedoch nicht auf politische Anzeigen verzichten – anders als der Werbevermarkter Ströer. Das Kölner Unternehmen nimmt keine diesbezüglichen Aufträge mehr an, nachdem auffiel, wie intensiv die rechtsextreme AfD und deren Freunde Plakate kleben ließen. Den Ausschlag für das „Nein“ gab jüngst die Plakatkampagne „#GrünerMist“ gegen die Grünen.

Heute feiert das Handelsblatt eine Premiere. Unter der Flagge „Handelsblatt Management Campus“ läuft das erste Training unserer neuen E-Learning-Aktivitäten an. Es geht bei #workinghybrid um Spielregeln und Vorbilder für die Zukunft der Arbeit. Fast alle Firmen stellen sich darauf ein, dass „New Work“ eine Mischung aus Präsenz- und Heimarbeit sein wird.

Für das Training haben wir Top-Managerinnen und –manager gewonnen, etwa Sirka Laudon von Axa, Stephanie Coßmann von Lanxess, Christian Schmeichel von SAP und Peter Ledermann von Edding. Infos und Anmeldung finden sich hier, für Abonnenten gibt es einen Vorzugspreis.

Mein Kulturtipp fürs Wochenende: „Scenes from a Marriage“, ein TV-Fünfteiler auf Sky im englischen Original, von Mitte November an dann in einer synchronisierten Fassung zu sehen. Der israelische Serienautor Hagai Levi, der das Psychotherapeuten-Werk „Be Tipul“ („En thérapie“ auf Arte) ersann, fabriziert hier mit Bravour ein Remake von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ aus dem Jahr 1973.

Aus Schweden werden jetzt die USA, und nicht mehr der Mann, sondern die Frau (brillant: Jessica Chastain mit Oscar Isaac) geht fremd und zerstört die Familie. Wir wohnen – durchaus mit Sinn für Humor und Sex – dem Scheitern einer Ehe in der privilegierten Ostküsten-Oberschicht bei, und fragen uns andauernd, wie das noch gleich vor fast 50 Jahren war, mit Liv Ullmann und Erland Josephson.

Foto: Reuters

Und dann ist da noch die jüngst veröffentlichte Liste des US-Musikmagazins „Rolling Stone“ mit den „500 besten Songs aller Zeiten“, bei der es Überraschungen gibt. Als Nummer eins erscheint dabei jetzt Aretha Franklin mit ihrer Hymne „Respect“ – vor Public Enemy und Sam Cooke. Megahits von Altstars wie „Gimme Shelter“ von den Rolling Stones, „Bohemian Rhapsody“ von Queen und „Dreams“ von Fleetwood Mac kommen mit Abstand hinter den Spitzenreitern.

Zum Wochenende spielen wir also den ein oder anderen der 500 Songs und finden, Aretha Franklins Emanzipationssong war doch immer noch ganz schön unterwürfig: „All I‘m asking is for a little respect when you come home.“

Ich wünsche Ihnen entspannende Tage.

Es grüßt Sie herzlich
Ihr
Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor

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