Boom der Onlinebildung: Nachhilfefirma Gostudent: Europas wertvollstes Bildungs-Start-up mit drei Milliarden Euro bewertet
Das Management-Team von GoStudent hat sein Team in 2021 um 1000 Mitarbeiter und 10.000 Nachhilfekräfte erweitert.
Foto: HandelsblattDüsseldorf, München. Dieses „Momentum“ lässt sich mit Zahlen belegen: Laut der Datenbank HolonIQ wurden 2021 weltweit umgerechnet 17,7 Milliarden Euro in sogenannte Edtechs (kurz für: Educational Technologies, also Lerntechnologie) investiert. Das ist dreimal so viel wie vor der Coronakrise. Nie war das Interesse von Investoren am Bildungsbereich größer.
Mitten im Ausnahmezustand werden hier Wetten auf die Zukunft abgeschlossen: dass das Interesse an digitaler Bildung nach der Pandemie erhalten bleibt. Marktforscher schätzen, dass der globale Onlinebildungsmarkt bis 2026 auf etwa 330 Milliarden Euro wächst. Gostudent ist laut Unternehmensangaben in den vergangenen zwölf Monaten um 700 Prozent gewachsen.
Neben dem deutschsprachigen Raum bietet es unter anderem in Frankreich, Italien, Spanien, Großbritannien, der Türkei, Polen und Russland Nachhilfe an. „Bereits innerhalb des ersten Jahres ist die Kundengewinnung profitabel“, sagt Ohswald. „Wir haben bewiesen, dass wir im Kerngeschäft skalierbar sind.“
Profitabel ist die Firma aber noch nicht. Vielmehr setzt sie auf Wachstum: Ohswald will das Geschäft jetzt auf die USA, den asiatisch-pazifischen Raum und den Mittleren und Nahen Osten ausdehnen.
Gostudent plant weltweite Expansion
Das Geld dafür bekommt Gostudent in der aktuellen Finanzierungsrunde von der Beteiligungsgesellschaft Prosus und dem Telekom Innovation Pool, daneben beteiligen sich unter anderem die Bestandsinvestoren Softbank Vision Fund II und Tencent. „Wir sind an Investoren interessiert, die langfristig mit uns planen und nicht bei der ersten Gelegenheit wieder verkaufen“, erklärt Ohswald die Auswahl der Investoren. Seit der Gründung im Jahr 2016 hat Europas wertvollstes Edtech aus Österreich insgesamt mehr als 590 Millionen Euro von Investoren aufgenommen.
Die gesamte Branche hat einen Schub bekommen, finanziell vor allem seit Anfang 2021: „Im Frühjahr hat sich abgezeichnet, dass Bildungs-Start-ups nicht nur wegen der Pandemie im Aufschwung sind, sondern der Trend durch einen systematischen Wandel in der Gesellschaft anhält“, sagt Bao-Y van Cong. Sie ist Investment Director bei der Venture-Capital-Gesellschaft Target Global, die kürzlich zwei Edtechs ins Portfolio aufgenommen hat: Lepaya aus den Niederlanden und Edukoya aus Nigeria.
Auch in Deutschland wächst die Branche: Die bisher größte Finanzierungsrunde für deutsche Edtechs verbuchte laut der Datenbank Crunchbase die Weiterbildungsplattform Coach-Hub aus Berlin, die in ihrer zweiten institutionellen Runde 97,1 Millionen Euro einsammelte. Auf Platz zwei folgt die Berliner Online-Sprachschule Lingoda, die im April 60 Millionen Euro Private Equity bekommen hat. Dahinter liegt die medizinische Weiterbildungsplattform Lecturio aus Leipzig mit 27,4 Millionen Euro.
Die Zahlungsbereitschaft für Bildung ist in der Coronakrise gestiegen
Die Zahlen sind bemerkenswert, weil vor allem deutsche Bildungs-Start-ups lange von Wagniskapitalgebern verschmäht wurden. Felix Klühr ist beim Wagniskapitalgeber HV Capital aus München für Investments in die Schul-App Sdui und die Lernvideo-Plattform Simpleclub verantwortlich. Er hat beobachtet, dass in der Pandemie plötzlich eine höhere Nachfrage nach Onlinebildung da war, aber auch ein neues Bewusstsein.
Grund sei die Angst der Eltern, dass ihre Kinder keine ausreichende Schulbildung mehr genießen. Die Finanzierungsrunden begründet der HV-Capital-Partner zudem mit einer Professionalisierung der Branche. Laut den Marktforschern von Global Industry Analysts soll der deutsche Bildungsmarkt bis 2026 um 14 Prozent wachsen.
Dabei war und ist die Ausgangslage auf dem deutschen Markt im internationalen Vergleich schwierig, sagt Bao-Y van Cong von Target Global: „Das deutsche Bildungssystem ist effizienter und besser als fast alle anderen Bildungssysteme der Welt.“ Deshalb gäbe es auch weniger privaten Nachholbedarf.
Hinzu kommt die Digitalisierungsskepsis der Deutschen. „In den Niederlanden und Großbritannien gehören Online-Bildungsangebote und digitale Bezahlsysteme bereits seit Jahren zum Alltag“, sagt van Cong. Und dann ist der deutschsprachige Raum auch noch ein viel kleinerer Markt als etwa der indische, chinesische oder amerikanische.
Das weltweit am höchsten bewertete Bildungs-Start-up ist ByJu‘s aus Indien. Die Erklärvideo-Plattform ist der größte Konkurrent für Gostudent im Nachhilfebereich. Sie wird laut HolonIQ mit 18,6 Milliarden Euro bewertet.
China stoppt seine Bildungschampions
Dahinter folgen zwei chinesische Edtechs, an deren Bewertung viele Beobachter jetzt jedoch Zweifel haben: Yuanfudao wurde im Oktober mit umgerechnet 13,7 Milliarden Euro bewertet, Zuoyebang im September mit 8,8 Milliarden Euro. Und das, obwohl die chinesische Regierung den privaten Bildungssektor erschüttert hat: Machthaber Xi Jinping hat allen Nachhilfe-Anbietern für Fächer in Chinas nationalem Lehrplan verboten, Gewinne zu erzielen.
Kinder reicherer Eltern sollen sich keine besseren Chancen auf gute Noten in den Abschlussprüfungen und damit auch auf einen Platz an den Eliteunis erkaufen dürfen, heißt es. Die Maßnahmen fallen aber in eine Zeit, in der China massiv gegen übermächtige Tech-Konzerne in vielen Bereichen vorgeht.
China hat den Firmen auch verboten, an die Börse zu gehen und sich dort Kapital zu beschaffen. Erst am Wochenende gab der chinesische Tutoring-Riese New Oriental Education bekannt, dass er 60.000 seiner 110.000 Mitarbeiter entlassen muss. Die an der New York Stock Exchange gelistete Firma hat wie auch die chinesischen Bildungsanbieter Tal Education und Gaotu Techedu praktisch ihren gesamten Börsenwert eingebüßt.
Yuanfudao und Zuoyebang sind von den Regelungen betroffen, versuchen, die neuen Regulierungsmaßnahmen aber noch zu umgehen.
Trotz dieser Eingriffe der chinesischen Regierung geht das Marktforschungsunternehmen Global Industry Analysts davon aus, dass der chinesische Edtech-Markt 2026 38,4 Milliarden Euro erreichen wird. Auffällig ist, dass sich die erfolgreichen Edtech-Firmen an Privatkunden richten und vor allem die Eltern als zahlungskräftige Zielgruppe ansprechen.
Noch abzuwarten bleibt, ob Corona auch für Edtechs, die sich an den institutionellen Bereich richten, den Durchbruch bringt. Diese Firmen versuchen, ihre Software und Inhalte direkt an Schulen und Universitäten zu verkaufen.
Darauf setzt Felix Klühr von HV Capital aktuell: „Alle Bereiche haben in der Pandemie profitiert, aber gerade digitale Lösungen für schulische Institutionen haben noch ein enormes Wachstumspotenzial.“