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BildungLehrer kritisieren Expansionskurs von Gostudent

Die Nachhilfe-Plattform ist zu Europas wertvollstem Bildungs-Start-up aufgestiegen und expandiert stark. Aber Lehrer, Tutoren und Nutzer im Internet üben Kritik.Luisa Bomke 23.01.2022 - 16:33 Uhr Artikel anhören

Die Jungunternehmer wollen Gostudent zum weltgrößten Bildungsanbieter machen und dieses Jahr in sechs weitere Länder expandieren.

Foto: Stefan Knittel

Düsseldorf. Das gefeierte Bildungs-Start-up Gostudent gerät in die Kritik. Der Deutsche Lehrerverband sowie mehrere aktuelle und ehemalige Nachhilfekräfte der Plattform warfen Europas wertvollstem digitalen Nachhilfeanbieter gegenüber dem Handelsblatt Qualitätsprobleme vor.

Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger sagte: „Unsere Befürchtung ist, dass Gostudent so stark auf Expansion setzt, dass die Belange der Schüler und die Qualität der Nachhilfe vernachlässigt werden.“ Auf Bewertungsplattformen ist zudem die Zahl negativer Urteile über die Plattform zuletzt stark gestiegen, wie eine Handelsblatt-Auswertung zeigte.

Das mit drei Milliarden Euro bewertete Start-up aus Wien hatte vor zwei Wochen 300 Millionen Euro von Investoren eingesammelt.

Die Coronapandemie hat die Bildungslandschaft in Europa nachhaltig verändert. Schulen waren über Monate geschlossen. Klassische Nachhilfe von älteren Schülern war aufgrund von Kontaktbeschränkungen stark eingeschränkt. In dieser Phase konnte Gostudent als Anbieter punkten.

Die Plattform vermittelt Tutorinnen und Tutoren an Schülerinnen und Schüler aller Jahrgänge und Fächer. Termine werden über die Plattform organisiert. Die Stunden finden per Videodienst Zoom statt. Schon jetzt ist die Firma mit mehr als 15.000 Tutorinnen und Tutoren in 22 Ländern aktiv. CEO Ohswald will das weltweit größte Bildungsunternehmen schaffen und allein in diesem Jahr in sechs weitere Länder expandieren, darunter die USA.

Zahl negativer Bewertungen deutlich gestiegen

Das schnelle Wachstum schlägt sich offenbar auf die Qualität des Angebots nieder. Auf Bewertungsportalen im Internet wie Kununu, Trustpilot oder Trustami wurde Gostudent lange vorwiegend gelobt.

Das Handelsblatt hat die deutschsprachigen Bewertungen von Gostudent auf den Plattformen seit Februar 2019 ausgewertet. Dabei zeigt sich: Der Anteil negativer Bewertungen ist seit März 2021 auf allen drei Plattformen stark gestiegen. Laut Kununu würden mittlerweile 30 Prozent der Mitarbeiter von einer Beschäftigung bei Gostudent abraten.

In den Jahren zuvor waren das nur elf Prozent. Bei Trustpilot und Trustami sieht die Entwicklung ähnlich aus: 20 Prozent der Bewertungen sind seit März auf beiden Plattformen negativ – vorher lag der Wert nur bei sechs und neun Prozent.

Gostudent-Sprecherin Lena van Hooven sagte, das Start-up nehme das Feedback ernst. „Im Jahr 2021 sind wir als Unternehmen um das 7,5-Fache gewachsen“, so van Hooven. Entsprechend sei die Zahl an Rückmeldungen insgesamt gestiegen.

Tutor: Mit Google lässt sich Einstellungstest austricksen

Nicht nur Lehrer und die Kundschaft im Internet äußerten Kritik, auch aktive und ehemalige Tutoren der Plattform führten Probleme an. Gegenüber dem Handelsblatt sagten die beiden aktiven Gostudent-Tutoren Julia und Hendrik, die nicht mit Nachnamen genannt werden wollen, sie könnten die Plattform derzeit Schülerinnen und Schülern nicht weiterempfehlen.

Zwar müssten angehende Nachhilfekräfte ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren durchlaufen. Doch das ließe sich austricksen, sagte Hendrik. Beispielsweise habe er Antworten zu den Prüfungsfragen parallel auf Google gesucht. Und er wisse von anderen Tutoren der Plattform, die auch Google während des Wissenstests genutzt haben.

Dabei verspricht Gostudent ein strenges Aufnahmeverfahren. Im Mai 2021 sagte Ohswald in einem Interview, dass nur fünf bis sieben Prozent der Bewerber als Tutoren ausgewählt würden. Im Januar 2022 heißt es auf der Website, dass zwei von zehn, also 20 Prozent der Bewerber, in die Plattform aufgenommen würden. „Gostudent sucht händeringend nach neuen Tutoren“, sagt Tutor Hendrik.

Firmensprecherin van Hooven sprach zwar von einer strengen Auswahl von Bewerberinnen und Bewerbern, kündigte aber auch an: „Unsere Systeme werden laufend verbessert, um Schummelversuche noch stärker zu reduzieren.“

Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Kritik an einem Start-up wächst, gerade wenn es so schnell expandiert wie Gostudent. Auch andere Start-ups wie die Smartphone-Bank N26, der Lieferdienst Gorillas oder Personalsoftware-Anbieter Personio gerieten während schneller Wachstumsphasen in die Kritik.

Kommission von Gostudent höher als von Plattformen wie Uber, Airbnb und Lieferando

Von Tutoren kommt allerdings noch eine andere Kritik: Die Plattform nehme eine zu hohe Kommission. Von den Gebühren, die ihre Schüler zahlen müssten, bekämen sie nur rund die Hälfte als Vergütung ausgezahlt, rechneten mehrere Tutoren vor.

Der ehemalige Tutor und BWL-Student Fabian Sauer meint: „Rein aus wirtschaftlicher Sicht agiert Gostudent nach Handbuch. Jedoch sollte sich das Unternehmen mehr auf die Bedürfnisse seiner Schüler und Tutoren konzentrieren, anstatt den Fokus so stark auf Wachstum zu setzen.“ Er würde sich vor allem wünschen, dass Gostudent die Provision verringert und so Kunden entlastet.

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Die Sprecherin von Gostudent sagt hingegen: „In Deutschland beträgt der Durchschnittspreis für eine Lerneinheit bei Gostudent 23 Euro.“ Tutoren bekämen eine durchschnittliche Vergütung von 15 Euro pro Einheit. Das würde einer Kommission von rund 35 Prozent entsprechen. Andere Plattformen wie Uber, Lieferando oder Airbnb sind aufgrund von hohen Provisionen in die Kritik geraten. Doch liegen deren Provision mit 15 bis 30 Prozent unter dem Niveau von Gostudent. Die Nachhilfe-Plattform begründet die Höhe ihrer Kommission mit administrativen und organisatorischen Aufgaben sowie Personalkosten.

Grundsätzlich sind Heinz-Peter Meidinger, Fabian Sauer, Julia und Hendrik von der Idee des Gostudent-Gründers Felix Ohswald überzeugt: Nachhilfe zu erschwinglichen Preisen, flexibel und zu Hause. „Gostudent ist gerade an einem Scheideweg und muss entscheiden, welchen Platz das Unternehmen in unserer Gesellschaft einnehmen möchte. Es darf uns Tutoren und die Kunden nicht aus dem Blick verlieren“, sagte Fabian Sauer. Sonst drohe Gostudent am schnellen Wachstum zu scheitern.

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