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Structured-Alpha-HedgefondsAllianz schließt mit vier US-Investoren Vergleiche ab

Ein New Yorker Gericht bestätigt die Vergleiche des Versicherungsriesen. Der Anwalt der Kläger spricht von einem „sehr guten“ Ergebnis.Christian Schnell, Susanne Schier 02.03.2022 - 06:21 Uhr aktualisiert Artikel anhören

Der Versicherer hat in der Bilanz für 2021 für Vergleiche und andere Kosten 3,7 Milliarden Euro zurückgestellt.

Foto: dpa

München. Der Allianz ist ein weiterer Schritt in der Aufarbeitung ihrer Rechtsstreitigkeiten mit US-Investoren gelungen. In vier von insgesamt rund 25 Fällen schloss der Dax-Konzern Vergleiche mit den Klägern. Dabei handelt es um mehrere Einheiten der Krankenversicherungsorganisation Blue Cross Blue Shield sowie um den Pensionsfonds des Rüstungskonzerns Raytheon. Das geht aus Unterlagen des Bezirksgerichts im südlichen New York hervor. Über die Höhe der Vergleichszahlungen wurde zwischen beiden Seiten Stillschweigen vereinbart.

Damit kommt erneut Bewegung in den Fall, der den Münchener Versicherer seit gut anderthalb Jahren beschäftigt. Erst in der vorletzten Woche hatte die Allianz eine Rückstellung von 3,7 Milliarden Euro für Straf- und Entschädigungsleistungen gebucht. Grund dafür sind fehlgeschlagene Hedgefonds-Strategien sogenannter Structured Alpha-Fonds der Tochter AGI.

Zu Beginn der Coronakrise im Frühjahr 2020 erlitten die hochspekulativen Produkte schwere Verluste. Bei manchen Fonds war der Wertverlust so groß, dass diese nur in den USA angebotenen Produkte geschlossen werden mussten. Seit dem Sommer 2020 klagen rund zwei Dutzend US-Großinvestoren auf Entschädigung und begründen das damit, dass die in Florida ansässige AGI-Tochter in der Phase massiver Verluste von ihrer vereinbarten Strategie abgewichen sei.

Damit habe sich der Gesamtschaden noch vergrößert. Die Rede ist von einem Gesamtvolumen von bis zu sechs Milliarden Dollar.

Eine erste Einigung verdeutlicht nun die Dimensionen, um die es in diesen Fällen geht. Wie US-Medien berichten, hatte der National Retirement Trust der Blue Cross Blue Shield Association Ende Januar 2020 rund 2,9 Milliarden Dollar in verschiedene Structured Alpha-Fonds angelegt. In einer Klage, die im September 2020 eingereicht wurde, ist von einem Verlust von mehr als zwei Milliarden Dollar die Rede.

Kläger warfen der Allianz „rücksichtsloses Verhalten“ vor

Dabei warfen die Kläger laut Gerichtsunterlagen der Allianz „rücksichtsloses Verhalten“ im Management von drei Structured Alpha-Fonds vor. Die Klage richtete sich gegen AGI und den Investmentberater Aon Investments USA.

Im Fall des Pensionsfonds von Raytheon ging es laut Gerichtsunterlagen um einen Verlust von 280 Millionen Dollar. Der Raytheon Master Pension Trust hatte in den Fonds Structured Alpha US Equity 500 investiert, der eine Rendite von mindestens 500 Basispunkten über einem Vergleichsindex versprach.

Bei den Structured Alpha-Fonds handelte es sich um Produkte mit einem höheren Rendite-Risiko-Profil. In einer Marketing-Information von Allianz Global Investors aus dem Jahr 2016 hieß es, dass die Strategie die Möglichkeit biete, von der Marktvolatilität zu profitieren. Man sichere sich aber „kontinuierlich gegen extreme Abwärtsbewegungen der Märkte ab, um ein Crashszenario zu überstehen und unter Umständen sogar davon profitieren zu können“.

Laut Gerichtsunterlagen warf der Raytheon Pensionsfonds der Allianz-Tochter AGI aus Selbstinteresse „verbotene Transaktionen innerhalb des Portfoliomanagements“ vor. Damit sollten die Gebühren maximiert werden. Statt aber Hedgefonds-Strategien über die gesamte Vertragsdauer anzuwenden, sei das Portfolio in den ersten beiden Monaten des Jahres 2020 nahezu überhaupt nicht über entsprechende Strategien abgesichert gewesen. Damit soll das Risiko gestiegen sein.

Der Anwalt Sean Gallagher von der Kanzlei Bartlit Beck, der die Kläger in diesen Fällen vertrat, sprach in einem Statement, das dem Handelsblatt vorliegt, nach der Einigung von einer „guten Vereinbarung für unsere Klienten“. Bei der Allianz wollte man sich nicht zu dem Sachverhalt äußern.

Im weiteren Verlauf der Verfahren wird es nun darum gehen, mit den verbliebenen rund 20 Klägern eine Einigung zu erzielen. Bedeutende Namen sind dabei unter anderem der Lehrer-Pensionsfonds aus Arkansas und die New Yorker Metro. In allen weiteren Streitfällen gilt die Einigung mit Blue Cross Blue Shield und Raytheon als Orientierung. Sogenannte Präzedenzfälle geben in der US-Justiz häufig die Richtung vor, woran sich weitere Kläger anschließen könnten. Wegen der Sogwirkung könnten so womöglich in Kürze weitere Einigungen erzielt werden.

Bei der Präsentation der Bilanz vor anderthalb Wochen hatte Allianz-Chef Oliver Bäte bereits erklärt, dass sich sein Haus mit einem Großteil der Kläger geeinigt habe. In diesem Zusammenhang solle auch schnell mit der Auszahlung der vereinbarten Entschädigungen begonnen werden. Dafür hatte der Versicherer eine Rückstellung von 3,7 Milliarden Euro gebildet, die nach Abzug von Steuern das Nettoeinkommen mit 2,8 Milliarden Euro belastet. „Die Kosten sind nun kalkulierbar“, sagte Bäte.

Noch keine Einigung mit Behörden

Dennoch bleiben auch nach der Einigung in den ersten vier Fällen weitere Fragezeichen für die Allianz. Dort hatte man zwar erklärt, dass die Rückstellung von 3,7 Milliarden Euro nicht nur für Vergleiche mit Großinvestoren gedacht sei, sondern auch mögliche Strafkosten des US-Justizministeriums und der Börsenaufsicht SEC eingeschlossen seien. Mit beiden Behörden laufen jedoch die Verhandlungen weiterhin, sodass in der Endabrechnung weitere Kosten hinzukommen könnten.

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Wegen der strengen Vorschriften zur Verschwiegenheit in diesen Fällen will sich der Konzern erst nach Abschluss aller Verfahren äußern. Strafverfahren mit US-Behörden gab es in früheren Jahren schon bei anderen Dax-Konzernen, beispielsweise im Dieselskandal von Volkswagen. Betroffene sprachen dabei häufig von schwierigeren Verhandlungen mit den US-Behörden als mit den betroffenen Kunden.

Hoffnung macht dem Allianz-Management dagegen der bisherige Verlauf der Aufarbeitung. „Dass wir nach acht Monaten bereits so weit sind, ist eine der schnellsten Entscheidungen, die es in solchen Fällen je gegeben hat“, hieß es bei der Präsentation der Bilanz Mitte Februar. Entscheidend sei dabei auch gewesen, dass das Haus von Anfang an voll mit allen Beteiligten kooperiert habe. Gleichzeitig gab es das Versprechen, dass ein solcher Fall bei der Allianz nie mehr vorkommen werde.

Die Allianz-Aktie notierte am Dienstag in einem schwachen Marktumfeld unter der Marke von 200 Euro.

Hinweis: In einer früheren Version des Textes war von einem Gesamtschaden von bis zu sechs Millionen Dollar die Rede. Das ist falsch. Der vermutete Schaden liegt bei sechs Milliarden Dollar.

Mehr: Trotz hoher Rückstellung: Nach den Hedgefonds-Verlusten ist bei der Allianz noch vieles ungeklärt

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