Lebensmittel: Die Bio-Marke Followfood schließt nun doch ihre russische Fischfabrik
Die Studienfreunde haben Followfood gemeinsam aufgebaut. Angefangen haben sie vor 20 Jahren mit dem Import von Zander aus Russland.
Foto: FollowfoodDen Betrieb des russischen Werks hatte er trotz allem erst einmal bewusst aufrecht erhalten. „Wenn wir dichtmachen, kämen unsere langjährigen Mitarbeiter in Existenznot“, sagte Knoll. „Mit einer Schließung würden wir die Falschen bestrafen.“ Am Montagabend kam Followfood dann zum Entschluss, den Betrieb vorerst auf Eis zu legen - aus Solidarität zur Ukraine. Die Mitarbeiter werden zunächst weiter bezahlt. Täglich hält der 48-jährige Knoll Kontakt zum Werk südlich von St. Petersburg.
Zwar macht das Russlandgeschäft nur knapp fünf Prozent vom Umsatz der Bio-Marke aus. Für Knoll ist der Krieg aber besonders schmerzlich: „Schließlich sind wir mit Followfood in Russland groß geworden.“
Um ihr BWL-Studium in Konstanz zu finanzieren, importierte er mit seinem Studienfreund Harri Butsch seit dem Jahr 2000 Zander nach Deutschland. Als Russlanddeutscher hat Butsch enge Kontakte in das Land. 2007 waren beide mit zehn Millionen Euro Umsatz Deutschlands größte Importeure des Süßwasserfischs.
„Dann erwachte unser ökologisches Gewissen“, erzählt der ehemalige Waldorfschüler Knoll. „Wir wollten Pioniere sein mit Fisch aus komplett nachhaltigen Quellen, da gab es nur zwei kleine Bio-Anbieter.“ Butsch und Knoll gründeten Followfood in Friedrichshafen – und wurden vom Fisch-Großhändler zum Händler nachhaltiger Lebensmittel.
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92 Bio-Produkte sind im Sortiment – von handgeangeltem Dosenthunfisch aus den Malediven über Bio-Lachs aus Norwegen bis zur veganen Dinkelpizza. 2020 war die Marke Followfish hinter Iglo und Costa gemeinsam mit Frosta die Nummer drei bei Tiefkühl-Fischfilet, ermittelte der Marktforscher IRI. Im Ranking der innovativsten Mittelständler der „Wirtschaftswoche“ belegte Followfood 2020 Rang sieben.
Vorreiter beim Tracking der Lieferkette
Bereits 2007 führte das Unternehmen einen Trackingcode auf der Packung ein. Damit lässt sich die gesamte Lieferkette vom Fischerboot bis zur Verarbeitung transparent nachverfolgen. „Wir essen zu viel, ohne zu wissen, woher es kommt“, so Knoll.
Viele Lebensmittelhersteller haben inzwischen nachgezogen. „Nachhaltige Produkte sind für eine immer größere Zahl von Verbrauchern ein wichtiges Kriterium beim Einkauf“, heißt es vom Lebensmittelhändler Rewe. „Die Marke Followfish ist schon seit vielen Jahren für das Thema Nachhaltigkeit bekannt und wird vom Verbraucher angenommen.“
Seit einigen Wochen ist auch die Ökobilanz jedes Followfood-Produkts online einsehbar. Der ökologische Fußabdruck wird in Vergleich gesetzt zu sieben Lebensmitteln wie Rindfleisch, Nudeln oder Tofu. „Fisch schneidet relativ gut ab und spielt für die Ernährung der Welt eine unverzichtbare Rolle“, erklärt Knoll.
Per Tracking Code lässt sich die gesamte Lieferkette der Produkte nachverfolgen.
Foto: FollowfoodGegen die Überfischung der Meere hilft seiner Ansicht nach nur nachhaltiges Befischen von Wildbeständen. Aber erst 15 Prozent des Fischfangs sind als nachhaltig zertifiziert, erklärt die Organisation MSC, die selbst solche Siegel verleiht. Konventionelle Aquakultur sieht der Unternehmer sehr kritisch. „Ich esse nie Garnelen im Restaurant“, sagt er. „Die kommen aus Farmen in Thailand oder Bangladesch, wo prophylaktisch große Mengen an Antibiotika gegeben werden.“
Followfood selbst bezieht Garnelen aus Wildfang und aus Aquakultur von Naturland-Projekten in Ecuador und Vietnam. Dort werden zugleich Mangroven aufgeforstet. Künftig soll die Garnelenzucht mit Reisanbau einen geschlossenen Kreislauf bilden.
Das Aquaponik-Projekt wurde mit Blueyou aufgesetzt, einer Beratung für nachhaltige Fischerei und Aquakultur. An Blueyou, das Weltbank, Greenpeace und Investmentfonds zu seinen Kunden zählt, hat sich Followfood nun mehrheitlich beteiligt. Zuletzt machte Blueyou aus Zürich knapp 20 Millionen Euro Umsatz. Nach dem Zukauf hat Followfood nun 120 Mitarbeiter.
Im vergangenen Jahr ging der Umsatz des Unternehmens, der 2020 noch um 32 Prozent auf 73 Millionen Euro gestiegen war, leicht zurück. „Wir haben unsere Handelsmarken mit Bio-Lachs nicht weiterverfolgt. Das Geschäft ist hart“, nennt Knoll als Grund. Für 2022 plant Followfood 85 Millionen Euro Umsatz. Kürzlich wurde der Bio-Hersteller Kissyo aus der Insolvenz zugekauft, der für Eis und Mochi-Eis aus japanischem Reiskuchen bekannt ist.
Followfood hat kürzlich den insolventen Bio-Eishersteller aufgekauft.
Foto: FollowfoodNeben den Gründern ist die Unternehmerfamilie Holeczek mit 16 Prozent an Followfood beteiligt. 2021 stieg der Mitgründer des Batterieherstellers Akasol, Sven Schulz, über seine Investmentgesellschaft mit 29 Prozent ein.
Für dieses Jahr plant das Unternehmen die nächste Neuheit: Im Mai kommt „Klimo“ auf den Markt; die Limonade wird als klimapositiv bezeichnet. „Der ökologische Fußabdruck ist gering, weil wir nur heimische Demeter-Zutaten wie Birne aus dem Alten Land verwenden. Die restlichen Emissionen kompensieren wir doppelt“, erklärt Knoll.
Er ist zuversichtlich, dass die Verbraucher das Produkt annehmen. „Den Mehrpreis für einen ethischen Mehrwert zahlen immer mehr Kunden gerne“, sagt der Öko-Unternehmer. Künftig werden nur Lebensmittelhersteller erfolgreich sein, die ihre Lieferketten und Ökobilanz beherrschen und transparent machen, ist er überzeugt.
Auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht die konventionelle Lebensmittelbranche kritisch: „Die Unternehmen legen ihre Lieferketten nur selten offen und wenn, dann in für sie angenehmen Bereichen“, heißt es von der Organisation. So könnten Menschenrechtsvergehen oder auch die Zerstörung von Wäldern und Ökosystemen verschleiert werden. Ohne eine strengere Gesetzgebung ändere sich nichts, meint die DUH.
Aufmerksamkeit durch Guerilla-Marketing
Eine solche strengere Regulierung steht allerdings bevor: Die EU plant ein Lieferkettengesetz, das weit über die deutschen Regeln hinausgeht. Firmen mit einem Umsatz über 150 Millionen Euro und mehr als 500 Mitarbeitern sollen künftig haften für Vergehen gegen Umwelt und Menschenrechte in ihrer gesamten Lieferkette.
Lieferketten-Pionier Followfood unterstützt inzwischen auch Nachhaltigkeitsprojekte an Land. Von jedem verkauften Produkt außer Fisch fließen fünf Cent in einen „Bodenretter-Fonds“ eines Pionier-Ökohofs. „Das Gut Bösel in Brandenburg macht vor, wie Humusaufbau und Bio-Anbau auch auf trockenen Sandböden höhere Erträge ermöglichen als konventionelle Landwirtschaft“, sagt Knoll. In diesem Jahr will Followfood Bio-Mehl des Hofs ins Sortiment aufnehmen.
„Tu Gutes und sprich darüber“, lautet die Devise von Followfood. Mit Guerilla-Marketing-Aktionen zieht die Marke regelmäßig Aufmerksamkeit auf sich. Influencerin Melina Sophia schockierte ihre Follower mit einem QR-Code-Tattoo auf der Stirn. Die vermeintliche Tätowierung stellte sich als Tracking Code von Followfood heraus. Ein anderer Influencer sorgte für Empörung, indem er vorgab, einen Babydelfin zu verspeisen. Für Followfood wollte er zum bewussteren Lebensmittelkonsum animieren.
„Solche PR-Aktionen für mehr Nachhaltigkeit erfordern Mut“, sagt Öko-Unternehmer Knoll. Man müsse jedoch stets aufpassen, dass diese nicht nach hinten losgehen.