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Gastkommentar – Homo oeconomicusNoch braucht Deutschland russisches Erdgas – aber nicht mehr lange

Ein sofortiger Stopp der Gasimporte würde Wirtschaft und Bevölkerung Deutschlands schwer treffen. Die Krise fossiler Energieträger ist allerdings auch eine Chance, meint Tom Krebs. 12.05.2022 - 10:52 Uhr Artikel anhören

Die Kosten eines sofortigen Lieferstopps sind hoch, aber der Nutzen politischer Maßnahmen zur Verbesserung der Erdgasverfügbarkeit ist ebenfalls groß.

Foto: dpa

Deutschland hat 2021 etwa die Hälfte seines Erdgasverbrauchs aus Russland bezogen. Zwar konnte diese Abhängigkeit in den vergangenen Monaten deutlich reduziert werden, aber ein abruptes Ende der russischen Gaslieferungen würde die Wirtschaft weiterhin hart treffen. Dabei ist es für die ökonomischen Folgen unerheblich, ob ein solcher Lieferstopp durch ein Embargo Deutschlands oder eine Entscheidung Putins herbeigeführt wird.

Die Bundesbank, fünf Wirtschaftsinstitute und der Autor dieser Kolumne haben in aktuellen Studien untersucht, welche Auswirkungen das sofortige Ende russischer Gaslieferungen haben könnte. Die Ergebnisse dieser Studien zeichnen ein beunruhigendes Bild.

Die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland würde in den ersten zwölf Monaten nach dem Lieferstopp einbrechen. Konkret wäre mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu rechnen, der mit den Produktionsverlusten des Coronajahrs 2020 oder der Finanzkrise im Jahr 2009 vergleichbar ist.

Im schlimmsten Fall könnte es zu einer Wirtschaftskrise kommen, wie sie (West-)Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt hat. Darüber hinaus wäre eine Rezession im Euro-Raum unvermeidlich.

Doch es sind nicht nur die wirtschaftlichen Folgen, die ein sofortiges Ende der russischen Erdgaslieferungen so bedrohlich erscheinen lassen. Die sozialen Folgen sind ebenfalls beunruhigend. Eine Wirtschaftskrise in den Jahren 2022 und 2023 würde dauerhafte Schäden verursachen, die gravierender sind als in den vorherigen zwei Krisen. Dies hat im Wesentlichen zwei Gründe.

  • Zum Ersten ist ein abruptes Erdgasembargo eine energiepolitische Schocktherapie, welche die Industrie und somit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft direkt trifft. Dabei ist diese Industrie nach zwei Jahren Coronakrise und globalen Lieferkettenproblemen bereits geschwächt, sodass viele gut bezahlte Jobs verloren gehen würden. Wirtschaftspolitische Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld und Überbrückungshilfen können die negativen Effekte nicht annähernd ausgleichen.
  • Zum Zweiten würde eine neue Wirtschaftskrise vor dem Hintergrund hoher Inflationsraten stattfinden. Ein Erdgasembargo wäre ein negativer Angebotsschock und könnte die bereits sehr hohen Preissteigerungsraten noch weiter in die Höhe treiben – zweistellige Inflationsraten wären möglich.

Inflation trifft überwiegend die unteren und mittleren Einkommen, sodass soziale Spannungen verschärft würden. Darüber hinaus würde ein sofortiges Gasembargo den bereits sehr engen Spielraum der Geldpolitik weiter verengen.

Auch die Fiskalpolitik müsste vorsichtig agieren, um die Inflation nicht weiter anzuheizen. Aus wirtschaftspolitischer Sicht sind negative Angebotsschocks immer eine komplexe Herausforderung, für die es keine wirklich befriedigende Lösung gibt.

Tom Krebs ist Professor für Makroökonomie an der Universität Mannheim.

Foto: Alex Kraus/Kapix
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Die Kosten eines sofortigen Lieferstopps sind hoch, aber der Nutzen politischer Maßnahmen zur Verbesserung der Erdgasverfügbarkeit ist ebenfalls groß. Deshalb muss die Bundesregierung ihren bisherigen Kurs konsequent weiterverfolgen und schnellstmöglich Ersatz für russische Erdgasimporte schaffen.

Darüber hinaus sollte sie zusätzliche Anreize zum Gassparen für private Haushalte und Unternehmen setzen. Außerdem sind zusätzliche Maßnahmen erforderlich, damit der notwendige Ausbau erneuerbarer Energien gelingen kann. Die Krise fossiler Energieträger ist auch eine Chance, die ökologische Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zu beschleunigen.

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