Energiekrise: „Auch wenn die Gas-Speicher voll sind, reicht das bei Weitem nicht“ – Zahlen zeigen trügerisches Bild
„Die Fokussierung auf Gasspeicherniveaus lenkt von dem ab, was wirklich zählt.“
Foto: Imago ImagesBerlin. Christian Mayer hegt keinen Zweifel: Große Probleme sind in diesem Winter nicht mehr zu erwarten. So schnell haben sich die deutschen Gasspeicher gefüllt. Auch die Debatte über den Weiterbetrieb der letzten drei Atomkraftwerke (AKW) habe sich damit auch erübrigt, erklärte der Spitzenkandidat der Grünen für die anstehende Landtagswahl in Niedersachsen.
Eine frohe Botschaft also, die Mayer da per Twitter verkündet?
Tatsächlich ist die Lage bei den deutschen Speichern gut. Das gesetzliche Ziel, den Füllstand zum 1. September auf mindestens 75 Prozent zu bringen, war schon am 13. August erreicht. An diesem Mittwoch waren die deutschen Erdgasspeicher zu etwa 77 Prozent gefüllt.
Die Gasspeicherstände sind inzwischen zu einer Art Fieberkurve für die Perspektiven der deutschen Volkswirtschaft geworden. Starrten die Bürger erst zwei Jahre lang auf die Sieben-Tage-Inzidenz bei den Coronafällen, werden jetzt die Gasstände unentwegt beäugt.
Doch die Gasspeicherstände vermitteln eine trügerische Sicherheit. Sie sind ein wichtiger Baustein, damit Deutschland in puncto Energieversorgung gut durch den Winter kommt, aber längst nicht der einzige.
Speicher reichen nur für zwei Monate
Volle Speicher allein verhindern eine Energiekrise nicht. Der Ökonom Benjamin Moll von der London School of Economics sagt: „Die Fokussierung auf Gasspeicherniveaus lenkt von dem ab, was wirklich zählt.“
Der Grund dafür ist simpel: Die deutschen Gasspeicher sind schlicht zu klein, um die Energieversorgung von Industrie und Verbrauchern über einen ganzen Winter decken zu können. Rund 250 Terawattstunden fassen die Speicher insgesamt.
Das ist rund ein Viertel des Jahresverbrauchs. Und der Verbrauch im Winter ist besonders hoch. Allein im Dezember 2021 lag er bei mehr als 120, im Januar bei über 140 Terawattstunden.
Würde in den kalten Monaten allein das Gas aus den Speichern genutzt und kein neues geliefert, hätte Deutschland schon nach etwa zwei Monaten kein Gas mehr – selbst bei zuvor 100 Prozent Speicherstand. Der frühere Wirtschaftsweise Volker Wieland hält fest: „Auch wenn die Speicher voll sind, reicht das bei Weitem nicht.“
Deutschland ist also darauf angewiesen, dass auch im Winter weiter Gas geliefert wird. Allerdings hat Russland seine Lieferungen schon auf 20 Prozent gedrosselt und droht damit, sie ganz einzustellen.
Das ist noch kein Grund zur Panik, Deutschland kann auch ohne russisches Gas über den Winter kommen – aber dann erst recht nicht mit den Speichervorräten allein.
Vielmehr müssten die Lieferungen aus anderen Ländern ausgeweitet werden. Aus nicht-russischen Quellen bekommt Deutschland derzeit etwa 80 Prozent seines Gases. Allerdings gibt es nur einen Weg, die Einfuhren merklich zu erhöhen: durch per Schiff transportiertes Flüssiggas (LNG).
Deutschland hat bislang aber keine Terminals, um das LNG anzulanden. Erst einmal wird die Bundesrepublik zwar über die Terminals in den Niederlanden, Belgien und Frankreich mitversorgt. Das reicht allerdings langfristig nicht, und es ist fraglich, wie es im Krisenfall um die europäische Solidarität bestellt ist. Deshalb unterstützt die Bundesregierung den Bau eigener schwimmender Terminals.
Kurz vor dem Jahreswechsel sollen in Wilhelmshaven und Brunsbüttel die ersten beiden LNG-Terminals betriebsbereit sein. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass Deutschland auch ohne russisches Gas durch den Winter kommt, wenn die Terminals zu 90 Prozent ausgelastet werden.
Es scheint, als werde das funktionieren: Die vier großen deutschen Gas-Importeure haben am Dienstag eine Absichtserklärung unterschrieben, ihre Gaseinkäufe so zu koordinieren, dass die LNG-Terminals rasch voll ausgelastet werden.
Die beiden Terminals könnten zusammen grob acht Milliarden Kilowattstunden Erdgas pro Monat in das deutsche Leitungsnetz einspeisen. LNG könnte so, angenommen, der Verbrauch wäre genauso hoch wie im Vorjahr, im Januar rund sechs Prozent der benötigten Gas-Menge decken.
>> Lesen Sie dazu: Bund und Gas-Importeure beschließen Belieferung der LNG-Terminals
Der noch wichtigere Hebel ist das Sparen. Gefüllte Speicher sind umso mehr wert, je länger sie reichen. Eine Studie einer Ökonomen-Gruppe um Forscher der Universitäten Köln und Bonn zeigt: Volle Speicher und LNG reichen nur dann, wenn Deutschland zwischen heute und April 2023 weitere 25 Prozent im Vergleich zu den Vorjahren einspart. Das wären 210 Terawattstunden.
AKWs haben nicht wirklich etwas mit den Gasspeichern zu tun
Dann würden die Speicher stets mehr als rund ein Fünftel gefüllt bleiben. „Zum Ende des Winters dürfen die Speicher nicht zu leer werden, da diese sonst nicht mehr genug Druck haben, um schnell genug Gas auszuspeichern“, erklärt Georg Zachmann vom Bruegel-Institut.
Hinsichtlich des Gassparens wird auch über einen Weiterbetrieb der drei verbliebenen deutschen Atomkraftwerke diskutiert. Allerdings würde das laut Analysehaus Energy Brainpool nur ein Prozent des jährlichen Gasverbrauchs einsparen.
Für Grünen-Spitzenkandidat Müller ist die Sache angesichts der guten Speicherstände klar: Der extreme Stresstest habe sich erübrigt. Gemeint ist offenbar der Stresstest, den das Bundeswirtschaftsministerium und die Stromnetzbetreiber derzeit durchführen, um zu klären, ob die verbliebenen Atomkraftwerke noch länger am Netz bleiben sollten.
Auch wenn das kaum Gas einsparen würde, ist Müllers Schluss trotzdem nicht korrekt. Denn die Kernkraftwerke könnten vor allem hilfreich sein, die Stabilität des Stromnetzes zu sichern und mögliche regionale Engpässe zu verhindern.
Genau das ist auch Gegenstand des Stresstests, der längst nicht abgeschlossen ist. Und mit den Gasspeichern hat das erst einmal nichts zu tun.
Erstpublikation: 17.08.2022, 16:20 Uhr