Pharmabranche: Der Biontech-Effekt: Impfung gegen Affenpocken beflügelt Bavarian Nordic
Ein Mitarbeiter eines Klinikums bereitet eine Spritze mit dem Impfstoff von Bavarian Nordic (Imvanex / Jynneos) gegen Affenpocken vor.
Foto: dpaFrankfurt. Noch vor wenigen Monaten gehörte Bavarian Nordic zu den eher unscheinbaren und in der breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannten Akteuren der europäischen Biotechszene. Doch dann erlebte der dänische Impfstoffhersteller eine Art Biontech-Effekt.
Ähnlich wie zwei Jahre zuvor das Mainzer Biotech-Unternehmen mit seinem Covid-Impfstoff rückt nun auch das dänische Start-up unvermittelt ins Rampenlicht einer breiteren Öffentlichkeit – als einziger Hersteller eines zugelassenen Impfstoffs gegen Affenpocken.
Seit Mitte Mai eine ungewöhnliche Infektionswelle mit dem Affenpockenvirus in Europa und den USA registriert wurde, erlebt das Unternehmen einen ungeahnten Nachfrageschub für sein Vakzin Imvanex und einen ebenso unerwarteten Schub für seine Aktie.
Innerhalb weniger Monate hat Firmenchef Paul Chaplin die Umsatzprognose für 2022 seitdem sechsmal nach oben korrigiert, auf jetzt 2,7 bis 2,9 Milliarden dänische Kronen, das entspricht 360 bis 390 Millionen Euro. Ursprünglich hatte Bavarian Nordic Erlöse von umgerechnet maximal 190 Millionen Euro erwartet.
Während man im März noch einen operativen Verlust vor Abschreibungen (Ebitda) von bis zu 190 Millionen Euro prognostizierte, rechnet Bavarian Nordic inzwischen mit einem fast ausgeglichenen Ergebnis.
Börsenwert mehr als verdoppelt
Auch die Cash-Position dürfte mit erwarteten 230 Millionen Euro zum Jahresende deutlich besser aussehen als ursprünglich erwartet. Aktienkurs und Marktkapitalisierung des Unternehmens haben sich seit Anfang Mai jeweils mehr als verdoppelt, auf zuletzt rund 360 Kronen je Aktie und 25 Milliarden Kronen (rund 3,4 Milliarden Euro) Börsenwert.
Insgesamt haben nach Aussage von Firmenchef Chaplin diverse Regierungen inzwischen gut neun Millionen Dosen Imvanex geordert, wovon ein Teil aber erst im nächsten Jahr ausgeliefert wird.
Zwar ist Bavarian Nordic damit weit von der Größenordnung einer Biontech entfernt, die zusammen mit Pfizer inzwischen mehr als 3,6 Milliarden Dosen Covid-Impfstoff ausgeliefert hat und innerhalb von zwei Jahren Einnahmen von mehr als 30 Milliarden Euro generieren wird. Aber auch im Falle des dänischen Biotechunternehmens sorgt letztlich eine überraschende Infektionskrankheit für einen unerwarteten Ertragsanstieg, der es erleichtern wird, andere Forschungsprojekte voranzutreiben.
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Weltweit wurden nach Daten der WHO und der amerikanischen Infektionsschutzbehörde CDC inzwischen mehr als 44.000 Affenpocken-Infektionsfälle registriert, davon rund ein Drittel in den USA. In der Vergangenheit hatten sich Ausbrüche meist auf wenige Länder in Afrika sowie auf Einzelfälle in westlichen Staaten beschränkt, bei denen die Krankheit von Reisenden eingeschleppt worden war. Der jetzige weltweite Ausbruch gilt als ungewöhnlich.
Das Affenpockenvirus ist verwandt mit dem Pockenvirus, gilt aber als bei weitem nicht so gefährlich. Die Erkrankung ist mit Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlägen verbunden, verläuft in der Regel eher mild und hat bisher nur in ganz wenigen Ausnahmen zu Todesfällen geführt. Laut Robert-Koch-Institut ist für eine Übertragung des Erregers ein enger Kontakt erforderlich. Eine Gefährdung für die Gesundheit der breiten Bevölkerung in Deutschland schätzt das RKI nach derzeitigen Erkenntnissen als gering ein.
Gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite
Die WHO hatte den Ausbruch Ende Juli als gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite eingestuft. Sowohl die WHO als auch die USA und etliche andere Länder wie Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien empfehlen eine Impfung für alle Personen, die direkten Kontakt mit Infizierten hatten oder anderweitig einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind.
Imvanex wurde primär als Impfstoff gegen Pocken entwickelt. Es handelt es sich um einen sogenannten Lebendimpfstoff, der auf einem veränderten Kuhpockenvirus, dem modifizierten Vaccinia-Ankara-Virus (MVA) basiert. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass es sich zwar in Hühnerembryos vermehren kann, nicht aber im Menschen. Es gilt daher als sicherer und besser verträglich als ältere Pockenimpfstoffe, mit deren Hilfe in den 50er und 60er Jahren die Pockenerkrankung weitgehend ausgerottet wurde.
In der EU ist Imvanex bereits seit 2013 als Pockenimpfstoff zugelassen und seit Juli dieses Jahres zusätzlich auch als Vakzin gegen Affenpocken. In den USA ist der Impfstoff unter dem Namen Jynneos und Imvamune bereits seit längerem gegen beide Erkrankungen zugelassen.
Bavarian Nordic entstand Mitte der 90er Jahre aus dem Zusammenschluss deutscher und dänischer Forschungsfirmen und ist bereits seit 1998 an der Kopenhagener Börse notiert. Noch heute arbeiten 180 von weltweit rund 760 Mitarbeitern in einem Forschungszentrum in Martinsried bei München. Ursprüngliches Ziel war die Entwicklung von Gentherapien und therapeutischen Impfstoffen gegen Krebs. Im Laufe der Jahre verlagerte sich der Schwerpunkt jedoch immer stärker in Richtung Infektionskrankheiten.
Dazu trug unter anderem auch eine langjährige Allianz mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium für die Entwicklung eines Pockenimpfstoffs bei. Im Rahmen dieser Kooperation hat die US-Regierung größere Mengen als Notfallreserve geordert, die teilweise noch bei Bavarian Nordic als Roh-Impfstoff tiefgekühlt gelagert werden. Von dieser Reserve hat das dänische Unternehmen jetzt Teile genutzt, um die unerwartete Zusatznachfrage zu bedienen. Darüber hinaus wurde aber auch die laufende Produktion erhöht.
Operativ spielte das Pocken-Vakzin dabei zuletzt nur noch eine untergeordnete Rolle für das Unternehmen. Vom Gesamtumsatz von 857 Milliarden Kronen (115 Millionen Euro) im ersten Halbjahr 2022 entfielen knapp 14 Prozent auf Imvanex. Den Löwenanteil der Erlöse lieferten vielmehr Impfstoffe gegen Tollwut, Enzephalitis und ein von Bavarian Nordic entwickeltes Ebola-Vakzin, das der US-Konzern Johnson & Johnson vertreibt.
Covid-Impfstoff in Entwicklung
Die unerwartete Nachfrage nach dem Pocken-Vakzin wird die Gewichte vorübergehend aber deutlich verschieben. Im Gesamtjahr 2022 dürfte der Pockenimpfstoff mehr als die Hälfte des Umsatzes liefern. Auch für die Folgejahre dürfte der Affenpocken-Ausbruch aus Sicht Chaplins einen positiven Effekt auf das Geschäft hinterlassen. „Es gibt eine Reihe von Regierungen, die jetzt intensiver darüber nachdenken, auf solche Fälle vorbereitet zu sein. Wir sehen da einen gewissen Wandel.“
Die längerfristigen Perspektiven indessen werden vor allem von anderen Impfstoff-Projekten geprägt. Vor allem zwei Entwicklungsprodukte stehen dabei im Vordergrund: Zum einen arbeitet Bavarian Nordic an einem Impfstoff gegen das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV). Dieses Vakzin, das ebenfalls auf dem modifizierten Vaccinia-Ankara-Virus basiert, wird inzwischen in einer Phase-3-Studie mit rund 20.000 Personen getestet.
Mit beiden Projekten adressiert Bavarian Nordic potenzielle Milliardenmärkte, die allerdings bereits von starker Konkurrenz geprägt sind. Das gilt nicht nur für den Covid-Bereich, wo die mRNA-Spezialisten Biontech/Pfizer und Moderna das Feld dominieren, sondern auch für RSV. Hier arbeiten unter anderem Pfizer und die britische GSK, Johnson & Johnson sowie Moderna an Impfstoffen in fortgeschrittenen Testphasen. Pfizer legte jüngst positive Phase-3-Daten für seinen RSV-Impfstoff vor.
Dessen ungeachtet demonstriert das Unternehmen ungebrochene Zuversicht für die Projekte und unterstreicht das mit geplanten Ausgaben für Forschung und Entwicklung von rund 270 Millionen Euro im laufenden Jahr. „Bis 2025 wollen wir eines der größten reinrassigen Impfstoff-Unternehmen werden“, formuliert Chaplin das strategische Ziel. Der Boom beim Pockenimpfstoff gibt dafür willkommenen Rückenwind.