Großbank: Credit Suisse kämpft mit Abzug von Kundengeldern – Aktionäre winken Kapitalerhöhung durch
Das Schweizer Institut steckt in einer Krise.
Foto: dpaZürich. Die Aktionäre der Credit Suisse haben der Bank eine Kapitalspritze von vier Milliarden Franken gewährt. Auf einer außerordentlichen Hauptversammlung am Mittwoch machten sie den Weg frei für zwei Kapitalerhöhungen.
Ein Aktienpaket mit einem Volumen von 1,5 Milliarden Franken soll privat platziert werden. Die saudische Großbank SNB hat angekündigt, diese Aktien zu zeichnen. Sie steigt damit zu einem der mächtigsten Aktionäre auf. Ein weiteres Aktienpaket wird bestehenden und neuen Aktionären am freien Markt angeboten. Beide Kapitalerhöhungen wurden mit über 90 Prozent Zustimmung durchgewunken.
Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann, sagte: „Das Ergebnis der heutigen Abstimmung durch die Aktionärinnen und Aktionäre ist ein weiterer wichtiger Schritt beim Aufbau der neuen Credit Suisse.“ Er betonte: „Wir konzentrieren uns voll und ganz auf die Umsetzung unserer strategischen Prioritäten, um die Basis für künftiges profitables Wachstum zu schaffen.“
Mittelabflüsse verschrecken Investoren
Wie dringend nötig das frische Kapital ist, zeigte eine erneute Gewinnwarnung, die die Credit Suisse im Vorfeld des Aktionärstreffen am Mittwoch veröffentlicht hatte. Demnach rechnet das Geldhaus im Zeitraum Oktober bis Dezember vor Steuern mit einem Fehlbetrag von bis zu 1,5 Milliarden Franken.
Die Bank hatte die Anleger bereits auf einen Verlust im vierten Quartal eingestellt. Das Ausmaß hat die Märkte dennoch überrascht. Die Aktie fiel am Mittwochvormittag um mehr als sechs Prozent. Bereits im dritten Quartal hatte die Bank einen Verlust von vier Milliarden Franken verbucht.
Was viele Investoren verschreckte: Die Credit Suisse kämpft mit hohen Mittelabflüssen im Kerngeschäft, der Vermögensverwaltung. Seit Ende September sei das verwaltete Vermögen der Bank um zehn Prozent geschrumpft, teilte die Credit Suisse weiter mit. Das sorge für weniger Nettozinsertrag sowie ein geringeres wiederkehrendes Kommissions- und Gebührenaufkommen.
Allein in den ersten zwei Oktoberwochen hatten Kunden sechs Prozent des angelegten Vermögens abgezogen. Die Credit Suisse musste kurzzeitig sogar ihre Liquiditätsreserve anzapfen, um die Kontokündigungen zu bedienen.
Dieser Trend habe sich seit Mitte Oktober verlangsamt, sei aber noch nicht vollends gestoppt worden, heißt es von der Bank weiter. Immerhin: Im Schweiz-Geschäft hätten sich die verwalteten Vermögen weitgehend stabilisiert.
Andreas Venditti, Analyst bei Vontobel, bezeichnet die Entwicklung als „tief beunruhigend“. Er sagte: „Die Credit Suisse muss so schnell wie möglich das Vertrauen wieder herstellen – aber das ist leichter gesagt, als getan.“
Hoher Preis für strategische Unsicherheit
JP-Morgan-Analyst Kian Abouhossein schrieb in einer aktuellen Studie, er sei „perplex“ angesichts der massiven erwarteten Verluste im Investmentbanking. Die Bank sei „noch nicht über den Berg, was die Stabilisierung der Marke angeht“.
Die Bank zahlt damit einen hohen Preis für ihre Entscheidung, sich für die Ausarbeitung der neuen Strategie unter dem seit Ende Juni amtierenden CEO Ulrich Körner drei Monate Zeit zu lassen.
Während das Topmanagement um CEO Ulrich Körner an der neuen Strategie feilte, nahmen Anfang Oktober in sozialen Medien plötzlich Gerüchte über einen bevorstehenden Zusammenbruch der Bank an Fahrt auf.
Die Aktie schien allein aufgrund dieser Gerüche abzustürzen – und selbst Kreditausfallversicherungen für Anleihen der Credit Suisse verteuerten sich rasant. Das sorgte für Verunsicherung bei Kunden weltweit – besonders stark jedoch in Asien.
Seit Körner Ende Oktober seine neue Konzernstrategie und umfangreiche Sparprogramme vorgestellt hat, hat sich die Nervosität gelegt. Am Mittwoch bekräftigte die Bank ihr Ziel, bis Jahresende eine Eigenkapitalquote von 13,5 Prozent zu erreichen.
Doch der Konzernumbau und die Stelleneinsparungen im Umfang von fünf Prozent der Belegschaft verschlingen viel Geld. Zudem drohen weitere Abschreibungen auf den Wert von Immobilienbesitz oder Software, warnte das Geldhaus.
Seit Anfang 2021 versucht die Bank mit immer neuen strategischen Anpassungen die Skandale der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Der Prozess kostete zahlreichen Topmanagern und Verwaltungsräten ihren Job.
CEO Körner mutet der Bank bisher die stärksten Einschnitte zu. Er will bis zu 9000 der insgesamt 52.000 Stellen einsparen. Zudem hat die Credit Suisse angekündigt, große Teile des Investmentbankings auszugliedern und zu verkaufen. Der Abbau von Risiken und ein Fokus auf die Vermögensverwaltung sollen die Wende bringen.