Asia Techonomics: Zwölf-Stunden-Schichten erlaubt – So krempelt Apple Indiens Arbeitsrecht um
Die arbeitsrechtlichen Bestimmungen in Indien sind strenger als in China.
Foto: Bloomberg/Getty ImagesBangkok. Indiens Arbeitsrecht ist bekannt dafür, nicht gerade besonders arbeitgeberfreundlich zu sein. Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern dürfen betriebsbedingte Kündigungen zum Beispiel nur aussprechen, wenn sie dafür eine Genehmigung der Behörden erhalten. Das schreckt viele Unternehmer ab – und gibt ihnen Anreize, ihre Betriebe lieber klein zu halten, anstatt alles auf Wachstum zu setzen.
Ökonominnen und Ökonomen argumentieren seit Langem, dass solche starren Regeln mehr schaden als nutzen – ein wichtiger Grund dafür ist, dass der Großteil der Erwerbstätigen in Indien nicht in regulären Jobs, sondern im informellen Sektor beschäftigt ist. Diese Arbeit wird nicht in der offiziellen Statistik erfasst. Änderungen am Arbeitsrecht lassen sich aber nur selten durchsetzen – der gesellschaftliche Widerstand ist meist zu groß.
145 Überstunden im Monat sind künftig erlaubt
Dass die arbeitsrechtlichen Bestimmungen in dem Land deutlich strenger sind als in der Volksrepublik, scheint den iPhone-Konzern aber in seinen Ambitionen auf dem Subkontinent zu stören. Er wurde deshalb Medienberichten zufolge gemeinsam mit seinen Lobbyisten bei mehreren indischen Bundesstaaten vorstellig, um sich für eine Liberalisierung der Bestimmungen einzusetzen.
Dabei hatte Apple, das sich den Berichten zufolge unter anderem mit seinem wichtigsten Auftragsfertiger Foxconn an die Lokalregierungen wandte, offenbar Erfolg: Im Bundesstaat Karnataka, wo derzeit der Apple-Zulieferer Wistron produziert, beschloss das Parlament Ende Februar, die zulässige Schichtlänge von bisher neun auf zwölf Stunden auszudehnen.
Statt maximal 75 Überstunden im Monat sind künftig 145 zusätzliche Stunden erlaubt. Und im Gegenzug zu bisher sollen auch Frauen in den Nachtschichten eingesetzt werden dürfen.
In der wöchentlichen Kolumne schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien.
Foto: Klawe RzeczyDie Änderungen entsprechen offenbar klar den Vorstellungen von Apple und seinen Lieferanten, die laut dem Finanzdienst Bloomberg ähnliche Bedingungen in China vorfinden – und sich demnach derzeit auch im Bundesstaat Tamil Nadu für entsprechende Änderungen des Arbeitsrechtes einsetzen.
In Karnataka wurde wenige Tage nach der Deregulierungsentscheidung bekannt, dass Foxconn dort eine neue iPhone-Fabrik plant, die laut den lokalen Behörden in den kommenden zehn Jahren 100.000 Jobs schaffen könnte.
>> Lesen Sie auch: Indien will Chinas Schwäche nutzen – hat aber noch erheblichen Nachholbedarf
Für Indien ist die Entwicklung äußerst ambivalent: Einerseits hat es das Land dringend nötig, seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen – besonders im Vergleich zu China hat das Land bei seiner Attraktivität als Produktionsstandort noch großen Nachholbedarf.
Wenn Konzerne wie Apple, der wegen seiner enormen Finanzkraft die volle Aufmerksamkeit der indischen Politik hat, dazu beitragen können, Investitionshürden abzubauen, dann ist das erst einmal eine gute Nachricht.
Gewerkschafter fordern Rücknahme der Arbeitsrechtsreform
Zum Problem wird das allerdings, wenn internationale Konzerne die Diversifizierung ihrer Lieferketten auf dem Rücken von Fabrikarbeitern austragen – und mit ihrer wirtschaftlichen Macht geringere Standards durchsetzen. In Karnataka gibt es deutliche Kritik an den neuen Regeln: „Es ist Sklaverei, Arbeiter zwölf Stunden am Tag auszubeuten“, klagte der Abgeordnete Ayanur Manjunatha. Die Gewerkschaftsorganisation IndustriALL Global Union bezeichnete die neuen Regeln in dem Bundesstaat als Anti-Arbeiter-Gesetz und forderte dessen sofortige Rücknahme.
Weitere Kolumnen der Reihe Asia Techonomics:
Die Lobby-Organisation Indian Cellular and Electronics Association (ICEA), die sich für die Interessen von Unternehmen wie Apple und Foxconn einsetzt, bezeichnet die Reform des Arbeitsrechts hingegen als überfällig. Sie sei elementar für das Ziel der indischen Regierung, mehr Produktionsbetriebe ins eigene Land zu bringen und würde außerdem dabei helfen, die Beschäftigungschancen von Frauen zu erhöhen.
Das kann durchaus stimmen – es ist sehr wahrscheinlich, dass die iPhone-Produktion in Indien deutlich schneller wachsen wird, wenn sich die Behörden auf die Forderungen der Arbeitgeber einlassen. Es ist jedoch fraglich, ob die betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wirklich eine echte Wahl haben, wenn sie sich entscheiden müssen, ob sie zu den neuen Bedingungen weitermachen.
In der Kolumne Asia Techonomics schreiben Nicole Bastian, Sabine Gusbeth, Dana Heide, Martin Kölling und Mathias Peer im wöchentlichen Wechsel über die spannendsten technologischen und wirtschaftlichen Trends in der dynamischsten Region der Welt.
Erstpublikation: 30.03.2023, 08:35 Uhr.