Kommentar: Investoren zahlen nicht mehr für Luftschlösser

Investoren überschütten Start-ups nicht mehr wahllos mit Finanzierungen – und das ist gut so.
Foto: imago/PanthermediaEs ist noch nicht so lange her, dass Gründer wie Kagan Sümer, der frühere Chef des Schnelllieferdienstes Gorillas, die Konditionen bei Finanzierungsrunden einfach vorgeben konnten. Die glichen eher Auktionen, in denen Unternehmer veranschlagten, welche Summen sie bräuchten und diese dann ohne viel Prüfung von Investoren bekamen. Im besten Fall konkurrierten die Geldgeber noch miteinander um den Zuschlag.
Mit der Zinswende, hohen Inflation und dem Krieg in der Ukraine haben die Investoren wieder die Oberhand. Und lassen sich nur mühsam davon überzeugen, etwas von ihrem knapper gewordenen Geld fließen zu lassen.
So gaben sie im ersten Halbjahr nur noch die Hälfte der Summe des Vorjahreszeitraums an deutsche Start-ups. Zu den Empfängern gehörten überwiegend Jungunternehmen mit einem klaren Plan, wie zunächst Umsatzwachstum und möglichst bald Profitabilität erreicht werden können. Firmen wie die Energie-Einhörner Enpal und 1Komma5 Grad, die zumindest operativ bereits ein positives Ergebnis erzielen, hatten deswegen letztlich keine Probleme, in diesem Jahr neue Finanzierungsrunden zu stemmen.
Mehr für weniger Geld
Doch selbst im Erfolgsfall ist inzwischen klar: Die Gespräche ziehen sich. Im Markt wird wieder das Sprichwort gelebt „drum prüfe, wer sich bindet“. Man will überzeugt werden, und das dauert. Wenige Seiten umfassende Präsentationen einer Geschäftsidee, wie damals bei Gorillas, genügen inzwischen keinem Geldgeber mehr.
Stattdessen wollen diese Nachweise zur Geschäftsentwicklung, Kunden- und Marktanalysen und einen realistischen Blick auf die Wettbewerber. Daran orientieren sich dann auch die Bewertungen, die bei neuen Finanzierungsrunden weit von den Luftnummern aus der Coronazeit entfernt sind.
>> Lesen Sie hier dazu mehr: Start-up 1Komma5 Grad wird zum Einhorn
Im Vergleich zu den früheren Boomzeiten bekommen Investoren damit mehr für ihr Geld. Immer wieder werden die Beispiele von Airbnb, Uber und Zalando angeführt, die allesamt in der Finanzkrise entstanden sind und seither gezeigt haben, dass sie sich an neue Gegebenheiten anpassen können. Investitionen in diese inzwischen börsennotierten Firmen haben sich für alle frühen Geldgeber mehrfach ausgezahlt.
Nach solchen Gewinnern halten alle Wagniskapitalgeber Ausschau. Doch jetzt sind die nicht mehr bereit, auf dem Weg wahllos Luftschlösser zu finanzieren. Das Geld, es wird wieder smarter eingesetzt. Und Gründer müssen zuerst wieder an ein solides Geschäftskonzept denken. Das ist für alle Beteiligten eine positive Entwicklung.