Verbraucherpreise: Inflationsrate in Deutschland sinkt weiter
Die EZB strebt eine Inflation von 2,0 Prozent an.
Foto: dpaFrankfurt, Düsseldorf. Die Inflationsrate in Deutschland fällt weiter – allerdings erweist sich die Teuerung als hartnäckiger als erwartet. Die Verbraucherpreise stiegen im August im Vergleich zum Vorjahresmonat nur noch um 6,1 Prozent. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten im Vorfeld allerdings mit einem Rückgang auf 6,0 Prozent gerechnet. Im Juli waren die Verbraucherpreise noch um 6,2 Prozent gestiegen, nach 6,4 Prozent im Juni.
Am Vormittag hatten die Inflationszahlen aus den Bundesländern für Aufsehen gesorgt: Hier stieg die Teuerungsrate in vier der sechs für die Berechnung maßgeblichen Länder an, in den anderen beiden sank sie.
Die aktuellen Zahlen stellen die Europäische Zentralbank (EZB) vor eine neue Herausforderung: Auf der einen Seite müssen die Notenbanker versuchen, die Inflation in den Griff zu bekommen, auf der anderen Seite müssen sie aber beachten, dass weiter steigende Leitzinsen die Gefahr einer tiefen Wirtschaftskrise in der Währungsunion verschärfen.
„Der Weg nach unten ist steinig“, kommentiert Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, die Entwicklung der Teuerung. Gegenüber dem Vormonat Juli habe sich die Lebenshaltung auch wegen der hohen Energiepreise weiter deutlich verteuert.
Aber auch die sogenannte Kerninflation, bei der schwankungsanfällige Komponenten wie Energie und Nahrungsmittel herausgerechnet werden, stimmt Heise skeptisch. Dieser von der EZB stark beachtete Wert lag im August bei 5,5 Prozent, und damit deutlich über dem Stabilitätsziel der Notenbank von zwei Prozent. Die Entwicklung der Kerninflation zeige, wie schwierig die Rückkehr zur Preisniveaustabilität sei, warnt Heise. Aus einmaligen Preisschocks drohten anhaltende Preissteigerungen zu werden.
Auch Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW meint: „Die Inflation in Deutschland erweist sich als zählebig, der geringe Rückgang im Sommer ist enttäuschend." Bastian Hepperle vom Bankhaus Hauck Aufhäuser Lampe sieht ebenfalls „noch zu viel Druck auf dem Inflationskessel“. Zuversichtlich stimmt ihn der deutliche Rückgang bei den Produzenten- und Einfuhrpreisen, die mit Verzögerung auch für Entlastung bei der allgemeinen Inflation sorgen sollten. Die Importpreise fielen im Juli mit 13,2 Prozent zum Vorjahresmonat so stark wie seit über 36 Jahren nicht mehr.
Commerzbank-Volkswirt Ralph Solveen sieht neben dem nachlassenden Preisdruck aus dem Ausland allerdings auch belastende Faktoren, weil gleichzeitig der interne Preisdruck unter anderem durch den starken Anstieg der Löhne zugenommen habe. Solveens Fazit: „Das Inflationsproblem ist noch lange nicht gelöst.“
Deutschland wird zum Problemfall für die EZB
Vor ihrer nächsten Zinssitzung im September dürfte die EZB die Preisentwicklung in der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone besonders im Auge behalten. Heise meint: „Der Rückgang der Inflationsrate in Deutschland ist so schwach, dass die EZB eher zu weiteren Zinssteigerungen tendieren wird.“
Die aktuellen Zahlen zeigen, dass Deutschland immer mehr zum Problemfall für die EZB wird. In der größten Volkswirtschaft der Euro-Zone liegt die Inflation deutlich höher als in anderen Mitgliedsländern. Spanien meldete am Mittwoch etwa einen Anstieg der Inflation, allerdings auf lediglich 2,6 Prozent. Am Donnerstag steht die Veröffentlichung der aktuellen Inflationsdaten für den gesamten Euro-Raum an. Experten erwarten, dass die Teuerung im August weiter auf 5,1 Prozent von 5,3 Prozent im Juli zurückgeht.
Die deutsche Wirtschaft leidet unter einer akuten Wachstumsschwäche. Neben den hohen Zinsen bremsen die teure Energie und ein schwacher Export. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet deshalb in einer aktuellen Prognose in diesem Jahr mit einem Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um bis zu 0,5 Prozent. Der Internationale Währungsfonds erwartet für 2023 ein Minus von 0,3 Prozent. Die Bundesrepublik ist die einzige Industrienation, für die der Fonds einen Rückgang der Wirtschaftsleistung prognostiziert.
Aber auch im Rest der Euro-Zone verschlechtert sich die Stimmung zusehends. So ist der Index für das Vertrauen in die Wirtschaft der Euro-Zone im Juli den vierten Monat in Folge gefallen. Der Einkaufsmanagerindex für die Euro-Zone, ein wichtiger Frühindikator für die Konjunktur, sackte im August überraschend deutlich auf 47,0 Punkte von 48,6 Punkten im Vormonat ab. Ein Wert unter 50 signalisiert eine schrumpfende Wirtschaft.
Angst vor Wohlstandsverlusten
Uneins sind sich die Experten über die Wirkung der jüngsten Inflationsdaten auf die deutsche Konjunktur. „Kräftige Lohnzuwächse sorgen für mehr Geld im Portemonnaie, und im September ist endlich mit einem substanziellen Rückgang des Verbraucherpreisanstiegs zu rechnen, wenn die Entlastungspakete des Vorjahres aus der Vergleichsbasis fallen“, argumentiert etwa Fritzi Köhler-Geib, die Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW. Das werde der lahmenden Konjunktur Rückhalt geben.
ZEW-Experte Heinemann ist weniger optimistisch. Seiner Meinung nach nährt der Kaufkraftschwund die Sorge vor Wohlstandsverlusten, was dagegenspreche, dass der private Konsum auf absehbare Zeit der Wirtschaft neuen Schwung geben könne.
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Die EZB hat im Kampf gegen den starken Preisauftrieb seit Sommer 2022 bereits neun Mal in Folge die Zinsen angehoben – zuletzt im Juli. Der am Finanzmarkt wichtige Einlagensatz liegt seither bei 3,75 Prozent, das ist das höchste Niveau seit 23 Jahren. Für die nächste Zinssitzung am 14. September hat die EZB den Finanzmärkten noch keine klare Orientierung gegeben.
In ihrer Rede beim Treffen der internationalen Notenbanker in Jackson Hole hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde betont, dass es in der von Unsicherheit geprägten aktuellen Lage wichtig sei, an einer hinreichend straffen Geldpolitik festzuhalten. Die Notenbanker müssten dabei klar in den Zielen, flexibel in der Analyse und bescheiden in der Kommunikation bleiben.
Für die EZB bedeute das, „die Zinssätze so lange auf ein ausreichend restriktives Niveau festzulegen, wie es notwendig ist, um eine rechtzeitige Rückkehr der Inflation zu unserem mittelfristigen Ziel von zwei Prozent zu erreichen“. Was dies für die anstehende Zinssitzung im September bedeutet, ließ die EZB-Chefin allerdings offen.
Bundesbankpräsident Joachim Nagel wies in Jackson Hole darauf hin, dass die Lage insgesamt für die EZB sehr herausfordernd sei. Die Wirtschaftsaktivität verlangsame sich, was nach neun Zinserhöhungen aber auch keine Überraschung sei. Zum weiteren EZB-Zinspfad sagte er: „Für mich ist es viel zu früh, um über eine Zinspause nachzudenken.“
Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) stützt den Kurs der EZB. Zum Abschluss der Kabinettsklausur im brandenburgischen Meseberg betonte er, die Inflation sei nicht gut für Unternehmen und Bürger. Der Kurs der EZB sei daher richtig, die Teuerung prioritär zu bekämpfen. Die Regierung versuche, bei allen Hilfen für die Wirtschaft so zielgerichtet vorzugehen, dass dies nicht zu einem neuen Inflationsschub führe.