Start-up: Schnelllieferdienst Jokr verliert Einhornstatus
Der frühere CSO von Delivery Hero, Ralf Wenzel, will mit Jokr in Zukunft wieder expandieren.
Foto: PRBerlin. Der nur noch in Brasilien aktive Schnelllieferdienst Jokr ist bei einer Finanzierungsrunde mit 800 Millionen Dollar bewertet worden und zählt damit nicht mehr zu den „Einhörnern“ mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar. Dabei hat das 2021 von Food-Tech-Szeneveteran Ralf Wenzel gegründete Start-up bisher insgesamt über eine halbe Milliarde Dollar von Investoren eingesammelt, bei der aktuellen Runde waren es 50 Millionen Dollar. Bei der letzten Finanzierungsrunde im Februar lag die Bewertung von Jokr laut dem Datendienst Crunchbase noch bei 1,3 Milliarden Dollar.
Die aktuelle Finanzierungskrise unter Start-ups trifft sogenannte Quick-Commerce-Unternehmen besonders hart. Angesichts des schwierigen wirtschaftlichen Umfelds aus Konsumflaute, hoher Inflation und steigenden Zinsen sind Investoren vorsichtiger geworden und bevorzugen Firmen, die in absehbarer Zukunft profitabel arbeiten könnten oder bereits heute schwarze Zahlen schreiben. Das schaffte bisher keiner der Lebensmittel-Schnelllieferdienste, die in der Coronapandemie entstanden sind.
Der Berliner Anbieter Gorillas wurde von Getir aus der Türkei übernommen – das selbst bei der jüngsten Finanzierungsrunde nur noch mit 2,5 Milliarden Dollar bewertet wurde, einem Viertel des früheren Firmenwerts. Wie der Berliner Konkurrent Flink hat sich Getir inzwischen aus vielen Märkten zurückgezogen. Nur der US-Lieferdienst Instacart macht Gewinne und legte jüngst ein erfolgreiches Börsendebüt an der Wall Street hin – auch dort gibt es aber Zweifel am dauerhaften Geschäftserfolg.
Jokr war in Brasilien gestartet, hatte zwischenzeitlich aber auch nach Warschau, Wien, Lima, Mexiko-Stadt und New York expandiert. Inzwischen liefert Jokr unter dem Namen Daki nur noch in den brasilianischen Ballungsgebieten Sao Paulo, Rio de Janeiro und Belo Horizonte aus. Die Kosten, vor allem für die Logistik und Lieferfahrer, waren schlicht zu hoch für das Start-up. In der Zukunft will Wenzel aber gern wieder expandieren, sagte er dem Handelsblatt. Auch in Brasilien selbst, da „das Land so groß wie Kontinentaleuropa ist, was die Stadtbevölkerung angeht“.
Spirituosen-Weltmarktführer Pernod Ricard steigt bei Jokr ein
Die Investoren von Jokr hätten es „begrüßt, dass wir so schnell reagiert und uns frühzeitig aus den anderen Märkten zurückgezogen haben“, sagt Wenzel. Aktuell habe Brasilien „die besten Parameter“ mit Blick auf die junge Bevölkerung und die geringere Anzahl von Supermärkten.
Im Rahmen der jüngsten Finanzierungsrunde kam der weltgrößte Spirituosenhersteller Pernod Ricard aus Frankreich an Bord. Man werde zusammen an Synergien arbeiten, sagt Wendy Wattebled von Pernod Ricards Investmentarm Convivalité Ventures. Jokr verkauft auch selbst Produkte des französischen Konzerns, der für Marken wie Ramazotti und Havana Club bekannt ist.
Ein neuer Investor ist auch die Schweizer Bank Lombard Odier. Bestandsinvestoren wie G-Squared, GGV, Balderton Capital, Monashees, Greycroft und Tiger Global haben sich ebenfalls beteiligt. „Trotz der herausfordernden Zeiten haben wir es geschafft, eine Finanzierungsrunde ohne Sonderbedingungen durchzuführen. Niemand ist schlechter gestellt als vor der Runde“, sagt Wenzel. Sonderbedingungen wie Liquidationspräferenzen räumen Investoren eine Vorzugsbehandlung ein.
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Der deutsche Wagniskapitalgeber HV Capital ist bereits seit kurz nach der Gründung an Jokr beteiligt. Partner Alexander Joël-Carbonell sagt: „Jokrs Fokus auf stark wachsende, strukturell attraktive Märkte in Lateinamerika ist die einzig richtige und langfristig profitable Strategie, auch um deren bestehende Führungsposition weiter auszubauen.“
Ralf Wenzel ist in der Food-Tech-Szene sehr bekannt. Er hat den Lieferdienst Foodpanda mitgegründet, der mittlerweile zu Delivery Hero gehört. Dem japanischen Investor Softbank half er bei der Sanierung des in Schwierigkeiten geratenen Coworking-Anbieters Wework. Nun will er Jokr profitabel machen.
In den kommenden Monaten will er zuerst einen Betriebsgewinn (Ebitda) erwirtschaften. „Über die nächsten ein bis zwei Jahre soll dann auch der Geldfluss positiv werden“, sagt Wenzel. Um das möglich zu machen, deckt Jokr inzwischen das gesamte Supermarktportfolio ab. „Kunden können wählen, ob sie die Waren sofort erhalten möchten oder ein Zeitfenster angeben.“ Und er ergänzt mit Verweis auf Deutschland: „Wir sind praktisch eine Kombination von Flink und Rewe.“