Volkswagen: So hat ein verdächtiges Datenpaket den Weltkonzern VW lahmgelegt
Ein Ausfall in der IT hat bei Volkswagen etliche Werke und Büros lahmgelegt. Die Ursache liegt wohl im Netzwerk der Konzernzentrale.
Foto: Volkswagen AGDüsseldorf. Die Spur führt nach Wolfsburg: Gut 24 Stunden nach der großen Störung in der Netzwerkstruktur bei Volkswagen verdichten sich Hinweise auf die Ursache. Der IT-Ausfall, der weltweit die Produktion bei VW lahmlegte, hat seinen Ursprung offenbar im Unternehmensnetz der Konzernzentrale. Wie eine mit dem Vorgang vertraute Person dem Handelsblatt berichtet, hätten sich auf den Servern untypische Dateninhalte innerhalb der IT-Struktur vervielfältigt und so die Störung verursacht.
Um das Problem einzukreisen, seien testweise nach und nach Dienste, die der Konzern nutzt – auch von externen Dienstleistern wie der Telekom oder dem Cloud-Anbieter Amazon AWS – abgeklemmt und wieder verbunden worden. „Letztlich lag der Kern des Problems aber zentral in Wolfsburg“, heißt es von dem Insider. Das verdächtige Datenpaket sei in der Nacht zu Donnerstag identifiziert und isoliert worden.
Warum die Dateninhalte von den Warnsystemen des Dax-Konzerns nicht sofort erkannt wurden und was genau mit „untypisch“ gemeint ist, blieb bisher unklar. Volkswagen betont, dass externe Einflüsse als Ursache für die Störung als unwahrscheinlich gelten. Heißt: Einen Hackerangriff stuft das Unternehmen zur Stunde als unrealistisch ein.
Warnsysteme wie Firewalls springen allerdings bei neuen Problemen bisweilen nicht an, weil diese auf Mustern bisher bekannter Störungen und Attacken basieren. „Ein Grundproblem, wenn völlig neuartige IT-Störungen erstmals auftreten“, erklärt Alexander Thamm, der mehrere Dax-Konzerne bei der Verwaltung und Organisation ihrer Datenaufkommen berät.
Wie die IT-Störung bei VW ihren Lauf nahm
Volkswagen hatte am Mittwoch eine seiner schwersten IT-Krisen der Konzerngeschichte erlebt. Die Produktion stand in mehreren VW-Werken für Stunden still, darunter auch im größten Automobilwerk der Welt am Stammsitz in Wolfsburg.
Auch andere VW-Konzerntöchter wie Audi und Porsche waren von der Störung betroffen. Daneben fielen auch Händlersysteme und die IT-Struktur der Vertragswerkstätten aus. Auch in mehreren Konzernwerken in China und im US-Werk in Chattanooga ging zeitweise nichts mehr, wie Unternehmenssprecher auf Anfrage bestätigten. In China sollen auch die Logistik und der Vertrieb des Konzerns gestört gewesen sein.
Am frühen Mittwochabend hatte ein Sprecher dem Handelsblatt eine „IT-Störung von Netzwerkkomponenten am Standort Wolfsburg“ bestätigt. Offiziell hieß es: „Die Störung besteht seit 12.30 Uhr. Es gibt Implikationen auf fahrzeugproduzierende Werke.“
Auch an den sächsischen Standorten wie Zwickau ging am Mittwoch lange nichts bei VW.
Foto: ReutersZunächst meldete ein Unternehmenssprecher der Marke VW, dass die Produktion in den Werken Wolfsburg, Emden, Osnabrück und Zwickau stillstehe.
Nach und nach kamen weitere Standorte dazu, darunter auch die Komponentenwerke in Braunschweig, Kassel, Chemnitz und Salzgitter. Am Abend bestätigte auch eine Audi-Sprecherin, dass Werke der Premiummarke wegen des IT-Vorfalls Schichten ausfallen lassen mussten.
Auch in den Büros war der Ausfall der Technik deutlich zu spüren. Finanz- und Buchungssysteme reagierten nicht – die Monatsgehälter der Beschäftigten waren zu diesem Zeitpunkt immerhin schon überwiesen. An vielen Standorten funktionierte der Mailverkehr über Stunden nicht, andernorts war der Notruf ausgefallen. Am Stammsitz Wolfsburg sollen zudem Drehkreuze und Aufzüge, die mit Hausausweisen korrespondieren, eingeschränkt gewesen sein oder gar nicht funktioniert haben.
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Eine IT-Spezialistin eines externen Dienstleisters, der für die Netzwerke von VW und Audi zuständig ist, sprach am Mittwochabend von einer weltweiten Störung. „Überall stehen die Bänder still, seit heute Nachmittag – auf der ganzen Welt“, sagte sie. „Wir haben ein Riesenproblem.“ Kurz darauf bestätigte VW in Nordamerika und in China dem Handelsblatt, von dem Vorfall betroffen zu sein.
Die Autoproduktion von heute ist digital stark vernetzt. Jedes Auto hat einen scanbaren Code, der mit dem IT-System und der Logistik-Kette des Herstellers korrespondiert. Weil die Werke der meisten VW-Konzernmarken eng mit der zentralen IT-Infrastruktur in Wolfsburg als IT-Knotenpunkt verbunden sind, hatte die Störung standortabhängig unterschiedlich starke Auswirkungen, heißt es aus dem Konzern.
Noch immer hat VW keinen vollständigen Überblick
Bis zum Donnerstagmittag gab es kein detailliertes Bild, wie viele und welche Werke weltweit exakt betroffen waren. Die Auswirkungen gelten intern jedoch als heftig – Folgekosten lassen sich noch nicht abschätzen. Ein Konzern-Insider sagte wenige Stunden nach Bekanntwerden der IT-Störung: „Hier herrscht Ausnahmezustand.“ Eine detaillierte Aussage zu den Ursachen des Vorfalls steht von Konzernseite weiter aus.
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Für die Produktion bei Volkswagen ist der IT-Ausfall nicht die erste Hiobsbotschaft in letzter Zeit. Zuletzt hatte der Konzern wegen zu geringer Nachfrage nach Elektroautos und Problemen bei einem Zulieferer in Slowenien Produktionsschichten in einigen seiner Werke streichen müssen und zum Teil Kurzarbeit angemeldet. In Zwickau und Emden wurden die Verträge von Hunderten befristet Beschäftigten nicht verlängert. Besonders stark betroffen war die sogenannte Kernmarke VW, die für einen Großteil des Konzernabsatzes verantwortlich ist.
Volkswagen hatte zum Ende des ersten Halbjahrs seine konzernweiten Absatzziele zurechtstutzen müssen – auf neun bis 9,5 Millionen verkaufte Autos. Zuvor waren die Wolfsburger von mindestens 9,5 Millionen Fahrzeugen für 2023 ausgegangen.