Nahost-Krieg: Israel und führende Tech-Unternehmen sagen Teilnahme am Web Summit ab
Paddy Cosgrave ist Co-Gründer des Web Summit – mit über 71.000 Teilnehmern eine der wichtigsten Branchenkonferenzen der Welt.
Foto: imago images/ZUMA PressDüsseldorf. Immer mehr Unternehmen sagen ihre Teilnahme am Web Summit, Europas wichtigster Tech-Konferenz, ab. Auslöser ist ein Posting des Web-Summit-CEOs Paddy Cosgrave, in dem er Israels Militäreinsatz gegen die Hamas polemisch kritisiert. Aufgrund dessen wenden sich nicht nur israelische Branchengrößen und Politiker ab.
Die jüngsten Absagen kommen vom deutschen Start-up Celonis und der US-Wagniskapitalfirma Accel Partners. Zuvor hatten bereits der israelische Botschafter in Portugal, mehrere Wagniskapitalgeber aus der Branche und weitere Unternehmen öffentlich erklärt, in diesem Jahr nicht am Web Summit teilzunehmen.
Auf der Nachrichtenplattform X hatte Cosgrave die Reaktion Israels auf die Terrorangriffe der Hamas mit mehr als 1000 Todesopfern harsch kritisiert. „Ich bin schockiert über die Rhetorik und die Handlungen so vieler westlicher Führer und Regierungen, mit Ausnahme insbesondere der Regierung Irlands, die diesmal das Richtige tut“, schrieb er am Freitag. Und fügte hinzu: „Kriegsverbrechen sind Kriegsverbrechen, auch wenn sie von Verbündeten begangen werden, und sollten als solche bezeichnet werden.“
Welche Kriegsverbrechen der Ire Israel genau vorwirft, erklärte der Mitgründer des Web Summits in seinen Nachrichten nicht. Zuvor hatte der Unternehmer die irische Regierung dafür gelobt, einen EU-Antrag auf Aussetzung der Hilfe für die Palästinenser abgelehnt zu haben. Mittlerweile haben die EU-Außenminister die Entscheidung der Mitgliedsländer annulliert.
Das Web Summit gilt mit über 71.000 Besuchern, 1000 Rednern und Rednerinnen sowie über 2000 Medienvertretern als größte Technologiekonferenz Europas. Seit der Gründung im Jahr 2009 konnte die Konferenz stetig wachsen und Unternehmen wie Intel und AWS als potente Sponsoren gewinnen. In diesem Jahr findet die Konferenz vom 13. bis zum 16. November in Lissabon statt.
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Israelischer Botschafter äußert sich
Auf Cosgraves Nachrichten hin hatte auch der israelische Botschafter in Portugal, Dor Shapira, seine Empörung geäußert und am Montag angekündigt, dass sein Land aufgrund der „empörenden Äußerungen“ nicht mehr an der Web-Summit-Konferenz teilnehmen werde.
„Sogar in diesen schwierigen Zeiten ist er nicht in der Lage, seine extremen politischen Ansichten beiseitezulegen und die terroristischen Aktivitäten der Hamas gegen unschuldige Menschen zu verurteilen“, schrieb Shapira ebenfalls auf X. Und er rief andere Teilnehmer auf, sich der Absage anzuschließen.
Unterstützt wurde der Boykottaufruf auch von Ori Goshen, einer der wichtigsten KI-Unternehmer Israels und Gründer des Start-ups AI21. Auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn postete der Gründer: „In einem Monat hätte ich eine Keynote auf dem Web Summit in Lissabon halten sollen. Das werde ich nicht.“ Anschließend war der Hashtag #cancelwebsummit auf den sozialen Medien LinkedIn und X prominent vertreten.
Firmen und Unternehmer aus Israel haben in der Technologieszene eine große Bedeutung. So haben Israels Tech-Firmen allein 2021 28 Mal so viel Kapital pro Kopf eingesammelt wie US-amerikanische Firmen. Zudem sind in vielen der weltweit führenden Technologieunternehmen Menschen jüdischen Glaubens, mit israelischer Staatsangehörigkeit oder Freunden und Verwandten in Israel in zentralen Positionen aktiv.
Abgesagt haben die Konferenz bisher auch Branchengrößen wie Garry Tan, CEO des US-Gründerzentrums Y Combinator, Ravi Gupta, Partner beim Kapitalgeber Sequoia, Keith Peiris, CEO des KI-Start-ups Tome, Adam Singolda, Leiter des Werbeunternehmens Taboola, und David Marcus, CEO von Lightspark und ehemaliger CEO von Paypal.
Josh Kopelman, Managing Director des Wagniskapitalgebers First Round Capital, wies außerdem darauf hin, dass das Web Summit im kommenden Jahr in Katar stattfinden solle. Die Konferenz nehme Sponsorengelder des arabischen Lands an, das wegen seines Umgangs mit Menschenrechten in der Kritik steht. Kopelman implizierte eine Verbindung zwischen den Aussagen Cosgraves und dem Sponsoring.
Israel-Kritik: Konferenz hat mehr Zu- als Absagen
Trotz der Empörung in der Branche wiederholte Cosgrave seine Beschuldigung am Montag zunächst. Israel habe Kriegsverbrechen begangen. Außerdem fügte der Unternehmer hinzu: „Ich werde nicht aufgeben.“
Wie sehr der Nahostkrieg die Tech-Szene spaltet, zeigt eine weitere Nachricht vom Dienstagmorgen. Als Reaktion auf die Absagen schrieb Cosgrave: „In den letzten 24 Stunden, während neun Investoren ihre Teilnahme abgesagt haben, haben sich 35 neue Investoren registriert. Zwei Medienvertreter haben abgesagt, aber über 50 Medien haben Medienpässe angefragt. Oh, und irgendwie haben wir mehr Tickets verkauft als an irgendeinem anderen Montag im Jahr 2023.“
Am Dienstagnachmittag veröffentlichte das Web-Summit-Team allerdings eine Pressemitteilung unter dem Titel „Entschuldigung von Paddy“. In dieser teilte der Gründer mit: „Um zu wiederholen, was ich letzte Woche sagte: Ich verurteile den bösen, abscheulichen und monströsen Angriff der Hamas am 7. Oktober vorbehaltlos.“ Er räumte in dem Statement ein, dass er verstehen könne, dass seine Aussagen für „tiefes Leid gesorgt haben“. Und fügte hinzu: „Bei allen, die durch meine Worte verletzt wurden, entschuldige ich mich zutiefst.“ Nachfragen des Handelsblatts beantworteten Cosgrave und das Web-Summit-Team bislang nicht.