Israel-Krieg: Menschen in Gaza warten sehnlichst auf Hilfskonvois
2000 Tonnen Hilfsgüter stehen nahe dem einzigen Grenzübergang aus dem Gazastreifen zum Nachbarland Ägypten bereit. Ab Freitag sollen die ersten Lkw die Grenze passieren.
Foto: dpaTel Aviv. Der Appell des US-Präsidenten zeigte Wirkung. Joe Biden hatte am Mittwoch während seines Israel-Besuchs dringend angemahnt, die Lieferung von Hilfsgütern in den Süden des Gazastreifens zuzulassen. Darauf erklärte sich Ägypten bereit, den Grenzübergang bei Rafah zu öffnen, um bereits am Freitag die ersten 20 Lastwagen mit dem Notwendigsten durchzulassen. Israel versprach im Gegenzug, die Lieferungen nicht zu blockieren, solange diese nicht die Terrororganisation Hamas erreichten.
Internationale Beobachter werteten dies als wichtigen Schritt, um eine humanitäre Katastrophe in dem dicht besiedelten Palästinensergebiet abzuwenden. Zuvor hatten sich beide Regierungen geweigert, selbst die elementarsten Güter zur Linderung der Not nach Gaza weiterzuleiten.
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Die bisher versprochenen Lieferungen seien allerdings lediglich „ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Tala Okal, politischer Analyst in Gaza, bei einem Telefonat mit dem Handelsblatt. Die Hilfe werde vom Palästinenser-Hilfswerk der Vereinten Nationen (UNRWA) entgegengenommen und an die Bevölkerung verteilt. Die Hamas sei nicht mehr sichtbar, da sie sich aus Angst vor israelischen Angriffen in Bunkern verstecke.
„Wir sind auf uns allein gestellt“, sagt der 73-Jährige. „Die Hamas hat sich vollkommen zurückgezogen.“ Trotz der Zerstörungen, die Gaza jetzt erdulden müsse, sei er „mächtig stolz“, dass die Hamas Israel einen „derart schmerzlichen Schlag“ versetzt habe.
Lieferungen der UN waren bereits am Montag im ägyptischen Grenzgebiet eingetroffen, ihre Weiterleitung blieb aber aus. Der Appell von UN-Generalsekretär António Guterres, die Lastwagen in die Palästinenserregion durchzulassen, verhallte ungehört. Die Nothilfe besteht aus „Hunderten Tonnen“ Grundnahrungsmitteln, Wolldecken, Medikamente und andere Medizinprodukte, etwa Latex-Handschuhe für Notoperationen.
Den Menschen im Gazastreifen fehlt es am Nötigsten.
Foto: dpaMartin Griffiths, der Leiter der humanitären Hilfe der Vereinten Nationen, mahnte am Mittwoch vor dem UN-Sicherheitsrat: Im Gazastreifen müsste wieder das Vorkriegsniveau von 100 Lastwagen pro Tag erreicht werden, um die Bedürftigen im gesamten Gebiet zu versorgen.
Bereits am vergangenen Wochenende wurde der internationale ägyptische Flughafen El Arish zu einem Hort „humanitärer Aktivitäten“, wie die UN schreibt. Der Airport, den Palästinenser gewöhnlich für ihre jährliche Hadsch-Pilgerfahrt nach Mekka nutzen, entwickelte sich binnen kurzer Zeit zum Umschlagplatz. Flieger von UN-Organisationen landeten dort, aber auch Transportmaschinen aus Jordanien, der Türkei und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Allein Ägypten stellte zudem 100 Lastwagen mit 1000 Tonnen Hilfsgütern zur Verfügung. Der Flughafen befindet sich 45 Kilometer vor der Grenze zum Gazastreifen. Von dort sollen nun die Konvois in Richtung Gaza starten.
„Die Zeit drängt“, sagt Okal. Israel hat die Stromzufuhr, die Versorgung mit Treibstoff, Medikamenten, Lebensmitteln und Waren in das palästinensische Gebiet unterbrochen, Frischwasser ist knapp.
Britischer Premier auf diplomatischer Mission
Inzwischen hat sich auch der britische Premierminister der „diplomatischen Luftbrücke“ angeschlossen. Rishi Sunak traf am Donnerstag in Israel ein. In Jerusalem erwartet man, dass er die Forderungen nach mehr humanitärer Hilfe für den Gazastreifen unterstützt. Israel hatte sich anfänglich geweigert, entsprechende Lieferungen zuzulassen, solange sich rund 200 Geiseln in den Händen der Terroristen in Gaza befinden. Doch vor allem auf Druck des US-Präsidenten änderte Netanjahu seine Meinung.
Gegen die Hilfen für Palästinenser im Gazastreifen protestieren inzwischen Familienangehörige von Israelis, die von der Hamas-Terrorgruppe im Gazastreifen gefangen gehalten werden. Dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu keine Zugeständnisse verlangt hat und die Freilassung der Gekidnappten nicht als Voraussetzung für die Lieferungen forderte, empört sie.
„Die Entscheidung, humanitäre Hilfe für die Mörder im Gazastreifen zuzulassen, hat bei den Familienangehörigen große Wut ausgelöst“, heißt es bei „Bring Them Home Now“. Die Organisation vertritt die Familien der Entführten. Sie erinnert daran, dass Kinder, Babys, Frauen, Soldaten, Männer und ältere Menschen mit zum Teil schweren gesundheitlichen Problemen „wie Tiere unterirdisch gehalten werden“. Gleichzeitig lasse es die israelische Regierung zu, dass die Mörder „mit Baklava und Medikamenten versorgt“ werde, sagt die Gruppe.
Netanjahus Büro hält dem entgegen, dass man die Zugeständnisse an eine Bedingung geknüpft hat. Nach dem Willen Israels dürfen die Hilfslieferungen unter keinen Umständen von der Hamas verteilt werden, sonst werde man den Strom von Hilfsgütern in den Gazastreifen umgehend wieder unterbinden.