Commerzbank-Chef Knof: „Es gab ein Revival der Filiale“
Commerzbank-Chef Manfred Knof findet es wichtig, dass die Teams regelmäßig in Präsenz zusammenkommen.
Foto: Marc-Steffen UngerFrankfurt. Manfred Knof hat die Commerzbank seit seinem Amtsantritt Anfang 2021 mit harter Hand saniert. Die Geschäftszahlen haben sich seitdem prächtig entwickelt, doch es gibt auch noch viele Baustellen.
Vor den verbliebenen 400 Filialen haben sich zuletzt immer wieder längere Schlangen gebildet, weil offenbar nicht alle Kunden so digital-affin sind, wie es die Commerzbank gerne hätte. Zudem zeigte eine Mitarbeiterumfrage, dass die Stimmung innerhalb der Bank nach wie vor miserabel ist.
„Der finanzielle Teil dieser harten Restrukturierung ist schnell und gut gelungen, aber wir haben auch noch in einigen Bereichen Verbesserungsbedarf“, sagt Knof im Gespräch mit dem Handelsblatt über den Umbau der Bank und seine neue Strategie. „Die Stimmung unter den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist noch nicht so gut, wie wir es gerne hätten.“
Knof führt dies vor allem darauf zurück, dass die Bank in Deutschland jeden dritten Arbeitsplatz gestrichen hat. „Wir haben es nicht geschafft, alle Prozesse im gleichen Tempo zu automatisieren und zu digitalisieren. Das kriegt man bei so einem großen Umbau nie zu 100 Prozent hin.“
Das habe dazu geführt, dass die Arbeitsbelastung für die Beschäftigten hoch sei. Das Management will aber Abhilfe schaffen. „In den nächsten vier Jahren investieren wir wieder mehr als zwei Milliarden Euro in die Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen.“
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Darüber hinaus will Knof der Mitarbeiterzufriedenheit und auch der Kundenzufriedenheit künftig einen höheren Stellenwert einräumen. „Wir sind im Dialog mit dem Aufsichtsrat, dass beide Themen auch bei der variablen Vergütung des Vorstands künftig eine gewichtigere Rolle spielen.“
Commerzbank-Chef Manfred Knof über Filialschließungen
Viele Mitarbeiter finden, dass die Commerzbank bei der Schließung der Hälfte ihrer Filialen zu schnell vorgegangen ist. Knof räumt Fehleinschätzungen ein, will an der Zahl von 400 Niederlassungen derzeit aber nichts ändern. „Das ist die richtige Größenordnung für Deutschland.“
Die Bank habe gedacht, dass nach Corona mehr Kunden ihre Bankgeschäfte dauerhaft digital abwickeln, sagt der Vorstandschef. „Stattdessen gab es ein kleines Revival der Filiale.“ Die Bank habe deshalb wieder mehr Personal für die Niederlassungen eingestellt.
„Wir müssen den Kunden zudem noch besser erklären, dass sie die meisten Anliegen, für die sie in die Filiale gehen, auch digital oder telefonisch über unser Beratungscenter erledigen können“, sagt Knof.
„Bis das zur Gewohnheit wird, kann es Jahre dauern, aber da müssen wir dranbleiben. Neue Filialen zu eröffnen wäre zu kurz gesprungen.“ Erstens sei das teuer. Zweitens werde der Trend anhalten, dass immer mehr Kunden ihre Bankgeschäfte online machen.
Bei zentralen Kennziffern steht die Commerzbank heute besser da als ihr größerer Nachbar.
Foto: dpaDie Filialschließungen treiben nicht nur Kunden und Mitarbeiter der Commerzbank um, sondern auch die der Postbank. Das Institut kündigte kürzlich an, bis Mitte 2026 etwa 250 seiner 550 Filialen dichtzumachen.
Die Gewerkschaft Verdi hat die Beschäftigten diese Woche aufgerufen, in Hamburg, Stuttgart und München gegen die Pläne zu demonstrieren. „Die angekündigten Filialschließungen sind ein Schlag ins Gesicht der Beschäftigten“, sagt Verdi-Bundesfachgruppenleiter Jan Duscheck.
Online-Tochter Comdirect soll gestärkt werden
Manche Experten haben den Eindruck, dass die großen Privatbanken immer weniger Wert auf Kunden legen, die nicht vermögend sind und ihre Geschäfte nicht digital abwickeln. Und es billigend in Kauf nehmen, wenn diese dann zu Sparkassen oder Volksbanken abwandern.
Commerzbank-Chef Knof widerspricht dieser Darstellung und beteuert, um jeden Kunden kämpfen zu wollen. Gleichzeitig macht er deutlich, dass er seine verfügbaren Mittel statt für neue Filialen lieber für den Ausbau der Vermögensverwaltung und die Online-Tochter Comdirect einsetzt.
„Wir wollen die Comdirect stärken und dort in den kommenden Jahren verstärkt in neue Angebote und neue Funktionalitäten investieren, um das Bankgeschäft noch einfacher zu machen“, sagt der Vorstandschef. „Zudem werden wir verstärkt um neue digital-affine Kunden werben.“
Wachsen will die Commerzbank zudem – wie viele andere Geldhäuser auch – im Asset-Management und der Vermögensverwaltung. Hier soll das Wertpapiervolumen bis 2027 von aktuell 205 Milliarden um bis zu 50 Milliarden Euro steigen.
Dazu beitragen soll auch die neu gegründete Tochter Yellowfin. Sie kümmert sich um institutionelle Investoren, Firmenkunden und hochvermögende Privatkunden mit einem zu verwaltenden Vermögen von 30 Millionen Euro und mehr.
Prüfung möglicher Zukäufe
Die Commerzbank wolle ihre Angebotspalette in der Vermögensverwaltung weiter ausbauen, sagt Knof und ist dabei auch offen für Zukäufe. „Wir wollen vor allem organisch wachsen – grundsätzlich prüfen wir aber auch geeignete Optionen für Zukäufe und Beteiligungen zum Beispiel im Asset-Management und im Zahlungsverkehr.“
Wichtig sei, dass die Commerzbank dabei zusätzliche Kompetenzen, Produkte oder Angebote erwerbe. „Es geht darum, unser bestehendes Angebot abzurunden“, betont Knof. „Es ist nicht unser Ziel, im großen Stil Assets oder Kunden zu kaufen.“
Aktuell hat die Commerzbank im Privatkundengeschäft knapp elf Millionen Kunden. 2,9 Millionen davon entfallen auf Comdirect, 6,2 Millionen sind Privatkunden der Commerzbank. Hinzu kommen 900.000 Gewerbetreibende sowie 600.000 Kunden in der Vermögensverwaltung.
Die Commerzbank profitiert dank ihres großen Einlagengeschäfts mit Privat- und Firmenkunden besonders stark von der Zinswende. Um die hohe Inflation zu bekämpfen, hat die EZB den Einlagenzins seit Sommer 2022 mehrmals angehoben, zuletzt auf vier Prozent.
Commerzbank hängt Deutsche Bank ab
Bei der Commerzbank legte der Zinsüberschuss in der Folge im dritten Quartal um ein Drittel auf 2,16 Milliarden Euro zu. Der Gewinn hat sich mehr als verdreifacht auf 684 Millionen Euro.
Bei zentralen Kennziffern steht das Institut heute besser da als sein größerer Nachbar Deutsche Bank. Die Aufwandsquote – das Verhältnis von Kosten zu Erträgen – lag bei der Commerzbank im dritten Quartal bei 56 Prozent im Vergleich zu 72 Prozent bei der Deutschen Bank. Auch bei der harten Kernkapitalquote (14,6 Prozent vs. 13,9 Prozent) und der Eigenkapitalrendite (9,6 Prozent vs. 7,3 Prozent) schnitten die Gelben besser ab.
Das Institut plant erstmals seit der Finanzkrise keinen Stellenabbau.
Foto: dpaUnter dem Strich erwartet die Commerzbank im laufenden Jahr einen Gewinnanstieg von 57 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Die Beschäftigten können sich deshalb auf höhere Boni freuen. Er sei zuversichtlich, dass Mitarbeiter „für 2023 eine höhere variable Vergütung erhalten“, sagt Knof.
Er räumt zwar ein, dass für die positive Entwicklung auch die Zinswende verantwortlich ist. Allerdings lägen die Kosten ohne die harte Restrukturierung rund eine Milliarde Euro höher und die Profitabilität der Bank wäre deutlich niedriger, argumentiert er. „In den kommenden Jahren erwarten wir steigende Gewinne, auch wenn die Zinsen wieder sinken.“
Die Commerzbank geht davon aus, dass ihr Zinsüberschuss bis 2027 nur noch um vier Prozent auf 8,4 Milliarden Euro steigen wird. Beim Provisionsüberschuss peilt das Institut dagegen ein Plus von 18 Prozent auf vier Milliarden Euro an.
Beim Provisionsüberschuss handelt es sich um Gebühreneinnahmen, die unabhängig vom Zinsumfeld sind und für die Geldhäuser weniger Eigenkapital benötigen. Neben der Vermögensverwaltung soll auch die Firmenkundensparte dazu beitragen, diese Einnahmen zu erhöhen.
Bei den Unternehmenskunden will die Bank unter anderem bei digital abgewickelten Währungsgeschäften und bei der Begleitung von Kunden bei der Anleiheplatzierung zulegen. Knof glaubt, dass künftig auch Mittelständler vermehrt auf die Finanzierung über Bonds setzen. „Durch die grüne Transformation wird die Nachfrage nach Anleihen tendenziell steigen, die kann man nicht in erster Linie über Kredite finanzieren.“
Bank braucht 1000 neue Mitarbeiter pro Jahr
Das Handelsblatt hatte bereits Mitte September exklusiv über viele Details der neuen Strategie berichtet. Knof bestätigte nun, dass bis 2027 anders als bei allen bisherigen Strategien seit der Finanzkrise kein Stellenabbau geplant ist.
„Unser Ziel ist es, unseren Personalbestand von netto rund 36.000 Vollzeitstellen stabil zu halten“, erklärte der Vorstandschef. „Das bedeutet, dass wir künftig aufgrund von natürlicher Fluktuation und Demografie pro Jahr rund 1000 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen müssen.“
Die Commerzbank geht davon aus, dass der Gewinn bis 2027 auf 3,4 Milliarden Euro steigt. Wenn Knof die Strategie bis zum Ende begleiten will, müsste er seinen bis Ende 2025 laufenden Vertrag verlängern.
Ob er dazu Lust hat, will er aktuell nicht preisgeben. „Das ist kein Thema, mit dem ich mich aktuell beschäftige“, sagt der Vorstandschef. „Das werden wir besprechen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.“
Die meisten Aktionäre sind der Ansicht, dass Knof als Sanierer einen guten Job gemacht hat. Einige sind aber nicht sicher, ob er auch für die Phase danach der richtige Vorstandschef ist.
Knof entgegnet, er habe auch schon bei seinen früheren Jobs nicht nur saniert, sondern Geschäftsbereiche anschließend auch wieder auf einen Wachstumskurs geführt. „Ich habe den Ehrgeiz zu zeigen, dass uns das auch bei der Commerzbank gelingen wird.“
Erstpublikation: 09.11.2023, 04:00 Uhr.