Morning Briefing: Abschied eines Wunderwuzzis: René Benko geht bei Signa
Abschied eines Wunderwuzzis: René Benko geht bei Signa
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
heute ist ein guter Tag, um besonders aufmerksam durch Deutschlands Städte zu laufen und einmal darauf zu achten, was fehlt. In Düsseldorf etwa, in der Straße, in der vor einigen Jahren noch die Handelsblatt-Redaktion ihren Sitz hatte, fehlt eine Synagoge. Sie war einst das kulturelle und spirituelle Zentrum der etwa 5000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde Düsseldorfs – bis heute vor 85 Jahren Mitglieder der nationalsozialistischen SA-Truppe das Gebäude in Brand steckten. Drei Wochen später wurde es abgerissen und die bereits zu diesem Zeitpunkt seit Jahren drangsalierten jüdischen Mitbürger systematisch vertrieben und ermordet.
Heute ist ein guter Tag, um sich an diese Taten zu erinnern. Denn Jüdinnen und Juden müssen in Deutschland wieder um ihre Sicherheit fürchten – und das nicht erst seit dem Krieg im Nahen Osten. Doch auch Muslime erleben bei uns Stigmatisierung, Ausgrenzung und Gewalt. Wenn uns die Lücken in unseren Städten am heutigen Tag also eines lehren sollten, dann, dass Hass und Hetze gegen andere Religionen in Deutschland nie wieder einen Platz haben dürfen.
„Ein guter Abgang ziert die Übung“ – das soll schon Friedrich Schiller gewusst haben. Im Fall René Benko ist den Investoren wohl vor allem wichtig, dass es überhaupt einen Abgang gab. Ob er die Übung noch zu zieren vermag, ist allerdings fraglich.
René Benko ist zum Rückzug aus der Signa-Holding bereit.
Foto: picture alliance / HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.comGestern gab Benko bekannt, sich aus dem Beirat der von ihm gegründeten Signa-Holding zurückzuziehen und den Vorsitz an den Sanierungsexperten Arndt Geiwitz zu übergeben. Ein Schritt, zu dem ihn seine Investoren gedrängt hatten. Benko beschrieb den Führungswechsel als „beste Lösung“ in der derzeitigen Situation.
Der Abgang des René Benko erfolgt in einer heiklen Lage. Signa steht finanziell stark unter Druck, vor allem wegen steigender Zinsen und der Turbulenzen auf dem Immobilienmarkt. Benko äußerte sich dennoch optimistisch: Er sei sich sicher, dass das Unternehmen „eine sehr gute Zukunft“ haben könne.
Was bedeutet die Schieflage des Unternehmens für deutsche Innenstädte? Schließlich wohnen, arbeiten und shoppen sehr viele Menschen in Signas Immobilien. Im Portfolio befinden sich unter anderem das KaDeWe und das Hochhaus „Upper West“ in Berlin, das Goldene Quartier in Wien, die Alte Akademie sowie das Warenhaus Oberpollinger in München und der eben entstehende Elbtower in Hamburg. Außerdem war Benko Eigner der Warenhauskette Galeria, die bereits mehrere Insolvenzverfahren durchmachen musste. Alle wichtigen Fragen und Antworten haben meine Kollegen Titus Heyme und Vinzenz Neumaier zusammengetragen.
Wie schaffte es eigentlich ein Österreicher ohne Schulabschluss, zu Europas Wirtschaftselite aufzusteigen, Häuser rund um den Globus zu bauen und dabei Menschen mitsamt ihrem Geld an sich zu binden? Zehn Handelsblatt-Reporterinnen und -Reporter haben sich aufgemacht, das Phänomen René Benko zu verstehen. Dabei ist ein fulminantes Porträt mit tiefen Einblicken entstanden.
Von einem Jugendlichen, der die Schule hinwarf, weil er lieber alte Dachgeschosswohnungen ausbaute, um sie teuer zu verkaufen. Von einem fleißigen Visionär aus einem Arbeiterviertel, der immer wieder Leute beeindruckte und mit seinem Charme in seinen Bann zog. Aber auch von einem intransparenten Machtmenschen mit Kontakten zu dubiosen Persönlichkeiten. Gut ein Vierteljahrhundert hat René Benko die Fäden durch sein Immobilienreich gesponnen, es kontrolliert, erweitert, wie es ihm beliebte. Jetzt hängt seine Zukunft an zwei Dingen: Der Frage, ob er schnell an neues Geld kommen kann, und an seiner Beziehung zu Österreichs Ex-Bundeskanzler Kurz. Wie man in Österreich sagen würde: zwei „Wunderwuzzis“ unter sich.
Ich empfehle Ihnen die Lektüre des Textes sehr – nicht zuletzt aufgrund des wunderbaren Vokabulars (ich habe das Wort „champagnisieren“ gelernt).
Mein Berliner Kollege Julian Olk gehört nicht zu der Gattung Journalist, der voreilig eine Revolte ausruft. Doch es gibt ein Thema, bei dem selbst Olk keinen anderen Ausweg mehr sieht, als den Aufstand zu fordern: die Rente. Ein Thema, das sich eigentlich nicht besonders gut dazu eignet, die Gemüter zu erhitzen, jedenfalls nicht die der jungen Leute. Doch genau das ist wohl nötig, um endlich eine grundlegende Reform des Rentensystems zu erreichen. Ein System, für das in einer Gerontokratie die Jungen den Preis zahlen.
Gestern warnten die fünf „Wirtschaftsweisen“ bereits vor enormen Wachstumseinbußen durch den demografischen Wandel. Das Potenzial der deutschen Wirtschaft, also das jährliche Wachstum bei normaler Auslastung, liegt demnach bis 2070 bei nur 0,7 Prozent. Um das Wachstumspotenzial zu verbessern, bräuchte es eine höhere Erwerbsquote und mehr Zuwanderung. „Wir sind nicht der kranke, aber der alternde Mann Europas“, sagte die Ratsvorsitzende Monika Schnitzer dem Handelsblatt.
Bei den Renten schlagen die Sachverständigen weitreichende Maßnahmen vor: Das Eintrittsalter soll an die Lebenserwartung gekoppelt werden, Renten sollen gekürzt werden, eine milliardenschwere Aktienrente soll unterstützen. Um dadurch die Altersarmut nicht zu befeuern, will die Mehrheit der Wirtschaftsweisen, dass Gutverdiener mit einem Teil ihrer Rente ärmere Senioren unterstützen. Ob die Politik die Maßnahmen auch umsetzt, ist fraglich. Schließlich bedeutet das Wort „Rentenkürzungen“ bei einer alternden Wählerschaft nichts anderes als politischen Selbstmord.
Die Pandas müssen nach China zurückgegeben werden.
Foto: APZum Abschluss noch ein Blick auf eine unterschätzte Waffe der Geopolitik: Pandabären. China verleiht seine tollpatschigen schwarz-weißen Bärchen im Rahmen der sogenannten „Panda-Diplomatie“ an Zoos in aller Welt. Mit realen Effekten: Die Entsendung der Pandas fällt oft mit wichtigen Geschäftsverträgen und Freihandelsabkommen zusammen.
Es ist als wirklich schlechtes Zeichen zu deuten, dass China seine pelzigen Diplomaten jetzt aus den USA abzieht. In nur wenigen Wochen wird es in keinem amerikanischen Zoo mehr Pandas geben. Den USA bleibt also nicht mehr viel Zeit, die Bären als Undercoveragenten für die CIA zu gewinnen. Um sie vom Seitenwechsel zu überzeugen, sollte der Geheimdienst den Bären eine lebenslange Versorgung mit Bambus und Raupen anbieten.
Ich wünsche Ihnen einen guten Tag mit einem nahrhaften Speiseplan.
Herzliche Grüße
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt