Asien: Wie sich Japan und Südkorea in rasantem Tempo annähern
Tokio. Dass eine Vertreterin aus Japans ultrakonservativem Lager und ein linker koreanischer Politiker demonstrativ Nähe zeigen, galt vor wenigen Monaten als undenkbar. Doch bei ihrem Gipfeltreffen am Dienstag trommelten Japans Regierungschefin Sanae Takaichi und Südkoreas Präsident Lee Jae Myung zunächst gemeinsam zu Liedern der Boyband BTS, anschließend besuchten sie den historischen Horyu-Tempel.
Die Inszenierung zeigt die prekäre Lage, in der sich Japan und Südkorea befinden: Als Verbündete der USA spüren sie die Folgen des Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und China. Denn um den Einfluss der USA in der Region zu verringern, setzt die Volksrepublik Japan unter Druck und umwirbt zugleich Südkorea.
„Peking versucht eindeutig, einen Keil zwischen Korea und Japan zu treiben“, sagt Jeremy Chan vom Strategieberater Eurasia Group. Chinas Strategie greift bisher allerdings nicht, im Gegenteil: Takaichi und Lee vertiefen ihre Zusammenarbeit.
Strategische Überlegungen vor Ideologie
Schon nach ihrem ersten Treffen im Herbst vergangenen Jahres stellten die Regierungschefs ihre gemeinsamen Interessen klar, auf dem Gipfel in dieser Woche folgte der zweite Schritt: Beide signalisierten eine engere geostrategische Zusammenarbeit – untereinander und in ihrem trilateralen Bund mit den USA.
Südkoreas Präsident Lee mahnte zur Eile. „In der sich schnell verändernden internationalen Ordnung müssen wir auf eine bessere Situation zusteuern und Fortschritte machen“, sagte er. Die beiden Regierungsoberhäupter einigten sich auf die Fortsetzung der sogenannten „Shuttle-Diplomatie“, des engen Austauschs hoher Regierungsbeamter beider Länder.
Der amerikanische Japan-Beobachter Tobias Harris sagte: „Die beiden Regierungsführer haben sich bereit gezeigt, ihre politischen Neigungen zugunsten strategischer Überlegungen zurückzustellen.“
Der Zeitpunkt des Treffens war ein Signal an China – denn nur eine Woche zuvor hatte Lee die Volksrepublik besucht.
Während Pekings Machthaber ihn mit Zugeständnissen überschütteten, verschärften sie ihre wirtschaftliche und diplomatische Druckkampagne auf Takaichi. Sie hatte im November als erste Regierungschefin öffentlich gesagt, ein Angriff auf Taiwan würde Japans Sicherheit existenziell bedrohen. Mit dieser Formel könnte Japan ein militärisches Eingreifen rechtfertigen.
China beansprucht Taiwan für sich und behält sich vor, die Demokratie gewaltsam zu erobern. Vor dem Besuch von Lee warnte Peking den Gast, sich ähnlich zu äußern. Südkoreas Präsident hielt sich bisher mit einem Bekenntnis zur Unterstützung Taiwans zurück. Dass er die Zusammenarbeit mit Takaichi nun aber vertiefte, vertrieb in Japan alle Sorgen, dass Chinas Versuch der Spaltung aufgegangen sein könnte.
Professor Ryo Sahashi von der Tokio-Universität sagte in einem Briefing im Foreign Press Center in Tokio, dass Lee positiv dafür bewertet werde, keine negativen Signale an Japan gesendet zu haben.
Wie Lee vom Japan-Kritiker zum Pragmatiker wurde
Wie ungewöhnlich das ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Unter Takaichis Mentor, dem 2022 ermordeten früheren Regierungschef Shinzo Abe, und dem linken südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In kam der diplomatische Austausch zum Erliegen. Zu tief war die ideologische Kluft über den Umgang mit der japanischen Annexion des Nachbarn in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts.
Erst Lees konservativer Vorgänger Yoon Suk Yeol näherte Südkorea Japan an und führte es in eine gemeinsame Allianz mit den USA – gegen den vehementen Widerstand Lees und dessen Lager. Kaum wurde Lee selbst Präsidentschaftskandidat, wandelte er sich zum Befürworter einer „pragmatischen Diplomatie“.
Unter diesem Schlagwort will er die Beziehungen zu Japan und den USA ausbauen und gleichzeitig einen guten Draht zu China behalten. Denn nach Lees Ansicht kann nur China mäßigend auf Nordkorea einwirken.
Drei Faktoren belasten das Verhältnis zwischen Japan und Südkorea
Chun In Bum, ehemaliger Chef des südkoreanischen Sonderkommandos, hat eine Erklärung für Lees Wandlung. „Dieses Muster spiegelt eine sich verschlechternde regionale Sicherheitslage wider und unterstreicht, dass die Republik Korea und Japan mit zunehmend ähnlichen Sicherheitsherausforderungen konfrontiert sind“, sagte er.
Dazu gehören für Chun: Nordkoreas fortschreitende Nuklear- und Raketenprogramme, wiederholte chinesische Vorstöße in Gebiete der von China beanspruchten und von Japan kontrollierten Senkaku-Inseln, Chinas Installation von Aquakulturkäfigen in der gemeinsam mit der Republik Korea verwalteten Provisorischen Maßnahmenzone und zunehmende Manöver- und Druckkampagnen auf Taiwan.
Drei Faktoren aber belasten das Verhältnis zwischen Japan und Südkorea weiterhin:
- die Unsicherheit über die künftige China- und Asien-Strategie der USA,
- die enge wirtschaftliche Verflechtung Südkoreas und Japans mit China, die Peking für Wirtschaftsstrafen bei missliebigem Verhalten nutzen kann
- sowie die historischen und territorialen Streitigkeiten zwischen Seoul und Tokio um unbewohnte Inseln, die beide für sich beanspruchen.
Doch Chun ist vorsichtig optimistisch: Weder Südkorea noch Japan könnten die wachsenden Bedrohungen für die regelbasierte internationale Ordnung allein bewältigen. Sein Fazit: „Der Druck, dem die Länder heute ausgesetzt sind, verbindet sie weit mehr, als er sie trennt.“