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Billig-Konsum und die FolgenWarum uns Bangladesch so egal ist

Immer mehr Verbraucher interessieren sich für die Folgen des Konsums, aber halten an ihren alten Gewohnheiten fest. „Es muss spürbar werden, was man anrichtet beim Einkaufen“, fordert der Konsumethiker Ludger Heidbrink.Carina Kontio 13.05.2013 - 10:55 Uhr Artikel anhören

Der Wirtschaftsethiker Ludger Heidbrink arbeitet als Professor am Philosophischen Seminar der Uni Kiel und ist unter anderem Gastprofessor am Reinhard-Mohn-Institut für Unternehmensführung und Corporate Governance an der Universität Witten-Herdecke.

(Quelle: Uni Kiel)

Foto: Handelsblatt

Mehr als 1100 Tote in den Trümmern der Textilfabrik in Bangladesch, unzumutbar beschäftigte Leiharbeiter in Deutschland, Niedriglöhne in der Paket-Branche und ein Gammelfleisch-Skandal nach dem anderen. Haben wir es als Konsument eigentlich in der Hand, solche unerträglichen Zustände zu ändern?

Auf jeden Fall. Leider fehlt das notwendige Bewusstsein dafür. Als Konsumenten neigen wir dazu, die Folgen unserer Einkaufsgewohnheiten auf andere abzuwälzen und uns nicht übermäßig viele Gedanken darüber zu machen.

Woher kommt das?

Es liegt in unserer Natur, dass wir das ausblenden. Im Grunde sind wir gespaltene Wesen und handeln genauso wie die Unternehmen, die wir kritisieren. Nämlich nutzenmaximierend und profitorientiert und am Ende geht es um die Renditen, die wir beim Einkauf machen. Da legt man dann schnell seine moralischen Normen und Wertvorstellungen ab und ist nicht besser, als jeder andere Marktakteur auch, der zunächst auf die Befriedigung seiner eigenen Wünsche ausgerichtet ist.

Wer Textilien nach Deutschland liefert
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,46Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 37 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,48Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 5,3 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,54Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 26,7 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,57Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 19,8 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,75Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 14,1 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 0,98Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 1,6 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 1,23Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 16,1 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 2,64Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 32,3 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 2,98Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 6,3 %
Einfuhrwert in Mrd. Euro (Jan. - Nov. 2011): 8,33 Veränderung zum Vorjahreszeitraum: + 9,1 %
Statistisches Bundesamt, German Fashion

Macht man sich als Konsument zum Mittäter, wenn man Waren zum Billigtarif kauft und billigend in Kauf nimmt, dass sie nicht unter fairen Bedingungen hergestellt sein können?

Da kann man durchaus von einer Mittäterschaft sprechen. Zwar nicht rechtlich, aber wir machen uns im Grunde alle moralisch schuldig, wenn wir Dinge für wenig Geld einkaufen und nicht genauer hinschauen, was wir da eigentlich einkaufen.

Trotzdem behaupten immer mehr Leute, sie wären dazu bereit, für faire Produktionsbedingungen auch tiefer in die Tasche zu greifen.

In der Tat. Umfragen zeigen, dass über 50 Prozent der Konsumenten im Prinzip gerne nachhaltig konsumieren würden. In der Praxis liegt der Anteil der nachhaltigen Produkte allerdings nur irgendwo zwischen vier und acht Prozent.

Was fehlt, damit keiner mehr T-Shirts für 2,99 Euro oder Hähnchen für 3 Euro kauft, die am Ende nach Fisch schmecken?

Die Konsumenten müssen sich zunächst über ihre Rolle klar werden. Viele Menschen realisieren nicht, dass sie an Märkten tätig sind, die durch bestimmte Strukturen gekennzeichnet sind. Dazu kommt das Bildungsproblem. Wir haben nicht zu wenig, sondern viel zu viele Informationen. Die Produkte müssten hier mit klaren Informationen und Aussagen, beispielsweise zu Produktions- und Arbeitsbedingungen versehen werden, woran die Politik arbeiten muss. Leider haben wir dann noch das Problem, dass wir all die wichtigen Informationen selber wieder wegrationalisieren und uns sagen: „Ich habe jetzt keine Zeit, mich darum zu kümmern“,  oder „Dazu fehlt mir das Geld.“

Was wäre Ihre Lösung?

Die Leute müssen stärker mit den Konsequenzen ihres Konsums konfrontiert werden. Es muss spürbar werden, was man anrichtet beim Einkaufen. Kauft man sich ein T-Shirt für 2,99 Euro, dann muss einem klar gemacht werden, welche Folgen das woanders hat.

Kik ist einer der Großen in Bangladesch. Für den Billigheimer nähen mehr als 100 Lieferanten, von denen die meisten zwei oder drei Fabriken besitzen.

Foto: dapd

Wege zum sauberen Textilimport
Textilriesen kaufen Kleidung meist über Importeure. Die Dienstleister im Dunkeln knabbern zwar an den Margen – ihnen können sie aber bei Skandalen die Verantwortung aufladen. Wer das vermeiden will, muss die Lieferkette in Eigenregie kontrollieren.
Lieferanten in Ländern wie Bangladesch wickeln ihre Bestellungen oft über Partnerfirmen ab, die in bedeutend schlechterem Zustand sind als die Vorzeigefabriken. Wer seine Verantwortung ernst nimmt, muss in diese Subfabriken Kontrolleure schicken und Kunden deren Namen nennen können.
Echten Einblick in die Arbeitsbedingungen bekommen nur eigene Mitarbeiter der Modeunternehmen, die ständig vor Ort sind. Jedes Label sollte daher ein Team aus entsandten und lokalen Einkäufern, Beratern und Kontrolleuren im Lieferland aufbauen.
Der Glücksfall ist die Arbeit mit Lieferanten, die ihren Hauptkunden als Partner verstehen – und sich mit dessen Hilfe weiterentwickeln wollen. Das erfordert Vertrauen auf beiden Seiten und viel Zeit. Hilft ein Modekonzern seinen Lieferanten, die Produktivität zu verbessern, steigt auch dessen Bereitschaft zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen.
Labels wie H&M, C&A, Kik oder Tommy Hilfiger importieren solche Mengen aus Bangladesch, dass sie über gewaltigen Einfluss verfügen – theoretisch. Praktisch arbeitet jeder für sich, statt gemeinsam am runden Tisch mit der Regierung nach besseren Gesetzen zu verlangen. Auch politischer Druck ist rar, obwohl gerade Deutschland in Entwicklungsländern viel Respekt genießt.

Steht uns da in gewisser Weise auch die Evolution im Weg?

Leider ja. Wir sind auf Nahhorizonte ausgerichtet und Fernhorizonte interessieren uns nicht groß. Es setzt zwar ein gewisses Nachdenken ein und wir sind betroffen, wenn wir in den Nachrichten erfahren, dass Menschen bei einem Feuer in der Textilfabrik in Bangladesch ums Leben gekommen sind. Aber ungefähr nach zwei Tagen wird das wieder ad acta gelegt.

Welche Rolle spielen dabei die Medien?

Sicherlich keine Unbedeutende. Es ist sehr wichtig, dass die Medien auf solche Missstände hinweisen und darüber berichten. Aber sie müssen auch aufpassen, dass sie nicht eine Überberichterstattung machen, die zur Abstumpfung führt. Der spannende Punkt ist aber, dass auch Unternehmen gezielter kommunizieren müssen. Gerade weil die Verbraucher bereit sind, einen gewissen Betrag für ein T-Shirt mehr auszugeben, wenn es unter humanen Bedingungen hergestellt wurde.

Also begreifen viele Firmen das noch gar nicht als Marketing-Chance?

Nein und ich verstehe das nicht. Im Moment zeigen ja alle Zahlen, dass das Bedürfnis der Konsumenten nach nachhaltigem Konsum existiert. Das ist ein großes Marktfeld für die Unternehmen. Wenn man die Menschen an ihrer moralischen Ader packt und sagt: „Wir fertigen fair und sicher und bei uns kaufst du mit einem guten Gewissen“, dann werden die Leute kommen. Da bin ich mir ganz sicher.

Viele Konzerne scheinen allergisch gegen gesetzliche Auflagen und verpflichten sich nur freiwillig. Wovor hat die Wirtschaft Angst?

Unternehmen fürchten immer Regulierungen und setzen lieber auf freiwillige Verpflichtungen. Allerdings schaffen gewisse Regulierungen ja auch Handlungs- und Planungssicherheit. Denn gerade wenn man auf einem Spielfeld arbeitet, das durch gewisse Rahmenbedingungen durch die Politik gestaltet ist, muss keiner mit bösen Überraschungen rechnen, weil sich der Wettbewerber nicht an diese Regeln hält.

Die Erfahrung zeigt leider, dass die Karawane schnell weiter zieht und ihre Produktion in andere Billiglohnländer verlagert…

Die Abwanderung von Unternehmen ist ein Problem. Aber wenn die Unternehmen wissen, dass der Konsument auch die Bedingungen in dem neuen Land nicht akzeptieren wird, lässt sich das möglicherweise verhindern. Und wenn man in einem Herstellerland schon investiert hat für Bedingungen, die Konsumenten nicht nur akzeptieren, sondern auch durch den Kauf der Produkte honorieren, wird das zumindest die Abwanderung bremsen.

Nun reagieren Unternehmen ja nicht auf irgendwelche Signale, die sie nicht wahrnehmen können!

Das bedeutet, dass sich die Konsumenten stärker artikulieren müssen. Daher wäre mein Aufruf an dieser Stelle, dass die Menschen sich stärker engagieren und die Konzerne etwa durch Boykott-Aktionen zwingen, sich für bessere Arbeits- und auch Umweltbedingungen einzusetzen. Wir müssen erkennen, dass wir Einfluss nehmen können. Ähnlich, wie das bei Stuttgart 21 der Fall ist, müssen wir zu einem politischen Bürger werden, indem wir unsere eigene Wahlstimme durch unser Konsumverhalten abgeben.

Gibt es so etwas wie einen moralischen Mehrwert?

Ja, wenn man merkt, dass man etwas Sinnvolles bewirken kann, ist das ein Erfolgserlebnis, das wiederum die Bereitschaft steigert, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen und am Ende dafür auch etwas mehr zu bezahlen. Diesen moralischen Wert auch von Unternehmensseite aus zu unterstützen scheint mir eine wichtige Zukunftsaufgabe zu sein.

Kann es eine faire Handelswelt geben oder bleibt das eine Utopie?

Das wird wahrscheinlich als solche immer eine Utopie bleiben, aber unsere Wirtschaft entwickelt sich in diese Richtung weiter. Dass der Konsument der eigentliche Souverän der Marktwirtschaft ist, haben ja schon die neoklassischen Ökonomen wie Adam Smith und Ludwig von Mises gesehen.

Hat Hobbes also Unrecht, wenn er sagt: Der Mensch tut nichts Gutes, außer man zwingt ihn dazu?

Das stimmt schon. Aber der Konsument kann sich selbst dazu zwingen. Und die Politik kann ihn gemeinsam mit den Unternehmen darin unterstützen. Letztendlich brauchen wir so etwas wie einen Selbstzwang durch Fremdzwang. Man kann den Menschen übrigens auch durch bestimmte Tricks dazu bringen, sich stärker sozial und nachhaltig zu verhalten.

Wie sieht das konkret aus?

Stellen sie in einer Cafeteria die gesunden und nachhaltigen Produkte einfach an den Anfang des Buffets. Oder verkaufen sie Fair-Trade-Produkte in einem Coffee-Shop so, dass man dabei von anderen beobachtet wird. Da wird sich keiner trauen, das abzulehnen. Supermärkte sollten die nachhaltigen Produkte nicht unten ins Regal schieben und Einzelhändler können die Kleider, die unter fairen und ökologischen Bedingungen hergestellt wurden, gleich am Eingang positionieren. Das unterstützt uns als Verbraucher dabei, das zu tun, was wir eigentlich tun wollen, wozu wir aber nicht kommen, weil wir zu faul sind, kein Geld oder gerade keine Zeit haben.

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Also gibt es gute Gründe, positiv in die Zukunft zu blicken?

Sagen wir mal verhalten optimistisch. Es gibt zumindest keinen Zweifel daran, dass die Märkte gerade langsam in eine nachhaltige Bewegung kommen. Denn uns allen ist klar, dass sich bestimmte Strukturen grundlegend ändern müssen.

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