E-Tretroller, Fahrräder, Scooter: Die Zukunft der Mikromobilität
Sie stehen in Reih und Glied am Straßenrand, warten in Halterungen vor Bahnhöfen auf Nutzer, stehen quer in Parklücken oder werden achtlos ins Gras geworfen – E-Tretroller, Mietfahrräder, E-Scooter haben die Stadtbilder von Berlin über Köln bis München drastisch verändert. Sie sind zur Freude der Nutzer oder zum Ärger mancher Bewohner eines der sichtbarsten Symbole einer sich verändernden Mobilität.
Seit die Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung (eKF) in Deutschlang gilt, überziehen zahlreiche Anbieter mit Miet-E-Tretrollern die Städte, trotz einzelner Rückschläge gehören auch Mietfahrräder inzwischen zum Standard in Großstädten. Menschen pendeln mit eigenen Rollern oder mieten sie für den Fahrspaß zwischendurch. Die Branche schien sich trotz harten Wettbewerbs einen festen Platz im Mobilitätsmarkt der Großstädte zu erkämpfen. Ein Markt in einer Größenordnung von 300 bis 500 Milliarden Euro sah die Unternehmensberatung McKinsey bis zum Jahr 2030 voraus.
Signifikanter Rückgang bei der Nutzung
Und dann kam Corona. Mit dem Ausbruch des Virus Covid-19 legten Anbieter ihre E-Tretroller still, Menschen blieben daheim und benötigten keinen Transport. Um 50 bis 60 Prozent reduzierte sich die Zahl der Kilometer auf den verschiedenen Vertretern von klassischen Fahrrädern im Eigenbesitz bis zu gemieteten E-Mopeds, stellt die Studie „The future of micromobility: Ridership and revenue after a crisis" von McKinsey fest. Und wenn, dann fuhr und fährt die Sorge mit, dass es bei der Nutzung zu einer Infektion kommen kann.
So erstaunt es nicht, dass in einer Umfrage unter 7000 Menschen weltweit im Mai 2020 herauskam, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Sharing-Dienst in Anspruch zu nehmen bei 47 Prozent der Befragten steigen würde, wenn die Roller oder Räder regelmäßig desinfiziert würden. 31 Prozent sahen auch Gesundheitstest als einen Weg, um ihr Vertrauen in die Sicherheit der Nutzung so sicherzustellen, dass sie ihn nutzen würden.
Allem Zögern zum Trotz dürften andere Umstände dafür sorgen, dass die Attraktivität der Shared-Microbility wieder steigt. Kommunen von Brüssel bis Montreal verwandeln Autospuren in Radwege oder planen neue. Damit steigt die Geschwindigkeit, mit der sich Wege innerstädtisch zurücklegen lassen. Gleiches gilt für die Sicherheit der Nutzer, wenn sie auf eigenen Spuren unterwegs sind. Schon jetzt zeigen Zahlen, dass sich die Entfernung, die Nutzer zurücklegen, erhöht und aus den vornehmlichen Freizeitvehikeln Alternativen zum eigenen PKW oder öffentlichem Nahverkehr entwickeln, wenn es um den Weg zur Arbeit geht.
Rasche Erholung erwartet
Die drastischen Einbrüche in der Nutzung werden schonungslos die Konsolidierung der Branche vorantreiben. Für die überlebenden Anbieter kann das auch bedeuten, dass sie – nach einer Marktbereinigung – günstigere Konditionen mit den Produzenten aushandeln können, da sie größere Mengen an Fahrzeugen benötigen, vermuten die Autoren der Studie. Gut für die dann am Markt vertretenen Unternehmen – auf Basis von Bewegungsdaten der Fahrzeuge erkennen die Autoren eine rasche Erholung in der Nutzung.
Sollte die sich so fortsetzen, rechnet McKinsey schon zwischen 2021 und 2022 mit Nutzungszahlen wie vor der Pandemie. „Wir glauben, dass die Nutzung privater Elektrokleinstfahrzeuge sowie derer von Vermietern sich vollständig erholen wird und keinen signifikanten Einbruch gegenüber dem Niveau von vor der Krise zeigt“, sagt Kersten Heineke. Er ist Partner bei McKinsey in Frankfurt und Leiter des Centers of Future Mobility (MCFM).
Die langfristigen Aussichten für Mikromobilität sind trotz der Pandemie besser geworden. Anlass für diese Einschätzung gibt die Umfrage, in der die Befragten angaben, noch mehr die Angebote zu nutzen oder sich einen entsprechendes Fahrzeug zuzulegen. Weitere Indizien sind die Anzahl der Downloads von Apps von Shared-Microbility-Diensten in App-Stores, die im Juni 2020 schon wieder ansteigen.
Auch wenn das Auto gerade in Zeiten der Sorge um eine mögliche Infektion als sicherste Alternative gilt, sehen sich die Nutzer einer immer stärkeren Eingrenzung in Städten gegenüber, die mit hohen Parkgebühren und Mautzahlungen die Zahl von Autos in den Innenstädten reduzieren wollen. Die gleichzeitige Verbesserung der Infrastruktur für Fahrradfahrer erlaubt auch Nutzern von Elektrokleinstfahrzeugen ein komfortableres Fahrerlebnis. Wenn dann eine Klientel mit starkem Bewusstsein für Umweltschutz und Nachhaltigkeit die Mikromobilität als Säule ihres Lebensstils sieht, sind die neu hinzugekommenen Fahrzeuge zukünftig nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenken.