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Interview„Das gibt mir mehr zurück als jede Medaille“

Es gibt Menschen, die haben zweimal Geburtstag. David Behre, Rolemodel von Charta der Vielfalt, ist so ein Mensch. Mit gerade mal Zwanzig verliert er bei einem Unfall beide Unterschenkel – heute ist er Sprinter, Weltmeister, Paralympics-Sieger. 09.12.2021 - 09:11 Uhr
Foto: Privat

Herr Behre, wie geht es Ihnen gerade?
Ich glaube, uns allen fällt diese Pandemie gerade schwer. Und jetzt ist ja auch noch zusätzlich diese graue Jahreszeit. Winter-Blues stellt sich mal ein, auch bei mir, obwohl ich normalerweise ein super optimistischer und positiver Mensch bin. Aber nichtsdestotrotz schaue ich positiv in die Zukunft und hoffe, dass wir dann im Frühjahr nächsten Jahres die Pandemie hoffentlich überstanden haben.

Wie ist der Unfall 2007 genau passiert?
Ich war damals mit meinem Fahrrad in Moers unterwegs, wollte über einen beschrankten Bahnübergang fahren. Die Schranken waren geöffnet, und ich fahre gerade übers erste Gleis da kommt ein Güterzug von rechts. Ich habe keine Chance. Der Zug erwischt mich voll. Ich hänge wohl noch irgendwie an der Lok dran, werde mitgeschleift für 100 Meter, verliere die Kraft, so dass der rechte Fuß unters Rad der Lok kommt, 20 Meter weiter dann der linke. Ich schaffe es irgendwie, mich in ein Gebüsch zu retten. Der Zugführer hat nichts gemerkt. Es gab keine Zeugen. Ich liege drei Stunden im Gebüsch im Schock-Koma. Irgendwann werde ich wach, will aufstehen, registriere ziemlich schnell: Ich kann nicht aufstehen. Ich gucke an mir herunter, sehe, dass meine Füße fehlen. Alles ist zerfetzt, alles ist voller Blut. Ein Gedanke treibt mich in diesem Moment an: Ich will mich noch mal von meiner Familie final verabschieden, nicht alleine elendig an diesem Bahndamm verrecken. Dieser Gedanke gibt mir so viel Kraft, dass ich den Bahndamm hochrobbe. Ich sehe Häuser, rufe so laut es geht um Hilfe. Eine Anwohnerin hört den Hilfeschrei. Sie kommt zu mir geeilt, übernimmt die Erstversorgung, alarmiert die Rettungskräfte. Minuten später steht der Rettungshubschrauber aus Duisburg über mir, ich sehe ihn am Himmel, höre das klopfende Geräusch der kreisenden Flügel. Ich werde geborgen, in die Berufsgenossenschaftliche Unfall Klinik nach Duisburg geflogen, über Stunden werde ich operiert, im künstlichen Koma gehalten.

Noch im Krankenhaus fassten Sie den Entschluss, der Profisportler zu werden, der Sie heute sind. Woher nahmen Sie die Kraft?
Eine gute Frage. Erst einmal war ich schon damals sehr, sehr resilient, ausschlaggebend war aber ein Beitrag, den ich gesehen habe, fünf Tage nach dem Unfall über einen anderen südafrikanischen Prothesen-Sprinter, dem ebenfalls beide Unterschenkel fehlten. Das war für mich eine unglaubliche Motivation und Inspiration. Ich glaube, wenn wir Menschen in Schicksalsschlägen stecken oder gerade nicht wissen, wie das Leben weitergehen soll, brauchen wir Beispiele. Beispiele von Menschen, die es aus ähnlichen Situationen geschafft haben. Sehr schnell nach meinem Unfall habe ich angefangen, Ziele zu formulieren, die ich dann mit allem Nachdruck und Vehemenz verfolgt habe. Total wichtig war auch die Hilfe meines Umfelds, meine Familie, die Menschen im Krankenhaus; die haben mir auch Kraft und Stärke gegeben. Und als ich es dann geschafft hatte bei den Paralympics, beim größten Highlight für behinderte Sportler die Goldmedaille gewann, da habe ich gesehen: Wenn man alles für seine Träume tut, kann man auch wirklich alles schaffen. Der wichtigste oder das wichtigste Bindeglied ist immer der Kopf. Man muss wollen, und ich wollte unbedingt Profisportler sein.

Was muss in Ihren Augen für Menschen mit Behinderung am Arbeitsmarkt noch besser werden?
Vieles hat sich schon verändert, muss sich aber noch verbessern. Die Barrierefreiheit in Deutschland zum Beispiel. Der Weg zum Arbeitsplatz mit dem Zug etwa muss gewährleistet sein, leider ist er das nicht, weil Menschen mit Behinderung nicht an jedem Bahnhof aussteigen können, weil es da entweder keine Aufzüge gibt oder die dauernd ausfallen. In vielen Unternehmen gibt es leider zudem immer noch Berührungsängste, gesunde Menschen denken oft, Menschen mit Behinderung würden stagnieren im Leben, könnten das Unternehmen deshalb nicht bereichern. Dabei ist es genau andersrum.

Inwiefern?
Menschen mit Behinderung bringen Attribute, die die Stimmung in dem ganzen Unternehmen positiv beeinflussen können: Zielstrebigkeit, das Glücklichsein darüber, im ersten Arbeitsmarkt zu funktionieren, weil man gebraucht wird. Dieses Glücklichsein strahlt auf die Kollegen aus, reißt sie mit. Eine unglaubliche Bereicherung!

Welchem Beruf geben Sie neben Ihrem sportlichen Engagement nach und wie erleben Sie das selbst in Ihrem Job?
Vor meinem Unfall hatte ich eine Ausbildung zum Fachinformatiker angefangen, nach meinem Unfall sah ich mich darin nicht mehr. Ich war mit meiner Karriere als Profisportler beschäftigt, parallel habe ich angefangen, BWL-Bücher durchzuackern und mich für das Unternehmen APT Prothesen stark zu machen. APT hat sich spezialisiert auf die Versorgung amputierter Menschen, vier Jahre war ich neben dem Profisport bereits Gesellschafter von vier Filialen in ganz Deutschland. Nach 13 Jahren habe ich meine Sportlerkarriere im September dieses Jahres in Tokio beendet und konzentriere mich jetzt nur noch auf APT-Prothesen. Zu meiner Aufgabe gehört auch, mit Amputierten in Krankenhäusern zu reden und die einfach aufzuklären und zu zeigen: Ein Leben ohne Beine ist möglich. Das gibt mir mehr zurück als jede Medaille, die ich irgendwo gewonnen habe.

Warum darf man niemals aufgeben?
Wir haben nur dieses eine Leben. Und es wäre tragisch, wenn man das einfach nur verlebt, ohne Ziele, ohne Träume und nichts für sein Leben tut. Meiner Meinung nach kommt man auch aus jedem Loch heraus. Und wenn man alleine nicht rauskommt, dann ist es Stärke, wenn man nach Hilfe fragt.

Gibt es etwas, was Sie Ihrem jüngeren Ich heute raten würden?
(lacht) Ja: geduldiger sein.

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