Computer am Körper: Warum Sportuhren und Fitness-Apps gefährlich sind
Düsseldorf.
Schrittzähler, Sportuhren und Fitness-Apps auf dem Handy sind viel mehr als ein Privatvergnügen. Dahinter steckt ein gewaltiger Wachstumsmarkt, wie allein schon diese Zahl zeigt: Mehr als eine Milliarde US-Dollar haben die großen Sportartikelhersteller Under Armour, Adidas und Asics in Fitness-Apps gesteckt. Das geht aus einer Recherche des Statista Digital Market Outlook (DMO) hervor.
Die Kehrseite des Booms: Milliarden an Daten, die wild durch die Welt schwirren. Genau auf diesen Aspekt dieses Wachstumsmarktes weist jetzt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen hin. Mehr Kontrolle über den eigenen Körper, verheiße der Trend rund um Wearables und Fitness-Apps. Doch die Kontrolle über die eigenen Daten haben die Verbraucher oft nicht mehr.
„Die Sportartikelhersteller demonstrieren, dass sie das Potential der Digitalisierung erkannt haben“, urteilen die Marktbeobachter von Statista. Der Zukauf von Apps wie MyFitnessPal oder Runtastic (mehr als 70 Millionen registrierte Nutzer) stärke die mobile Präsenz der Unternehmen und ermögliche den Zugang zu einem sportaffinen Millionen-Publikum.
Interessant für die Unternehmen ist dabei: Die Gruppe möglicher Kunden wird immer größer, denn der digitale Fitnessmarkt boomt. Bis 2020 soll die Zahl der Nutzer von kostenpflichtigen Fitness-Apps in Deutschland sogar auf rund zehn Millionen steigen. In den USA könnten es dann sogar 35 Millionen Nutzer sein.
Doch wer als Verbraucher all diese neuen Möglichkeiten intensiv nutzt, sollte sich bewusst sein: Die Mehrzahl der Geräte sendet zahlreiche Informationen über das Fitnessverhalten der Nutzer an die Anbieter. Was dann mit den Daten passiert, wird nicht weiter erläutert oder bleibt unklar. Dies bestätigt die neue Studie des Marktwächter-Teams der Verbraucherzentrale NRW.
Zwölf Wearables und 24 Fitness-Apps haben die Verbraucherschützer unter die Lupe genommen. Das Problem der kleinen Computer am Körper ist: Sportarmbänder, Smartwatches und Fitness-Apps zählen längst nicht mehr bloß die Schritte ihrer Nutzer: Die unauffälligen Alltagsbegleiter sammeln auch ständig Daten wie etwa den Puls und den Kalorienverbrauch ihrer Träger. Oder zeigen, wie lange und wie gut man schläft.
Nicht alles läuft mit diesen Daten so rund wie gedacht. Die Verbraucherschützer fanden Verstöße gegen geltende Datenschutzgesetze und mahnten daher neun große Anbieter ab. Damit ist das Problem allerdings nicht aus der Welt.
„Informationen in Sport-Apps lassen Rückschlüsse auf Fitness und Gesundheit von Verbrauchern zu“, warnt Ricarda Moll, Referentin der Verbraucherzentrale NRW im Projekt Marktwächter Digitale Welt. Eine Perspektive, die viele Nutzer schlecht findet, wie eine Umfrage ergab. Die Mehrheit störe, keine Kontrolle über die persönlichen Informationen zu haben, die sie online preisgeben (78 Prozent).
Aufgrund ihrer rechtlichen Analyse kommen die Marktwächterexperten zu dem Schluss, dass die geprüften Anbieter Nutzer häufig darüber im Unklaren lassen, was mit den gesammelten Daten passiert: Drei Anbieter stellen ihre Datenschutzhinweise nur in englischer Sprache bereit, und nur zwei informieren über die besondere Sensibilität der erhobenen Gesundheitsdaten.
Auch hole nur ein Anbieter eine separate Einwilligung für die Verarbeitung dieser sensiblen Gesundheitsdaten von den Nutzern ein, fanden die Verbraucherschützer heraus. Ebenfalls kritisch sei: Sechs Anbieter räumen sich die Möglichkeit ein, Änderungen in den Datenschutzerklärungen jederzeit und ohne aktive Information des Nutzers vornehmen zu können.
Fünf Anbieter hielten es sich sogar offen, die personenbezogenen Daten ihrer Nutzer bei Fusion oder Übernahme durch andere Unternehmen weiterzugeben. Das Fazit der Verbraucherzentrale NRW lautet: „Wir können jetzt sagen ‚zu Recht‘: Anbieter sammeln zahlreiche – zum Teil sensible – Daten und lassen Verbraucher über deren Verwendung häufig im Unklaren. Das wollen wir nicht hinnehmen“, erklärte Ricarda Moll.
Kai Vogel, Leiter Team Gesundheit und Pflege beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), folgert: Verbraucher benötigten gesicherte Informationen über den konkret nachgewiesenen Nutzen von Apps und den Umgang mit ihren persönlichen Daten. „Abhilfe kann eine öffentliche, nationale Online-Plattform schaffen, die hochwertige Gesundheitsinformationen und unabhängige Bewertungen digitaler Produkte aufführt, um Verbraucher besser zu informieren“, fordert Vogel.
Und damit private Krankenversicherer und Krankenkassen gar nicht erst auf fragwürdige Ideen kommen, fügte Vogel hinzu: „Krankenversicherungstarife, die finanzielle Anreize mit der fortlaufenden, dauerhaften Offenlegungsverpflichtung von Daten verknüpfen, lehnen die Verbraucherschützer kategorisch ab.“