Antiquaria und Antiquariatsmesse Stuttgart: Im Eldorado für Büchernarren
Düsseldorf. Dass Bücher alles andere als antiquiert sind, stellen zwei Messen nach coronabedingten Ausfällen und Verschiebungen wieder zum gewohnten Termin unter Beweis: die „Antiquaria“ in Ludwigsburg vom 25. bis 27. Januar und die „Antiquariatsmesse“ Stuttgart vom 26. bis 28. Januar.
„Goldene 20er?“ fragt die kleinere Veranstaltung anlässlich ihrer 38. Ausgabe in der Musikhalle Ludwigsburg. Ihrer Tradition folgend, bietet sie ihren 53 Ausstellern aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz Titel aus ihrem Angebot hervorgehoben zu präsentieren. Anders als heute führte die aufgeheizte gesellschaftliche Atmosphäre der Zwanzigerjahre und die permanent krisenhafte politische Situation zu einer kulturellen wie künstlerischen Blüte.
Zeugnis und Spiegel dieser Vielfalt ist eine Sammlung von rund 1300 Postkarten von Stars aus Film, Varieté und Theater, die das Antiquariat Karajahn aus Berlin für 9500 Euro anbietet. Kein neues Phänomen waren schon seinerzeit Fake News, wie ein handschriftlicher verfasster Artikel von Karl Marx „An die Redaction des Volksstaat“ belegt, in dem sich der Philosoph und Ökonom gegen Falschbehauptungen im Paris-Journal wendet. Inlibris aus Wien und Kotte Autographs aus Roßhaupten bieten das Schriftstück für 480.000 Euro an.
Aus zeitgeschichtlich durchaus gegebenem Anlass und wegen des 300. Geburtstags von Immanuel Kant bringt das Traunsteiner Antiquariat Bernhard Volkert eine reiche Auswahl an Schriften des wichtigsten Vordenkers der Aufklärung zu moderaten Preisen: Die „Critik der reinen Vernunft“ (3. Aufl., Riga) von 1790 für 400 Euro, „Über das radikale Böse in der menschlichen Natur“ von 1792 für 1000 Euro.
Nach einem Gastspiel letzten Juni in Ludwigsburg kehrt die Antiquariatsmesse Stuttgart dieses Jahr in den renovierten Württembergischen Kunstverein zurück und präsentiert sich ebenfalls der Gegenwart zugewandt. Die Provenienz alter Bücher und Handschriften ist in den Medien nicht so gegenwärtig, wie das bei der Bildenden Kunst der Fall ist; doch spielt sie auch hier eine große und immer wichtiger werdende Rolle.
Die Messe des Verbands Deutscher Antiquare e.V. widmet sich dem Thema mit der Sonderausstellung „Bücherleben – Bücher erzählen ihre Geschichte“ und einer Podiumsdiskussion im Rahmen ihrer Veranstaltungsreihe „Das Rote Sofa“. Bei Inkunabeln, also Büchern aus der Frühzeit des Drucks bis etwa 1500 und Handschriften, gelten die Auftraggeber und prominenten Vorbesitzer ohnehin als das A und O.
Das Antiquariat Bibermühle von Heribert Tenschert liefert hier auch in diesem Jahr zuverlässig. Das „Missale von Évreux von 1527“ ist das einzige Exemplar auf Pergament und das einzige vollständige, illuminiert vom erst kürzlich identifizierten Meister der Anne de Graville. Seine Provenienz ist ab der Zeit nach der Französischen Revolution dokumentiert. Nicht nur Rarität und Einzigartigkeit des Werks haben ihren Preis, auch die Forschungsarbeit, die vom Handel investiert wurde: 680.000 Euro.
Von der Buchmalerei bis zum Comic fächern die 57 Aussteller, die bis aus Dänemark, Italien und Großbritannien anreisen, die ganze Palette der Bibliophilie und einiges an Grafik auf. Das Versandantiquariat Brigitte Reh wartet mit der ersten deutschen Ausgabe der Schedelschen Weltchronik, erschienen 1493 in Nürnberg, zum Preis von 78.000 Euro auf.
Den Beginn der homosexuellen Emanzipationsbewegung markieren Karl Heinrich Ulrichs’ „Forschungen über das Räthsel der mannmännlichen Liebe“, mit denen sich der Wissenschaftler 1868 selbst outete. Angeboten wird das mutige Werk vom Antiquariat Uwe Turszynski aus München für 15.000 Euro.
Auch das frühe 20. Jahrhundert ist gut vertreten, etwa mit einer vollständigen Folge der von dem Grafiksammler Hans Sachs herausgegeben Zeitschrift „Das Plakat“. Beim Antiquariat Haufe & Lutz aus Karlsruhe kostet die Rarität 30.000 Euro. Ein eigenhändiges Manuskript von Rainer Maria Rilkes Gedicht „Der Tod“ hat Eberhard Köstler aus Tutzing für 15.000 Euro im Angebot, während Schriftstellerkollege Hermann Hesse mit dem Aquarell „Bei Muzzano Cortivallo“ zu 28.000 Euro beim Antiquariat J. J. Heckenhauer aus Tübingen vertreten ist.
Der Einstieg in das Sammeln von Büchern ist allerdings bereits im Taschengeldbereich möglich. Das stellen die Aussteller mit der Aktion „Hundert unter Hundert“ unter Beweis. Sie bieten in diesem Jahr an zentraler Stelle gemeinsam hundert Bücher an, die unter 100 Euro kosten.