Auktionen: Paris prescht vor und sticht London aus
Paris. Der neue Sitz von Sotheby’s in Paris hat eine kunsthistorisch berühmte Adresse. In der Rue du Faubourg Saint-Honoré 83 saß ab 1925 die Galerie Bernheim-Jeune. Sie zählt ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu den Mitbegründern des modernen Kunstmarkts.
Zur Einweihung versteigerte Sotheby’s vergangene Woche zeitgleich mit der „Art Basel Paris“ Meisterwerke aus verschiedensten Sammlungen. Zahlreiche amerikanische sowie große europäische Kunden, die sich normalerweise nicht auf den Weg machen, waren eigens zu diesem Anlass gekommen.
Mehr als ein Jahr hatte Sotheby’s die Versteigerung „Surrealismus und sein Erbe“ vorbereitet. Vor einhundert Jahren hatte der Dichter und Schriftsteller André Breton das „Surrealistische Manifest“ in Paris veröffentlicht. Das Centre Pompidou beleuchtet das Jubiläumsthema mit einer Museumsausstellung, Pariser Galerien und Auktionshäuser haben sich angeschlossen.
Unter den Hammer kamen Werke in Museumsqualität für insgesamt 23,1 Millionen Euro Erlös. Zu den Spitzenwerken zählte ein Ölgemälde von René Magritte aus dem Jahr 1947. „La leçon de choses“ stammt aus einer bedeutenden amerikanischen Sammlung und gehörte in den 1970er-Jahren dem Musiker Elton John.
Das in den Größenverhältnissen seiner weiblichen Hauptfigur irritierende Bild kam aber nur auf 3,8 Millionen Euro. Es wurde offenbar unter der unteren Taxe einem Garantiegeber zugeschlagen. Salvador Dalís Rosenbild „Rose méditative“ hingegen konnte seinen oberen Schätzpreis auf 3,9 Millionen Euro mehr als vierfachen.
Mit einem Zuschlag von 1,7 Millionen Euro übertraf Man Rays Meisterwerk „Personnage“ von 1939 seinen oberen Schätzwert. Man kann nicht über den Surrealismus sprechen, ohne die berühmte Zeitschrift „Minotaure“ zu erwähnen, die zwischen 1933 und 1939 herausgegeben wurde. Ihr Gründer Albert Skira besaß drei Deckfarbenblätter, die nun zum ersten Mal auf dem Markt auftauchten: von René Magritte, André Masson und Diego Rivera.
Thomas Bompard, Vizepräsident von Sotheby’s France, erläutert die Auswahl: „Wir haben uns gegenüber unseren Kunden verpflichtet, dass wir ihnen, wenn sie uns wichtige Magritte-, Man-Ray- oder Miró-Werke anvertrauen, eine weitaus größere internationale Sichtbarkeit garantieren können, als wenn diese Lose bei einer Auktion im November in New York oder im Juni in London verkauft werden.“
Sotheby’s erzielte in der Auktion „Modernités“ einen Erlös von 36,1 Millionen Euro. Spitzenreiter ist hier Jean Dubuffets „Le Visiteur au Chapeau Bleu“. Das Querformat wurde für 6,9 Millionen Euro versteigert, ein neuer Auktionsrekord für den Künstler in Paris. Pierre-Auguste Renoirs „Cariatides“ aus dem Jahr 1909 hing jahrzehntelang in den nationalen Sammlungen Frankreichs. Kürzlich wurde das Gemälde an die Nachkommen von Grégoire Schusterman restituiert. Jetzt erzielte es 1,9 Millionen Euro, den zweithöchsten Preis, der je bei einer Pariser Auktion für ein Werk Renoirs erzielt wurde.
Eine seltene Keramikskulptur von Lucio Fontana, „Maschera“, wurde für 2,2 Millionen Euro verkauft, das Dreifache der oberen Schätzung. Das ist der zweithöchste Preis, der je für eine Fontana-Keramik erzielt wurde. Die bestickte Weltkarte „Mappa“ von Alighiero Boetti erzielte 1,9 Millionen Euro.
Die Beuys-Auktion – eine Katastrophe mit Ansage
Die Beuys-Sammlung des deutschen Verlegers Jörg Schellmann fand allerdings nicht das erwartete Interesse, obwohl sie in vier Tagen fast 2000 Besucher anzog. Sotheby’s erzielte mit ihr einen Gesamtumsatz von nur 501.480 Euro, bei einer Absatzrate von 63 Prozent.
Eddie Hautchamp, der für die Auktion verantwortlich war, erklärt das so: „Es ist das erste Mal, dass eine private Sammlung, die vollständig dem Werk von Joseph Beuys gewidmet ist, auf dem Markt angeboten wird. Angesichts des Fehlens eines Präzedenzfalls auf dem Markt und der komplexen Natur des Werks von Beuys war es schwierig, den Ausgang der angebotenen Werke mit Sicherheit vorherzusagen. Während einige Lose keinen Käufer fanden, erzielten andere, wie die Lose 1 und 2, außergewöhnliche Ergebnisse.“ Beuys’ Selbstporträt als Marschierender „La rivoluzione siamo noi“ kam auf 66.000 Euro, sein beliebter Filzanzug gar auf 132.000 Euro.
Ein Marktkenner sieht in der Beuys-Auktion eine „Katastrophe mit Ansage“, die dem deutschen Markt schade. Er kritisiert, dass es keinen gedruckten Katalog gab; dass in Paris und nicht im Rheinland versteigert wurde. Sotheby's erklärt die Entscheidung für Paris mit der Erfahrung, dass die Sammler aus dem Rheinland nicht mehr aktiv seien.
Christie’s setzte mit der in mehr als 30 Jahren zusammengestellten „Collection Danute et Alain Maillart“ am 17. Oktober 13,6 Millionen Euro um. Zufrieden meldet das Haus, die Hälfte aller Werke habe den oberen Schätzwert überschritten. Toplos ist ein Ölgemälde von Marlène Dumas, „Feathered stola“, das auf 1.673.500 Euro kam. Auch für Yayoi Kusama, Niki de Saint Phalle, El Anatsui und Jean-Michel Frank ließen sich gute Ergebnisse realisieren.
Christe’s Flaggschiffauktion der Saison, „Avant-Garde(s) Including Thinking Italian“, präsentierte am 18. Oktober rund 50 Kunstwerke, die für 50,9 Millionen Euro versteigert werden konnten. Der Schwerpunkt lag auf seltenen Werken mit prestigeträchtigen Provenienzen. So erzielte Zao Wou-Kis „24.05.65“ 4.396.000 Euro, Francis Picabias Transparent „Myrte“ kam auf 1.734.000 Euro und stellte eine Verbindung zur Hundertjahrfeier des Surrealismus her. Fast so teuer wie der französische Chinese Zao Wou-Ki wurde ein gleichfalls abstraktes Ölgemälde von Joan Mitchell mit 4.275.000 Euro.
Das Bild „Concetto Spaziale, Attese“ von Lucio Fontana ging für 3.670.000 Euro weg, ein „Achrome“ von Piero Manzoni erzielte 2.944.000 Euro, und „La Robe Rouge “ von Domenico Gnoli überschritt ebenfalls die Millionengrenze.
Paris wird zum Lieblingsziel der Kunstsammler
Christie’s Auktion „20/21 Century Art – Day Sale“ rundete die Auktionswoche ab. Fast 60 Prozent der Lose übertrafen hier ihre obere Schätzung. Werke großer Namen zu Schätzpreisen zwischen 2000 und 600.000 Euro erzielten ein Ergebnis von 14,7 Millionen Euro. Für die „Grands Arbres“ von Félix Vallotton wurden 504.000 Euro knapp unter der oberen Taxe geboten. Josef Albers „Hommage an den Platz“ indes verdreifachte seinen Preis auf 378.000 Euro.
Auch die zeitgenössische Kunst fand ihren Platz: Kazuo Shiragas Gemälde „Gouma“ erzielte 945.000 Euro. Für Anselm Kiefers „Melancholia“ musste der siegreiche Bieter 277.200 Euro aufwenden, dreimal so viel wie der obere Schätzwert.
Paris ist in dieser Saison der Liebling der Kunstsammler und überrundet London in allen Sparten des Kunstmarkts. Zunächst war es die Premiere der „Art Basel Paris“, die die Galerien mit teuren Marktlieblingen von der Messe „Frieze“ in London abzog und stattdessen an die Seine lockte. Kurz darauf zogen die Versteigerungen nach. Das bessere Angebot wurde nach Paris geleitet, nicht nach London oder New York.