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Florian KarschBlick zurück auf ein langes Händlerleben

Florian Karsch zählt zu den führenden Kunsthändlern des Expressionismus. Eine Ausstellung der Galerie Scheibler würdigt das Lebenswerk des heute 90-Jährigen. Einzelheiten seiner langen Karriere rekapituliert die Biographie von Yvonne Groß.Christian Herchenröder 22.01.2015 - 12:00 Uhr Artikel anhören

Josef Scharls Ölgemälde "Dame im Pelzmantel" von 1931 misst 100 x 66 cm.

Foto: Galerie Scheibler

Berlin. Nur als „Vollstrecker“, nicht als „Entdecker“ will er sich sehen. Diese Rolle hat Florian Karsch seinem Vorgänger Karl Nierendorf vorbehalten, der 1920 seine gleichnamige Galerie in Köln eröffnete. Als Hausgalerist von Künstlern wie Otto Dix, George Grosz, Paul Klee und Otto Mueller schrieb er seit 1923 in Berlin, ab 1937 in New York Kunstgeschichte.

Florian, der Sohn des Berliner Bildhauers Joachim Karsch, war 1955 vom Biologen zum Kunsthändler mutiert und machte ab 1963 die noch heute in der Hardenbergstraße am Zoo residierende Galerie Nierendorf zu einer internationalen Adresse für die Kunst des Expressionismus und der 1920er-Jahre. Für eine Ausstellung in der Berliner Galerie Aurel Scheibler hat er noch einmal seine private Schatztruhe geöffnet. Anlass ist ein frisch publiziertes Buch von Yvonne Groß, das Karschs über 50-jährige Karriere als Kunsthändler Revue passieren lässt.

Wilhelm Lehmbrucks Vollgips "Mädchenkopf auf schlankem Hals, Kopf der großen Sinnenden", 1913/14 aus dem Besitz von Florian Karsch.

Foto: Galerie Scheibler

Parade der erfolgreichsten Künstler

Die Ausstellung bei Scheibler führt alle die Künstler zusammen, die Karschs jahrzehntelange Dauerseller waren: Otto Mueller, Ernst Ludwig Kirchner, Josef Scharl, Emil Nolde, Hannah Höch, George Grosz und Otto Dix, von dem das vielfach ausgestellte Aquarell „Wildwest“ (1922) mit 750 000 Euro dotiert ist. Eine Gouache zu dem krassen Ölbild „Ungleiches Liebespaar“ von 1925 wird für 200.000 Euro angeboten. Kirchners Gouache „Mädchenakt mit erhobenen Armen“ von 1909, die 2001 mit 480.000 Euro beziffert war, ist jetzt mit 350.000 Euro ausgepreist. Ähnlich hoch angesetzt ist Otto Muellers Aquarell „Stehendes Mädchen am steinigen Ufer“.

Noch immer moderat erscheinen die Preise für frühe Gemälde von Josef Scharl. Sie liegen hier bei 150.000 Euro. Eines der besten Werke der Ausstellung ist das 1922 datierte Figurenbild „Sommerfische“ von Christian Rohlfs, das mit 200.000 Euro auch eher dezent bewertet ist, während ein Probedruck von Conrad Felixmüllers Farblithographie „Kohlenbergarbeiter“ mit 120.000 Euro doch recht heftig zu Buche schlägt.

Blick in die Ausstellung ”Zwischen Dix und Müller" mit Arbeiten aus dem Besitz des Kunsthändlers Florian Karsch.

Foto: Galerie Scheibler

Der von Yvonne Groß verfasste, zur Ausstellungseröffnung vorgestellte Band über Karsch setzt eine als Buch und im Internet greifbare Dissertation von Anja Walter-Ris fort. Sie befasste sich 2003 vorwiegend mit der deutsch-amerikanischen Karriere des Kunsthändlers Karl Nierendorf. Karschs Mutter Meta hatte 1937 Josef Nierendorf geheiratet, der engster Mitarbeiter seines Bruders Karl war und bis 1939 die Berliner Galerie weiterführte. Sie zeigte noch 1936 eine große Franz Marc-Ausstellung zum 20. Todestag des Künstlers.

Minutiös, zuweilen etwas zu ausladend, werden Ereignisse und Karriere einer Kunsthändlerkarriere von 1955 bis 2011 rekapituliert und dabei nicht nur die Ausstellungs- und Handelstätigkeit des fast Neunzigjährigen gewürdigt und Preise genannt. Seine Verdienste um die Aufdeckung von Fälschungen im Stil expressionistischer Künstler, die seit den siebziger Jahren den Markt überschwemmen, bleiben nicht unerwähnt.

Hintergrund eines Ausfuhrverbots

Eine Grosz-Zeichnung der Ausstellung, die eine belebte Straßenszene mit den Schriftstellern Däubler und Hermann-Neiße zeigt, trägt das Etikett „National Wertvolles Kulturgut“. Sie darf vom Käufer folglich nicht ausgeführt werden. Das Buch löst das Rätsel dieses Attributs, das Resultat einer Steueraffäre ist. Sie begann 1995 mit der Übergabe von Kunstwerken statt Erbschaftssteuern und kulminierte in einer Steuerprüfung, in der die mit 20 Millionen Euro bezifferten Werke aus der Privatsammlung Karsch zum Betriebsvermögen geschlagen und mit 8 Millionen Einkommensteuer belastet wurden.

Der Galerist trat vom Vertrag zurück. 2010 lehnte das Kammergericht die Klage des Landes Berlin gegen die Vertragskündigung ab. In der Zwischenzeit hatte das Land aber die wichtigsten Werke in das Gesamtverzeichnis wertvollen Kulturguts aufgenommen, was einen Verkauf ins Ausland ausschließt.

Ein Lagerbestand mit Folgen

Mit Problemen dieser Art wurde ein Kunsthändler konfrontiert, der Hüter einer Megakollektion ist. Karsch gehört zu den heute raren Galeristen, die über einen immensen, in Jahrzehnten aufgebauten Lagerbestand verfügten. Hunderte von Werken prägten die periodischen Ausstellungen. Nur ein Beispiel: die Herbstausstellung 1985 weist 360 Werke von 40 Künstlern aus. Karschs Devise „Ich habe immer zu dem Preis gekauft, der einen Gewinn versprach“ ließ sich in den Auktionen nachvollziehen, in denen der ökonomische Käufer stets in einer der letzten Reihen saß, um den Überblick zu behalten und sich im Bietgefecht nie überreizen ließ. Eine Fülle von Katalogen und Kunstblättern, die im Anhang des Buches aufgeführt sind, und die Werkverzeichnisse der Graphik von Otto Dix (1972) und Otto Mueller (1974) sind imponierende Teile eines Lebenswerks. Nur schade, dass die Autorin dieser nacherzählten Vita ihrem Buch kein Namensregister beigegeben hat.

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Literatur

Yvonne Groß: Zwischen Dix und Mueller. Der Berliner Kunsthändler Florian Karsch und die Galerie Nierendorf, 471 Seiten, gebunden, Edition Andreae im Lexxion Verlag, Berlin, (o.J.), ISBN 978-3-86965-263-4, 34,80 Euro.

„Zwischen Dix und Müller“, Galerie Aurel Scheibler, Berlin, bis 31. Januar 2015.

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