Galerienjubiläum: Ein Jahrhundert voller
Aufs und Abs
London. Es ist selten, dass im Herzen Londons eine Straße für den Verkehr gesperrt wird. Doch über den Köpfen der Besucher der Cork Street flattern Banner, die von Künstlern entworfen wurden, und in der Straße werden Cocktails sowie Champagner serviert. Es wird gefeiert: 100 Jahre Galerien in der Cork Street in Mayfair. Das Event wird vom Eigentümer der Immobilien, dem Pollen Estate, der mehrheitlich dem Norges Bank Investment Management (NBIM) gehört, gesponsert. 15 Galerien öffnen ihre Türen in den Abend hinein, präsentieren ihre aktuellen Ausstellungen und nehmen mehr oder weniger sichtbar an einer kuratierten Gemeinschaftsausstellung teil.
Die Zeiten für Galerien sind schwierig. Vor allem die kürzliche Schließung der Galerie Blum in Los Angeles ist vielen im Gedächtnis. Krisen führen bei einigen zu Zweifeln am Galeriemodell, und Londons Rolle im europäischen und globalen Kontext bleibt weiterhin umstritten. Während manche internationale Besucher Paris bevorzugen, betonen andere nach wie vor die Bedeutung dieser Kunstmetropole. Umso wichtiger ist es, sich daran zu erinnern, dass Auf und Abs zum Kunstmarkt gehören und Londons Galerienviertel in Mayfair eine lange, stolze Geschichte hat. Besonders die Cork Street und ihre Galerien waren und sind weiterhin führend bei der Förderung junger und etablierter internationaler Kunst.
Der Ruf der Straße lockte Peggy Guggenheim an
Vor 100 Jahren begann alles mit der Mayor Gallery, die 1925 ihre Türen öffnete. Die Galerie zeigte Arbeiten von Künstlern wie Ivon Hitchens und Paul Nash, aber bald auch Francis Bacon, Max Ernst, Barbara Hepworth und Henry Moore. Bereits 1936 zog die Redfern Gallery als zweite Galerie in die Straße ein. Sie verlegte ihren Standort von der Bond Street und ist noch heute als einzige Galerie der Vorkriegszeit am selben Ort. Der Ruf der Straße vor allem in der Präsentation von Kunst der Avantgarde lockte Peggy Guggenheim an, die 1938 für kurze Zeit ihre Galerie Guggenheim Jeune hier führte, bevor sie nach New York umsiedelte.
Aber es waren die Sechzigerjahre, in denen Galeriengründungen wie die von Bernard Jacobson und Leslie Waddington (mittlerweile Waddington Custot) die Straße zu einem Zentrum zeitgenössischer Kunst machten. Was damals noch neue Kunst war, wurde allerdings schnell bekannt und damit etabliert. Damit wurde die Cork Street erwachsen, aber gleichzeitig auch zum Symbol des etablierten Kunstmarkts. Die Gegend, eingespannt zwischen den Auktionshäusern Sotheby’s im Norden und Christie’s im Süden, in direkter Nähe zur Royal Academy, wurde zum Zentrum des Kunsthandels. Das mag der Anlass gewesen sein, dass 1985 die „Grey Organisation“, eine Gruppe von „Post-Punk“-Künstlern, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion Farbe über alle Schaufenster schüttete, um gegen die „leblose Kunstelite“ zu demonstrieren. Obwohl genau hier im selben Jahr auch Victoria Miro ihre Galerie eröffnete. Die Räume übernahm sie von Robert (Bob) Fraser, der dort Jean-Michel Basquiat und Keith Haring zeigte. Miro war eine der ersten Galerien, die eine neue Generation von Künstlern in London förderte. Doch das neue Zentrum der zeitgenössischen Kunst nach 2000 wurde das East End, wohin auch Miro umzog. Der Siegeszug der jungen Kunst fand nicht im Zentrum des Kommerzes, sondern in Industriehallen nahe bei den Künstlern statt.
Aber nicht nur die Galerien, sondern auch die Büros darüber sahen müde aus. 2016 begann daher der Pollen Estate mit der Erneuerung der Cork Street und der umgebenden Straßen. Zwischen 2016 und 2019 wurden neue Häuser gebaut, die Galerien mussten ausziehen, teils temporär, teils ganz. Nun strahlt alles im neuen Glanz. Als Erste zog die afrikanische Goodman Galerie in die „neue“ Cork Street. Jo Stella-Sawicka, Direktorin der Galerie, erinnert sich im Gespräch mit dem Handelsblatt: „Zum Zeitpunkt der Eröffnung war dies der einzige Ort, der eine zweckmäßige Galerie in der Größenordnung bot, die wir für die Präsentation unseres ehrgeizigen Programms benötigten, und das war großartig. Die Cork Street ist seit Langem ein wichtiger Ort in der Londoner Kunstwelt, ein Ort des Erbes und der Neuerfindung zugleich.“
Auch Maria Varnava, Gründerin der Tiwani Galerie, die als jüngste Mieterin seit 2023 dabei ist und auch eine Galerie in Nigeria betreibt, äußert sich begeistert: „Es ist spannend, dass ich mit vielen britischen Künstlern aus der Mitte ihrer Laufbahn zusammenarbeite, die Verbindungen zu Afrika haben. Es ist also beeindruckend zu sehen, wie vielfältig die Cork Street ist und wie sie auf die globale Natur der Kunst reagiert.“
Der Pollen Estate unterstützt die Galerien und hat ein hochqualitatives Ensemble zusammengestellt, was die Attraktivität der Gegend steigert. Die Galerienfläche im Angebot hat sich seit der Renovierung verdoppelt. Aber auch ein wohlwollender Vermieter kann den grundsätzlichen finanziellen Druck auf die Galerien nicht aufhalten. Ob alle langfristig bleiben können, wird sich zeigen. Die Etablierung der von Frieze betriebenen „No. 9 Cork Street“, wo Galerien Räume für Ausstellungen und Events anmieten können, zeigt, dass nicht jeder lange Mietverträge unterschreiben muss, um vor Ort präsent zu sein. 100 Jahre Cork Street erinnert vor allem an eines: Hier gibt es seit einem Jahrhundert ein Auf und Ab, Stillstand und Erneuerung. Das wird auch weiterhin so bleiben.
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