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Hans Haacke in Mönchengladbach Frühwerk eines Querdenkers

Hans Haacke umkreist mit seinem Werk Systeme und Strukturen, die von den Mächtigen lieber unter der Decke gehalten würden. Das Frühwerk des Konzeptkünstlers ist jetzt in Mönchengladbach ausgestellt.
30.07.2020 - 16:52 Uhr Kommentieren
Der Künstler verfolgt im Jahr 2000 von der Besuchertribüne im Bundestag aus die Debatte um sein umstrittenes Kunstwerk
Hans Haacke

Der Künstler verfolgt im Jahr 2000 von der Besuchertribüne im Bundestag aus die Debatte um sein umstrittenes Kunstwerk "Der Bevölkerung".

(Foto: Michael Kappeler/ddp)

Mönchengladbach Was eine weidende Ziege mit Kunst zu tun hat ist für Museumsbesucher heute noch genauso erklärungsbedürftig wie vor 50 Jahren. 1970 war sie die Attraktion einer Ausstellung mit amerikanischer Gegenwartskunst in der südfranzösischen Fondation Maeght. Eine Art „lebende Skulptur“, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den klassischen Skulpturen von Joan Miro und Alberto Giacometti durch den Wald der Stiftung fraß.

Dokumentationsmaterial und ein Farbfoto blieben von dem kurzlebigen Werk, das der Künstler Hans Haacke geschaffen hatte. Diese Relikte, die längst selbst zu Artefakten wurden, sind nun im Museum Abteiberg in Mönchengladbach im Rahmen einer Einzelschau über das Frühwerk des renommierten Konzeptkünstlers ausgestellt.

Dass bei dem kurzlebigen, das Areal gleichwohl ummodellierenden Kunstwerk mit Ziege kaum Verwertbares für den Kunstmarkt abfiel, hatte ihr Schöpfer einkalkuliert; und ebenso mitbedacht, dass das unverdrossen tätige Nutztier in diesem Ambiente als Bild für die Freiheit der Kunst verstanden werden konnte. Zumindest auf den ersten Blick. Denn im Prinzip agierte es, genauso wie der Künstler, innerhalb vorgeschriebener Grenzen und dank einer gemeinnützigen Einrichtung. Die wiederum verdankt ihre Existenz den erfolgreichen Geschäften, die ihr Gründer, der Galerist Aimé Maeght, auf dem Kunstmarkt tätigte.

Das Foto zeigt die Ziege wie sich gerade durch das Waldstück der ehrwürdigen Fondation Maeght frisst.
Hans Haacke

Das Foto zeigt die Ziege wie sich gerade durch das Waldstück der ehrwürdigen Fondation Maeght frisst. "Goat Feeding In Woods" war 1970 Teil einer Gruppenausstellung.

(Foto: Hans Haacke / VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

Komplexe „Real-Zeit-Systeme“ wie die Arbeit mit der Ziege haben den heute 83-Jährigen, der demnächst mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichnet wird, zeitlebens interessiert. Solche Systeme können bis Mitte der 1960er- Jahre rein physikalischer Natur sein wie das fotografisch festgehaltene „Lebende Flugsystem“ eines angefütterten Möwenschwarms oder das partizipative Objekt einer „Säule mit zwei Flüssigkeiten“, eine Dauerleihgabe aus der Sammlung Etzold.

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    Interessant wird es in den späten sechziger Jahren. Denn Haacke stellt – wie viele seiner Generation – zunehmend kritische Fragen und macht mit seinen Arbeiten Systeme und Strukturen sichtbar, die von den Mächtigen lieber unter der Decke gehalten würden.

    Verschmutzer zahlen weniger

    Auf dem zentralen Bildfeld des 1972 entstandenen „Krefelder Abwasser-Triptychons“ fischen Möwen an der Einleitungsstelle der Farbenfabriken Bayer verendende Fische aus dem Rhein. Weitere Details der damals im Krefelder Haus Lange gezeigten Recherche lassen sich den Tafeln zur Rechten und zur Linken des Fotos entnehmen. Haacke konfrontiert den Betrachter mit einer Liste der einleitenden Unternehmen und erstaunlichem Zahlenmaterial wie den 41 Millionen Kubikmetern ungeklärten Abwassers, die 1971 in den Rhein gelangten – bei Kanalgebühren zwischen 21 und zwölf Pfennigen – mit den geringsten Gebührensätzen für die größten Verschmutzer.

    Krefeld hatte Mut. Anders als 1971 das Guggenheim Museum in New York. Als bekannt wurde, dass Haacke mit einer Arbeit die Dynamik und Wirkung der Immobiliengeschäfte Manhattans sichtbar machen würde, wurde seine Einzelschau abgesagt. 1974 folgte Köln. Das Wallraf-Richartz-Museum lehnte seinen Vorschlag für die Gruppenausstellung „Projekt 74’“ ab, weil die darin thematisierte Herkunftsgeschichte des sogenannten „Spargel Stillebens“ angeblich den Deutsche-Bank-Übervater Hermann Josef Abs diskreditiere. Abs war seinerzeit Vorsitzender des Fördervereins und hatte den Kauf des Gemäldes angeraten.

    Das 1965/68 entstandene
    Hans Haacke

    Das 1965/68 entstandene "Life-Airborne-System" (1965/1968) betrachtet der Künstler als eine "Skulptur", die physisch auf ihre Umwelt reagiert. Die Fotokamera fungierte als Zeuge.

    (Foto: Hans Haacke / VG Bild-Kunst, Bonn 2020)

    Der Krefelder Museumsdirektor Paul Wember war Haackes erster Käufer und blieb Jahrzehnte der einzige Museumsleiter in Deutschland, der sich traute, ihn auszustellen. Und dann zertrümmerte der Künstler 1993 auch noch den Boden des Deutschen Pavillons anlässlich der Biennale Venedig.

    Aber selbst einem Werk wie dem in Mönchengladbach ebenfalls gezeigten Projekt für den Deutschen Bundestag gingen kontroverse Debatten voran. Die Abgeordneten hatten Teil am Werden dieser Bodenarbeit: Jeder neu Gewählte platzierte einen Sack Erde aus seinem Heimatort um die großen Lettern des Schriftzugs „Der Bevölkerung“. Seit 2000 wächst das sich selbst überlassene Biotop auf Erden, die so bunt und vielfältig zusammengesetzt sind wie die deutsche Bevölkerung, der es gewidmet ist.

    Köln hat sich nach dem Debakel um Haackes „Manet-Projekt 74“ längst eines Besseren besonnen und das umstrittene Werk erworben. 2013 folgte für umgerechnet 222.000 Euro der Ankauf des „Condensation Wall“ von 1963/65, einem flachen Plexiglasbehälter, in dem sich Feuchtigkeit, abhängig von der Umgebungstemperatur, als Kondensat niederschlägt.

    Trickreicher Steuerabschreiber

    Vor zwei Jahren verleibte sich das Museum schließlich auch den „Pralinenmeister“ ein – für 400.000 Dollar. Peter Ludwig, den Haacke in seiner Collage-Serie als trickreichen Steuerabschreiber und Nutznießer seines Kakaokonzerns an den Pranger stellt, war es zu Lebzeiten nicht gelungen, diese kritische Arbeit in seinen Besitz zu bringen. Dafür hatte der Künstler schon gesorgt. (Bis 25.10.)

    Die Ausstellung „Hans Haacke. Kunst Natur Politik“ ist eine Forschungsausstellung, die Ursula Ströbele am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München erarbeitete und erstmals ausstellte. Im Museum Abteiberg in Mönchengladbach läuft sie bis 25. Oktober 2020

    Mehr: Kunstausstellung: In der Sammlung Schürmann sehen Sie die Welt mit anderen Augen

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