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Ketterer in München Rekordzuschläge gegen den Trend

Das starke Angebot zum Jubiläum des Münchener Auktionshauses überzeugt die Bieter. Dreimal lässt Robert Ketterer den Hammer bei einem Millionengebot fallen.
12.12.2019 - 16:36 Uhr Kommentieren
Das 1986 geschaffene Ölgemälde „Abstraktes Bild“ erzielte etwas über eine Million Euro mit Aufgeld (Detail). Erwartet wurden zwischen 600.000 und 800.000 Euro. Quelle: Kettererkunst
Gerhard Richter

Das 1986 geschaffene Ölgemälde „Abstraktes Bild“ erzielte etwas über eine Million Euro mit Aufgeld (Detail). Erwartet wurden zwischen 600.000 und 800.000 Euro.

(Foto: Kettererkunst)

München Während manche Akteure eine Rezession des Kunstmarkts heraufziehen sehen, schossen die Preise bei Ketterer steil nach oben. Mit seiner Versteigerung von Nachkriegs- und Gegenwartskunst sowie Klassischer Moderne erzielte das Münchener Auktionshaus vor wenigen Tagen wieder einen bemerkenswerten Erfolg.

Beispielsweise bot ein amerikanischer Sammler 875.000 Euro für Anita Rées Gemälde „Blaue Frau“. Mit dem Preis spielte Ketterer einen Weltrekordpreis für die Avantgardekünstlerin der Moderne ein. Für Tony Craggs hochpolierte Edelstahlskulptur „Runner“ erzielte es 812 500 Euro und setzte für den britischen Bildhauer aus Wuppertal einen neuen, deutschlandweiten Auktionsrekord.

Verkaufsstärkstes deutsches Auktionshaus

Das Gesamtergebnis von 27,1 Millionen Euro für die Moderne und die zeitgenössische Kunst liegt trotz einiger hochpreisiger Rückgänge um ein paar Prozente höher als im Frühjahr. Ketterers Position als verkaufsstärkstes Auktionshaus Deutschlands bleibt damit unangetastet, zumal die Ergebnisse der Buchauktion und des 19. Jahrhunderts die Saisonbilanz auf insgesamt 30,7 Millionen Euro heben. Insgesamt registrierte Ketterer eine losbezogene Verkaufsquote von 71 Prozent.

Dreimal fiel in München der Hammer im siebenstelligen Euro-Bereich. In deutschen Auktionshäusern kommt das nicht oft vor. Und wer glaubt, dass der Markt für die Nagelbilder Günther Ueckers gesättigt sei, musste vom Gegenteil überzeugt werden. Seine Werke kennen keine Flaute: Das stattliche, rhythmisch wogende „Weiße Feld“ aus dem Jahr 1994 ist mit rund 1,7 Millionen Euro mit Aufgeld das teuerste Kunstwerk der Herbstauktion. Die Taxe von 500.000 Euro animierte Bieter aus Europa und Übersee; übernommen hat es letztlich ein Schweizer.

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    Dass das Angebot der Abendauktion mit 86 ausgewählten Werken aus der Zeit von 1900 bis heute eine ganze Reihe von expressionistischen Spitzenwerken enthielt, hatte auch die renommierte Kulturstiftung Fondazione Braglia mit Sitz in Lugano nicht übersehen. Die Institution verdankt ihr Geld dem Schweizer Pharmaunternehmen Helsinn. Sie besitzt eine renommierte Expressionistensammlung.

    Für die Fondazione Braglia saß der Düsseldorf Galerist Michael Beck als Kurator im Saal. Er hatte auch Hermann Max Pechsteins brillantes Gemälde „Tänzer“ auf seiner Wunschliste stehen. Das Bild, das Pechstein 1910 unter dem Eindruck der französischen Künstlerbewegung der Fauves zwischen koloristischer Zartheit und figürlicher Ekstase angelegt hat, ist ein Solitär des Expressionismus. Eisern dran blieb während des langen Bietergefechts aber auch das Museum Folkwang in Essen. Es übernahm die auf mindestens 600.000 Euro geschätzte lebensfrohe, ausgelassene Szene für 1,25 Millionen Euro.

    Ein halbes Dutzend Bieter trieb den Preis für das vor 1919 gemalte Porträt von 40.000 Euro auf rekordträchtige 875.000 Euro. Quelle: Kettererkunst
    Anita Rée: „Blaue Frau“

    Ein halbes Dutzend Bieter trieb den Preis für das vor 1919 gemalte Porträt von 40.000 Euro auf rekordträchtige 875.000 Euro.

    (Foto: Kettererkunst)

    Die Schweizer Stiftung konzentrierte sich auf Ernst Ludwig Kirchners „Heimkehrende Ziegenhirten“, ein weiterer Star des Abends. Die telefonisch zugeschaltete Konkurrenz aus Deutschland und Luxemburg hatte das Nachsehen, als das auf 400.000 Euro geschätzte Gemälde bei 1,5 Millionen Euro in die Hände der Fondazione ging. Michael Beck nannte am Rande der Auktion den Preis durchaus stattlich. „Aber wir wären noch höher gegangen. Denn es ist schon lange nicht mehr so ein starkes Bild Kirchners aus seiner Davoser Zeit auf den Markt gekommen. Es besitzt eine Energie und eine farbliche Kraft, die an die Berliner Zeit dieses Malers anknüpft“, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt.

    Wie der Kampf um die Ware im Hintergrund tobt, wie Einlieferer die Szene in Schach halten, woher Bilder stammen – dazu hält sich die Branche sehr bedeckt. Aber Kirchners Alpenstück und Erich Heckels Temperagemälde „Hafeneinfahrt“ von 1916, das 337.500 Euro einfuhr, lassen eine Ahnung aufkommen. Beide marktfrischen Lose stammten von den Erben der Sammlung Gustav Ferdinand Jung. Aus gleicher Quelle offerierte auch das Münchener Auktionshaus Karl & Faber in derselben Woche Heinrich Campendonks Gouache „Wirtshaus“. Mit 175.000 Euro gehörte es dort zu den erfolgreichen Verkäufen.

    Kampf um die beste Ware

    Der Konkurrenzkampf um die beste Ware ist verständlich. Sind doch die Arbeiten von Kirchner und Pechstein, ebenso die erzielten 500.000 Euro für Jean Dubuffets informelle Malerei auf dem Gemälde „L’Esplanade rose“ von 1953 ein deutlicher Beleg dafür, dass Sammler für ausdrucksstarke, bedeutsame Werke auch in Zeiten eines stagnierenden Markts zu hohen Investitionen bereit sind. Auktionator und Firmeninhaber Robert Ketterer nannte diese Werke „Kunst, die gekauft werden will“.

    Konrad Klaphecks subtile, sparsame Darstellung zweier Elektro-Isolatoren zur unteren Taxe von 250.000 Euro und Andy Warhols ambivalente Siebdruck-Leinwand „Porträt of a Lady“, für die bis 600.000 Euro erwartet wurden, gehörten offensichtlich nicht zu dieser Kategorie. Sie wurden zurückgereicht. Abweichungen vom Mainstream eines Œuvres schaffen anscheinend Verunsicherungen und bremsen die Kauflust.

    „Heimkehrende Ziegenhirten“ von 1920 war ein weiteres Starlos des Abends (Detail). 400.000 Euro lautete die untere Schätzung. Für 1,5 Millionen Euro wurde es verkauft. Schon lange nicht mehr kam ein so starkes Bild aus Kirchners Davoser Zeit auf den Markt. Quelle: Kettererkunst
    Ernst Ludwig Kirchner

    „Heimkehrende Ziegenhirten“ von 1920 war ein weiteres Starlos des Abends (Detail). 400.000 Euro lautete die untere Schätzung. Für 1,5 Millionen Euro wurde es verkauft. Schon lange nicht mehr kam ein so starkes Bild aus Kirchners Davoser Zeit auf den Markt.

    (Foto: Kettererkunst)

    Bemerkenswert gering fiel die Rückgangquote bei den ausgewählten Werken mit nur neun Prozent aus, während die wertmäßige Quote der Abendauktion gleichzeitig bei 139 Prozent liegt. Robert Ketterer hat ein untrügliches Gespür dafür, was der Markt gerade will. Aber unübersehbar ist auch seine Fähigkeit, andere von einem Kunstwerk zu überzeugen. Hinzu kommen das moderne Ambiente im Haus und inspirierende Katalogtexte.

    Der Auktionator erreicht seine Zielgruppe nicht nur auf informativer Ebene, sondern spricht, gemessen an der Kaufbereitschaft seiner Kunden, auch emotional einen ausreichend großen Kreis von Interessenten an. In der Medizin kennt man das Phänomen des Placebos: Schon der Besuch beim Arzt heilt manches Leiden. Im Kunsthandel gilt der Händler oder Vermittler als Türöffner zum Käufer.

    Robert Ketterer besitzt in der Branche den Ruf des Rekordmachers. Starke Beteiligung aus Mailand, Paris und New York machten Katharina Grosses vielschichtig, bunt oszillierende Leinwand von 2005 mit 450.000 Euro, dem Viereinhalbfachen der Taxe, zum weltweit teuersten Gemälde der Künstlerin, das je auf einer Auktion verkauft wurde. Und auch die bisherige Auktionspreisspitze für Deutschlands Malerstar Norbert Bisky wurde übertrumpft. Sein Gemälde „Sturz der Giganten“ von 2003 erlebte mit 131.000 Euro einen Höhenflug.

    Ketterer kann nicht nur Kunst verkaufen

    Ähnlich erfolgreich platzierte Ketterer drei Gemälde des DDR-Künstlers Wolfgang Mattheuer in den regulären Katalog „Kunst nach 1945/Contemporary Art“. Eingeliefert wurden sie von der BEB Erdgas und Erdöl GmbH in Hannover. Bislang im mittleren fünfstelligen Preisbereich gehandelt, durchbrachen Mattheuers Landschaft „Oh Caspar David“ von 1975 als auch das drei Jahre später entstandene symbolisch-mystisches Gemälde „Sturz des Ikarus“ die 100.000-Euro-Grenze. Mit rund 194.000 Euro setzte die mehrdeutige Allegorie von 1978 eine bislang nicht erreichte Marke.

    Aber Ketterer kann nicht nur Kunst verkaufen. In Zeiten von Restitutionsanfragen und Aufarbeitung der Nazi-Kunstraube ist der Kunsthandel mitunter moralisch herausgefordert. Während der Auktionsvorbereitung entdeckten Mitarbeiter auf der Rückseite einer eingelieferten Baumstudie von Christian Rohlfs den Stempel der Sammlung Moritzburg in Halle. Recherchen ergaben, dass das Aquarell im Zuge der Aktion „Entartete Kunst“ 1937 aus dem Museum entfernt worden war und anschließend zum Bestand des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt gehörte. Das Blatt kam nicht in die Auktion. Nach einer gütlichen Einigung mit den Einlieferern ist es in die Hallenser Sammlung zurückgekehrt.

    Mehr: Bei Grisebach regiert Vernunft die Preise: Lesen Sie hier, wie das Berliner Auktionshaus auf den Mangel an Spitzeneinlieferungen reagiert.

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