Modernes Mäzenatentum: Damit Museen nicht leer ausgehen
München. Die US-amerikanische Malerin Julie Mehretu gehört seit einigen Jahren zu den globalen Top-Künstlerinnen. Ihre großen abstrakten Gemälde erzielen auf Auktionen Millionenpreise. Bedeutende Museen widmen der 53-Jährigen inzwischen Retrospektiven. Und bei ihrem Berliner Galeristenduo carlier I gebauer tragen sich Sammler in Wartelisten ein.
Die unterfinanzierten deutschen Museen haben da in der Regel schlechte Karten in Sachen Ankauf. Wie ihre grau, gelb schillernde, riesige Leinwand „Strange, in between thing“ nun doch in den Bestand der Pinakothek der Moderne gekommen ist, offenbart ein vielschichtiges System aus Geben und Gewinnen; für alle Beteiligten.
Wer eine Arbeit von Julie Mehretu in der Galerie carlier I gebauer kaufen will, muss durch eine Spende Museen den Erwerb eines ihrer weltweit begehrten Werke ermöglichen „Das nennen manche Erpressung“, sagte Ulrich Gebauer ganz offen im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Seine Sicht der Dinge ist eine andere. Die Preise für Werke Mehretus sind in den letzten sechs, sieben Jahren enorm gestiegen. Als die Berliner Galerie 2002 die Zusammenarbeit mit der Amerikanerin begann, lagen die Galeriepreise bei 15.000 bis 40.000 US-Dollar. Heute betragen sie das zwanzigfache und mehr.
Teuerstes Auktionsobjekt ist ein Diptychon von 2011. Vor acht Jahren bei Christie´s in New York für umgerechnet 2,1 Millionen Euro inkl. Aufgeld versteigert, stieg dasselbe Werk laut artprice.com im Oktober 2023 bei Sotheby´s Hongkong auf 8,8 Millionen Euro.
Im Vergleich zum Zweitmarkt vermeiden Mehretus Galeristen, zu denen auch Marian Goodman und White Cube gehören, zu spekulative Preise. Deswegen ist die Spende in den Augen Gebauers ein Obolus auf den potenziellen Wertzuwachs. Diese Art des Fundraisings funktioniert nur bei Künstlern, deren Nachfrage größer ist als das Angebot. Gebauer interpretiert das so: „Mit dieser Spende geben wir öffentlichen Institutionen die Gelegenheit, Kunstwerke von zeitgenössischen Künstlern zu erwerben, die für die Öffentlichkeit fast nicht mehr erwerbbar sind.“
Der Förderverein PIN.Freunde der Pinakothek der Moderne, der an dem Erwerb ebenfalls beteiligt ist, sieht die Museen für Gegenwartskunst schon lange in diesem Dilemma. In Zeiten, in denen sich der Staat immer stärker aus der Kultur zurückzieht, sieht Katharina von Perfall, Stellvertretende Vorstandsvorsitzende von PIN., diese Zusammenarbeit als zukunftsweisend. „Ich glaube, dass ist inzwischen ein wesentlicher Weg, Werke talentierter, bedeutender Künstler nicht nur in ihrer Anfangsphase, sondern auch nach erfolgreicher Karriere zu erwerben, und eine Sammlung wie die der Pinakothek der Moderne auf internationalem Niveau zu halten“, sagte sie dem Handelsblatt.
Aber nicht nur für die Pinakothek der Moderne steht ein Plus auf der Haben-Seite. Die Werk-Präsenz in renommierten Museen ist ein Gütesiegel für einen Künstler. Den Schlüssel in dieses Reich verwalten die Kuratoren und nicht die Galeristen.
Bei Mehretu gingen aufgrund ihrer Bedeutung viele Türen auf. Carlier I Gebauer hat mithilfe ihres Stifter-Systems die in Äthiopien geborene Künstlerin bestens platziert: im Centre Georges Pompidou in Paris, im Louisiana Museum of Modern Art bei Kopenhagen, in der Neuen Nationalgalerie Berlin und in Australien.
Der Stifter des Werks für die Pinakothek kommt nicht aus München und auch nicht aus Berlin. Die Mäzene heißen Jingxin Yong und Jiang Yixiang, Kunstfreunde aus Asien. Nach Motiven muss man nicht lang suchen. So lange westliche Museen die besten Referenzen für die Anerkennung eines Werkes sind, ist ein Investition in die Sichtbarkeit eines Künstlers aus der eigenen Sammlung nie ein Fehler. Kunst ist auch in Asien neben dem Vergnügen nicht zuletzt Statussymbol und Investition zugleich. „Dort hat man unvorstellbare Mittel zur Verfügung, so dass diese Spende eine andere Dimension hat“, meint Gebauer.
Zufall oder Trend? Auch die Erwerbung eines Werks der vierzigjährigen Kanadierin Ambera Wellmann, die gerade in der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo in Turin für ihre transformativen Malerei gefeiert wird, verdankt die Pinakothek einem Sammler aus Fernost.