Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Neuerscheinung Beispielhafte Kunst-Verbrechen unter der Lupe

Das Journalistenduo Stefan Koldehoff und Tobias Timm thematisiert in seinem neuen Buch die zunehmende Kriminalität in der Kunst.
08.04.2020 - 16:34 Uhr Kommentieren
Fädelte etwa der Künstler den Diebstahl seines goldenen Klosetts ein? Quelle: AFP/Getty Images
Maurizio Cattelan „America“

Fädelte etwa der Künstler den Diebstahl seines goldenen Klosetts ein?

(Foto: AFP/Getty Images)

Paris Wo es im Kunstmarkt um viel Geld geht, lauern auch Betrug und Fälschung, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Darum kreist das neue Buch der beiden Journalisten Stefan Koldehoff und Tobias Timm. Nachdem sie 2012 gemeinsam den Fälschungscoup von Wolfgang Beltracchi aufgearbeitet haben, beleuchten sie nun in „Kunst und Verbrechen“ die zunehmende Kriminalität im Kunstsektor anhand von Fallstudien.

Die ansteigende Zahl an Kunst-Verbrechen erklären die beiden Autoren mit der Globalisierung und dem raschen Informationsfluss seit der Jahrtausendwende.

Zu Beginn beschreiben Koldehoff und Timm Museumsdiebstähle – von der Entwendung der „Mona Lisa“ 1911 aus dem Pariser Louvre über die der XXL-Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin bis hin zum Klau des vergoldeten WCs aus einem englischen Schloss. Den hat, Vermutungen zufolge, der ideenreiche Künstler Maurizio Cattelan womöglich selbst in Szene gesetzt.

Laut Meinung der Kunstfahnder dienen gestohlene Objekte aus Museen oder Privatsammlungen heutzutage meistens zur Erpressung von Versicherungen. Dabei würden die Vorgehensweisen beim sogenannten „Artnapping“ durch die steigende Zahl an „organisierten Banden aus dem ehemaligen Ostblock“ immer brutaler, haben die Ermittler herausgefunden.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Ein Grundproblem bei der Lektüre stellt sich bereits mit diesen Anekdoten: Aus juristischen Gründen dürfen die Autoren Täter und Opfer nur selten mit vollem Namen nennen. Nur dann, wenn die Betroffenen sich öffentlich zu den Fällen äußerten. Das Wahren der Anonymität erschwert jedoch nicht nur das Lesen, sondern offensichtlich auch das Schreiben. Die Ausführungen sind in den Kapiteln interessanter, in denen sich das Duo nicht selbst zensieren muss.

    Stefan Koldehoff, Tobias Timm: Kunst und Verbrechen.
    Galiani-Berlin
    328 Seiten
    25 Euro

    Der französische Journalist Harry Bellet von der Tageszeitung „Le Monde“ und der Händler-Journalist Jean-Louis Gaillemin hingegen nennen in ihren Büchern zur Fälscherthematik die vollen Namen. In Frankreich ist das Persönlichkeitsrecht schwächer ausgeprägt als in Deutschland.

    Auch die Rechercheergebnisse der französischen und deutschen Autoren divergieren, zum Beispiel dort, wo Koldehoff und Timm den betrügerischen Händler Fernand Legros als „angesehenen Kunsthändler“ bezeichnen. Bellet widmet dem vorwiegend mit Fälschungen agierenden Legros und seinen diversen Kopisten ein ganzes Kapitel.

    Gerne wählen Koldehoff und Timm einen dramatisch-szenischen Einstieg in die Kapitel. Der aber setzt voraus, dass der Leser bereits weiß, welche Causa aufgerollt wird. Außerdem erschweren zu viele Zahlen den Lesefluss.

    Hehlerware in Zollfreihäfen

    Man hätte im langen Kapitel über den früheren „König der Zollfreilager“, Yves Bouvier, und den „Le Freeport Singa‧pore“ gerne gelesen, dass es dort bis 2018 einen Mieter namens Christie’s Fine Art Storage Service gab. CFASS, so das Anagramm, bot seinen Kunden ein ganzes Stockwerk von mehr als 22 500 Quadratmetern im Freihafen. Ende 2018 räumte Bouvier dem Handelsblatt gegenüber ein, dass inzwischen wieder seine Verwaltungsgesellschaft über die Räume verfüge. Christie’s bestätigte das.

    Wichtig sind die Berichte über den Antikenhandel, in dem US-Museen als Großabnehmer agierten. Die langfristige Lagerung dieser Hehlerware in Zollfreihäfen erschwert die Beschlagnahme durch die Polizei.

    Wenige Freunde werden sich die Autoren mit ihren Rechercheergebnissen über die Geldwäschepraktiken machen. Wertminderungen bei Wiederverkäufen nehmen Kunsthandel und Investoren nämlich oft in Kauf, wenn das Restgeld reingewaschen wird. Eigentlich soll die vierte EU-Geldwäscherichtlinie dies verhindern.

    Zehn-Punkte-Plan für Händler und Sammler

    Nach vielen kunsthistorischen und kritischen Ausführungen endet das 318 Seiten umfassende Buch mit zehn Fragen, die die Autoren Händlern und Sammlern vor jeder Transaktion empfehlen. Sie zielen unter anderem auf zweifelsfreie Herkunft, Identität des Verkäufers und den Preis in Relation zum Marktwert.

    Die gut durchdachten Anregungen lassen außer Acht, dass vielleicht auch Risikofreude und Spielermentalität so manchen Händler und Sammler antreiben.

    Stefan Koldehoff und Tobias Timm: Kunst und Verbrechen. Fälschungen, Geldwäsche, Steuerbetrug, Plünderung antiker historischer Stätten. 318 Seiten, gebunden, ISBN: 978-3-86971-176-8, Galiani-Berlin 2020, 25 Euro. Erwähnt sind: Harry Bellet: „Faussaires illustres“, Actes Sud, Paris, 2018, und Jean-Louis Gaillemin: „Trop beau pour être vrai“, Le Passage, Paris, 2019

    Mehr: Kunstfälschungen: Acht-Punkte-Plan für den Kunsthandel

    Startseite
    Mehr zu: Neuerscheinung - Beispielhafte Kunst-Verbrechen unter der Lupe
    0 Kommentare zu "Neuerscheinung: Beispielhafte Kunst-Verbrechen unter der Lupe"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%