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Neuerscheinung Wie blinde Gier Kunstfälschern in die Hände spielt

Hubertus Butin entlarvt die Methoden der Kunstfälscher und welche Rolle Auktionshäuser und Sammler spielen. Eine Pflichtlektüre für Marktteilnehmer.
13.05.2020 Update: 18.05.2020 - 11:58 Uhr Kommentieren
Das Seineufer bei Port-Villez nach Claude Monet, gefälscht vermutlich in den 1920er-Jahren. Quelle: Wallraf-Richartz-Museum und & Fondation Corboud, Köln
Unbekannter Fälscher

Das Seineufer bei Port-Villez nach Claude Monet, gefälscht vermutlich in den 1920er-Jahren.

(Foto: Wallraf-Richartz-Museum und & Fondation Corboud, Köln)

München Die Casinomentalität auf dem Kunstmarkt macht es Betrügern besonders leicht, meint Hubertus Butin in seinem gerade erschienenen Buch „Kunstfälschung“. Der Kunsthistoriker hatte wahrscheinlich das letzte Kapitel seiner ebenso inspirierenden wie komplexen Analyse noch nicht an den Suhrkamp Verlag geschickt, als der Branche Ende 2019 wieder der Atem stockte. Die betrügerische Wiederholung eines Rakel-Bildes von Gerhard Richter, dessen Werk penibel dokumentiert ist, hielt man bis dato für unmöglich. Die Spur führte zu einem Berliner Galeristen mit besten Beziehungen nach China.

Auch dieser Fall passt in das Schema des Zusammenspiels von der Sucht nach Kunst-Trophäen, der Ökonomisierung des Marktes, der monetären Gier und des blanken Betrugs, von dem Butin in seinem Buch häufig spricht. Für ihn ist Kunstfälschung systemisch. Es gibt nicht nur Betrüger und Betrogene. Butin verzahnt die Methoden manchmal spektakulärer, manchmal ganz banaler Fälle mit ihrem gedeihlichen Umfeld – Kunsthandel und Auktionswesen nicht ausgenommen.

Als ein Kölner Auktionshaus, das mit Heinrich Campendonk signierte und auch nach Campendonk aussehende Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“ vor zehn Jahren für 2,9 Millionen Euro versteigerte, waren nicht nur Straftäter im Spiel, meint Butin. Es ist ein allgemeines Phänomen von Händlern, Auktionatoren und Sammlern, dass die Schärfe des Zweifels abnimmt und angebliche Quellen ungeprüft bleiben, wenn das Objekt große Gewinne oder Prestige verspricht.

Und in Stuttgart hätte schon das Benutzen einer Lupe einen anderen Versteigerer davor bewahrt, ein aus einem Buch gescanntes und als Tintenstrahldruck realisiertes Kerzenmotiv von Gerhard Richter als Teil einer Edition auszugeben. Auktionshäuser sind keine Kriminalbeamte. Aber, so Butin, Zeit-, Finanz- und Konkurrenzdruck sind Teil der Interaktion. Zu den Triebkräften des Systems gehörten alle Teilnehmer.

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    Äußert kritisch betrachtet der Autor, wie finanzstarke Sammler, etwa Charles Saatchi, Hans Grothe oder Reiner Speck, die Spekulation forcierten. „Man muss sich bewusst machen, dass dieser Hype um die Kunst nicht zuletzt den wesentlichen Nährboden für das gegenwärtige Fälschertum bildet, das die steigende Nachfrage der Händler und Sammler nach frischer Ware auf unerwünschte, aber sehr erfolgreiche Weise bedient“, schreibt der Autor.

    Dass mancher Schwindel aufgedeckt wird, ist oft Oeuvre-Experten zu verdanken. Der Polke-Spezialist Michael Triers verhinderte 2010 bei Christie‘s die Versteigerung einer plumpen Variation von Sigmar Polkes „Flucht Schwarz-Rot-Gold“. Im Todesjahr des Künstlers waren die Begehrlichkeit groß und der Prestigegewinn hoch wie die Skepsis gering. Die Leinwand ging anschließend als Lehrexempel in den Sigmar-Polke-Estate.

    Hubertus Butin: Kunstfälschung. Das betrügliche Objekt der Begierde.
    Suhrkamp Verlag
    472 Seiten
    28 Euro

    Aber Stiftungs- und Museumskuratoren selbst machen sich zu oft zu Handlangern falscher Kunst. Der Modigliani-Spezialist Christian Parisot etwa verfasste zu oft Expertisen für zweifelhafte Werke, so dass ihm die Betreuung des Werkverzeichnisses entzogen wurde. Das ist richtig und schlecht zugleich. Denn bis heute existiert kein Catalogue Raisonné. Das Einfallstor für Betrüger ist damit weit geöffnet.

    Und umgekehrt steht bis heute in allen Kunst-Bibliotheken der vierte Band des Werkverzeichnisses Alexej von Jawlensky, herausgegeben vom Jawlensky-Archiv. Er enthält eine Reihe von gezeichneten „Köpfen“ des Expressionisten, die das Folkwang Museum Essen 1998 ausstellte. Der damalige Direktor wollte trotz einiger Warnungen eine Sensation präsentieren, aber schon am ersten Tag der Ausstellung ging der Fake durch alle Gazetten. Trotz aller Kritik, lässt Butin keine Zweifel daran, dass die Verleugnung von Kennerschaft töricht sei. Gefährlich sei nur deren Monopolisierung.

    Vordatierte Nachschöpfungen

    Das aufschlussreiche Buch lehrt: Nicht alles, was nicht original ist, ist gleich eine Fälschung. Kopien zum Beispiel wurden schon immer angefertigt, auch Repliken. Giorgio de Chirico etwa fertigte nach 1945 exzessiv weitere 100 Exemplare seines Frühwerks „Il Trovatore“.

    Das Marktproblem dabei ist: Dutzendware bewirkt stets einen Preisverfall. Juristisch zweifelhaft daran ist, dass de Chirico seine Nachschöpfungen auf 1917 vordatierte. Es gibt eine Grauzone, da der Originalbegriff seit der Moderne etliche Veränderungen erfahren hat. Spätestens seit Elaine Sturtevant gibt es die „Appropriation“-Kunst: Sie hat die Nachahmung von Werken anderer Künstler zum Konzept erhoben.

    Fakes zersetzen die Kunstgeschichte

    Butin klopft sein ergiebiges Thema von allen Seiten ab. Fälschungen, so eine der Thesen, hinterlassen nicht nur monetäre Schäden. Der wissenschaftliche Schaden ist kaum geringer. Denn die vermeintlich echten Werke verfälschen Werkzusammenhänge und Fakten. Fakes zersetzen die Kulturgeschichte. Butins Haltung ist unmissverständlich: Hört endlich auf, Kriminelle zu Medienstars und Meisterfälschern zu stilisieren, die lediglich nachahmen, was andere Künstler geleistet haben.

    Seine Betrachtungen und Fallanalysen sind ein Kompendium, um sich gewappnet auf dem Kunstparkett zu bewegen. Expertisen, chemische Analysen und abgesicherte Provenienzen hält er für unumgänglich, um nicht Betrügern aufzusitzen. Denn je mehr Geld in den Markt fließt, desto lukrativer wird dieser für Fälscher. Schon jetzt, so schätzen Kunstfahnder, seien 30 Prozent der im Umlauf befindlichen Kunstwerke nicht das, was sie vorgeben zu sein. Und es werden mehr. Denn, so schreibt Butin: „Sie verschwinden nach ihrer Entlarvung nicht, sondern finden irgendwann erneut ihren Weg in den Kunstmarkt.“

    Hubertus Butin: Kunstfälschung. Das betrügliche Objekt der Begierde. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 472 Seiten, 28 Euro

    Mehr: Wie die Blockchain Kunstfälschungen verhindern hilft

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