Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Raubkunst Das Museum Georg Schäfer steht unter Druck

Das bekannte Museum in Schweinfurt besitzt 20 Werke, die eindeutig Raubkunst sind. Dennoch erhalten die Erben der geschädigten Sammler die Gemälde nicht zurück.
20.02.2020 - 18:36 Uhr Kommentieren
Carl Blechen: „Gotischer Klosterhof/Klosterhof mit Kreuzgang“ um 1833/35. Quelle: Museum Georg Schäfer
Dringend zur Rückgabe empfohlen

Carl Blechen: „Gotischer Klosterhof/Klosterhof mit Kreuzgang“ um 1833/35.

(Foto: Museum Georg Schäfer )

Düsseldorf Schon viele Jahrzehnte erfreuen sich die Bürger der Stadt Schweinfurt an ihrem ebenso strahlkräftigen wie eleganten Museum Georg Schäfer. Hier ist die weltweit bedeutendste Sammlung zur deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts zu Hause. Zusammengetragen hat sie Georg Schäfer, einst Lenker des später von Schaeffler übernommenen Stahlkonzerns FAG Kugelfischer. Mit Recht ist man in der Stadt stolz darauf, Kunstinteressierte aus aller Welt anzuziehen.

Doch es gibt Ärger. Für 23 Werke liegen Rückgabeersuchen von den Nachfahren der einstigen jüdischen Besitzer vor. Für ein Museum eigentlich ein klarer Fall: Die Bilder müssen nach der sogenannten Washingtoner Erklärung, der Selbstverpflichtung von 44 Staaten zur Restitution von Raubkunst, zurückgegeben werden.

Aber beim Museum Georg Schäfer liegt der Fall anders. Die Gemälde gehören der Stiftung Sammlung-Dr.-Georg-Schäfer und sind an das Museum ausgeliehen. Mit im Spiel: die Stadt Schweinfurt und der Freistaat Bayern, die das Museum tragen.

Die Stiftung, vertreten von ihrem Vorsitzenden Fritz Ritzmann, begründet ihre Ablehnung einer Rückgabe der Werke unter anderem mit dem Argument, das Unrecht sei von staatlicher Seite ausgegangen. „Für seine Wiedergutmachung trägt die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches die Verantwortung.“

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Die Stiftung beruft sich auf Artikel 14 des Grundgesetzes, nach dem rechtmäßig erworbenes Privateigentum geschützt ist – und darauf, dass Georg Schäfer beim Erwerb nichts von Raubkunst wusste. „Letztlich ist die Stiftung auch stiftungsrechtlich zum Erhalt des Vermögens verpflichtet.“

    Die Haltung der Stiftung und der Träger des Museums sind für Sibylle Ehringhaus empörend. Sie war drei Jahre Provenienzforscherin im Museum, sie rekonstruierte die Herkunftsgeschichte der Kunstwerke. Das Ergebnis ihrer Untersuchung ist eindeutig: In 20 von 23 Fällen handelt es sich eindeutig um Raubkunst.

    Jetzt verlängerte sie aus Protest ihren Vertrag nicht. „Meine Arbeit ist bislang folgenlos geblieben. Ich war nur das Feigenblatt“, klagt die Kunsthistorikerin dem Handelsblatt. Sie fühle sich als Stellvertreterin für ungelöste Konflikte instrumentalisiert. Unter diesen Umständen sei Provenienzforschung nicht zumutbar.

    Anders als Museen in öffentlicher Hand müssen sich Privateigentümer nicht den Washingtoner Prinzipien unterwerfen. Sie sind weder verpflichtet, aktiv nach Raubkunst in ihrem Bestand zu suchen, noch sind sie angehalten, eine faire und gerechte Lösung zu finden. Sie können sich auf einen gutgläubigen, mindestens zehn Jahre zurückliegenden Erwerb berufen. Eine Regelung, die sich in den meisten europäischen Rechtsordnungen wiederfindet.

    „Das Berufen hierauf ist nicht unmoralisch“, erläuterte die Hamburger Rechtsanwältin Christina Berking kürzlich in einem Vortrag zum Thema Privatrestitution in Bonn. Wenn ein Privateigentümer restituiere, tue er dies ohne rechtliche Verpflichtung. „Er nimmt also aus moralischen Erwägungen eine Schuld auf sich, die ihm selbst nicht anzulasten ist. Das ist ihm hoch anzurechnen“, findet Berking.

    In Schweinfurt ist die Gemengelage allerdings komplizierter. Denn hier sind im Museum Georg Schäfer Stadt und Land mit involviert. Es fließen Steuergelder für den Betrieb durch die Stadt, die auch die Provenienzforscherin beauftragte und 80 Prozent der Kosten übernahm. Der Freistaat Bayern finanzierte den Bau des Museums und ist sein Eigentümer. Da stellt sich die Frage, ob die öffentliche Hand nicht eine Mitverantwortung trägt.

    Ruf nach Ersatzleistungen

    Die Stadt Schweinfurt will sich dazu unter Verweis auf die Rechtslage nicht bekennen. Jedoch ist es aus ihrer Sicht begrüßenswert, „dass die Eigentümer in den Fällen von nachgewiesener Raubkunst eine Lösung suchen und die Werke für die Zeit dieser Lösungssuche aus dem Museum zurückziehen“, lässt die Pressestelle von Oberbürgermeister Sebastian Remelé auf Anfrage verlauten.

    Eine Lösung des Konflikts deutet die Stiftung bereits in ihrer Stellungnahme zur Restitution an. Dort ist von „Ersatzleistungen“ die Rede, „wenn zum Beispiel eine staatliche Rückgabe nicht möglich ist wie im Falle des Privateigentums der Stiftung“. Eine „Enteignung zugunsten früherer Besitzer wäre nur in engen Grenzen möglich und bedürfte zudem eines Gesetzes, das auch eine Entschädigung der Stiftung regelt“.

    Die Frage, ob ein Werk nicht bereits dadurch an Wert verlöre, wenn seine Herkunft belastet ist, und damit natürlich auch das Grundstockvermögen der Stiftung schmälert, verneint Hans Peter Schäfer, Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung. „Die Bilder verlieren erst an Wert, wenn sie restituiert sind“, meint er. Denn dann fallen sie aus dem Stiftungsvermögen heraus.

    In der Praxis dürfte jedoch das Gegenteil der Fall sein – Bilder aus umstrittener Herkunft haben in der Regel einen deutlich verringerten Marktwert. Kommt es bei den Verhandlungen zu einer gütlichen Einigung, gibt es für alle einen moralischen Gewinn und das Werk wird wieder frei für den Markt. Und warum sollte Schweinfurt nicht dem Beispiel der Kunsthalle Emden oder des Städels in Frankfurt folgen? Beides sind Privatstiftungen, in beiden Häusern engagiert sich die öffentliche Hand. Beide restituieren.

    Angenommen, die Stiftung lehnte eine Restituierung weiterhin ab, könnte dann die öffentliche Hand Zuwendungen kappen oder anderweitig Druck ausüben? Das bayerische Kulturministerium winkt ab. „Wir bitten um Verständnis, dass wir auf inhaltliche Entscheidungen der Stiftung eines nichtstaatlichen Museums keinen Einfluss nehmen können“, heißt es auf Nachfrage des Handelsblatts.

    Dasselbe gilt für die bei der Regierung von Unterfranken liegende Stiftungsaufsicht. Und die Stadt Schweinfurt, die sehr vom gesellschaftlichen Engagement der Schäfer-Familie profitiert, zieht sich auf bürokratische Klauseln zurück: „Ein von der Rechtspraxis abweichender moralischer Anspruch kann nur im unmittelbaren Aufgabengebiet der Stadt Schweinfurt umgesetzt werden.“ Und dazu zähle das Museum Georg Schäfer aufgrund seiner Trägerschaft nur bedingt, so die Pressestelle.

    Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
    Mehr zu: Raubkunst - Das Museum Georg Schäfer steht unter Druck
    0 Kommentare zu "Raubkunst: Das Museum Georg Schäfer steht unter Druck"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%