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Zeitgenössische Kunst Künstler entdecken Holz als Medium wieder

Angesehene Künstler schneiden kraftvoll kämpferische Bilder in Holzpaneele. Thomas Kilpper etwa würdigt die Opfer aus der Hanauer Shisha-Bar.
27.02.2020 - 18:36 Uhr Kommentieren
Nach dem neufachen Mord von Hanau hat Thomas Kilpper „Hanau 19.2.2020“ in Holz geschnitzt. Quelle: Galerie Nagel Draxler, VG Bild-Kunst
Anklage gegen Rassismus

Nach dem neufachen Mord von Hanau hat Thomas Kilpper „Hanau 19.2.2020“ in Holz geschnitzt.

(Foto: Galerie Nagel Draxler, VG Bild-Kunst)

Hamburg, Düsseldorf Zeitgeschehen in der Kunst: Thomas Kilpper widmet den neun Opfern des Mörders von Hanau sein jüngstes Kunstwerk. Der Wahlberliner schnitt ihre Porträts kurz nach dem furchtbaren Anschlag von vergangener Woche in zwei Birkenholzplatten. Mit Kreuzschraffur sorgt er im Holzschnitt dafür, dass die Gesichter der Hingerichteten den Betrachter dreidimensional, lebensvoll und sympathisch anblicken.

Kilpper schnitzte die Namen der jungen Toten in den Rahmen und stellte ein Zitat in die Mitte: „Als wäre da eine Mutter aller Probleme“. Der Künstler zieht eine Linie zu Horst Seehofers Behauptung von 2018 nach den nationalistischen Ausschreitungen in Chemnitz: „Migration ist die Mutter aller Probleme.“

Eine hochpolitische Botschaft auf einem uralten Medium – bewusst gewählt von Kilpper. Der Holzschnitt ist eine Technik, die seit dem frühen Buchdruck Texte und Illustrationen überliefert. Seit den Bauernkriegen im 16. Jahrhundert dient er aber auch als Technik für Manifeste und Flugschriften.

Wer meint, der Holzschnitt habe als grafische Technik im Zeitalter von „Photoshop“ und digitalen Bildcollagen ausgedient, mag überrascht sein. Gerade weil in der Bilderflut aus dem Internet das Schnelle, Flüchtige vorherrscht, setzt eine Reihe von anerkannten Künstlerinnen und Künstlern auf die althergebrachte Drucktechnik. Wir stellen fünf wichtige Positionen vor.

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    Selten gelangt Kunst mit tagesaktuellem Hintergrund derart schnell in eine Galerieausstellung wie „Hanau 19.2. 2020“ von Thomas Kilpper. Vom heutigen Freitag bis 10. April stellt die Galerie Nagel Draxler das zweiteilige Bild zusammen mit den „Köln Fragmenten“ in ihren Kölner Räumen aus.

    Wie immer verwendet der 63-jährige Kilpper nicht Pinsel und Farbe, sondern Holz und Schnitzwerkzeug. Und collagiert Protagonisten aus Rechts- und Unrechtssystemen zu eindringlichen Bildern mit Botschaft. Drucke auf Stoff oder Papier sind für Preise zwischen 3000 und 9000 Euro zu haben. Die Holzpaneele sind zu raumfüllenden Installationen arrangiert. Sie kosten bis zu 45.000 Euro.

    Dem Handelsblatt gegenüber zeigt sich Kilpper entsetzt über die Situation in Deutschland: „Im Jahr 1964 wurde noch der einmillionste Arbeiter aus dem Ausland freundlich mit einem Empfangsgeschenk begrüßt.“ Die Lage habe sich dramatisch verändert.

    „Seit Jahren schon zieht sich eine Blutspur durch dieses Land, mit viel zu zahlreichen Morden gegen hier eingewanderte Menschen – Solingen, Mölln, die Morde des NSU und nun das Massaker in Hanau. Es ist Wahnsinn.“ Seiner Meinung nach tun Bundesregierung und Politik viel zu wenig dagegen.

    In der Werkfolge „Köln Fragmente“ spürt der Zeichner und Holzschneider der Frage nach, wie das Rheinland von den 1960er-Jahren bis heute das vermeintlich Fremde anblickt und ausbeutet. Von der feierlichen Begrüßung des millionsten „Gastarbeiters“ Armando Rodrigues de Sá am 10. September 1964 durch die deutschen Arbeiterverbände über streikende Ford-Arbeiterinnen bis hin zu türkenfeindlichen Schlagzeilen und rassistischen NSU-Anschlägen.

    „Ihren wirtschaftlichen Erfolg hatte die Soziale Marktwirtschaft der BRD auch maßgeblich den Einwanderern zu verdanken“, konstatieren die Galeristen Saskia Draxler und Christian Nagel. „Seine gesellschaftliche Verrohung verdankt das wiedervereinte Deutschland dem Neoliberalismus, der aus der Sozialen Marktwirtschaft eine sozialdarwinistische Konkurrenzwirtschaft gemacht hat.“

    Gert und Uwe Tobias „Ohne Titel“: Für Liebhaber surrealer Welten.
    Hang zur Groteske

    Gert und Uwe Tobias „Ohne Titel“: Für Liebhaber surrealer Welten.

    Ganz anders als Kilpper setzten die aus Rumänien stammenden, in Köln lebenden Zwillingsbrüder Gert und Uwe Tobias den Holzschnitt ein. Ihre großformatigen Holzschnitte drucken sie auf Leinwand. Diese Bilder sind von surrealen, durch Volkskunst und Sagenwelten inspirierten Figuren bevölkert.

    Die 46-jährigen Brüder haben keine Angst vor starken Farben. In einer sehr erfolgreichen Collagentechnik kombinieren sie die oft dämonenartigen Figuren mit geometrischen Formen und Ornamenten in surrealen Bildern.

    Die Holzschnitttechnik unterstreicht das Zeichnerische und ermöglicht eine vielfältige Farbigkeit, mal leuchtend, mal gesättigt. Was die einen als „zeitgenössischen Manierismus“ kritisieren, schätzen die anderen als Hang zum Grotesken, Verspielten und Fantastischen. Die Galerie Contemporary Fine Arts in Berlin, die Gert und Uwe Tobias seit vielen Jahren betreut, bietet aktuelle Arbeiten der beiden je nach Größe für 36.000 bis 48.000 Euro an. Die Auflage besteht meist nur aus zwei Abzügen und einem Künstlerexemplar.

    Weniger filigran und dafür viel materialhafter erscheinen die auf Holz basierenden Arbeiten des Malers Gustav Kluge. Der 72-jährige Hamburger spricht auch nicht von „Holzschnitten“, sondern von „Holzdrucken“.

    Grundlage sind große Platten und Bohlen von Schuttplätzen oder Baustellen. Auf den von Gebrauchsspuren geprägten Untergrund reagierend schneidet er Szenen, Figurenkonstellationen und Porträtbilder. Mal existenzielle Motive, mal Verweise auf die Verfolgung und die politischen Gräuel in der NS-Zeit, wie in der Reihe „Displaced Persons“.

    Drucke erinnern an Haut

    Kluge wählt als Trägermaterial nicht kostbares Papier, sondern raue, „billige“ Materialien, etwa Pergamin, eine Art Transparentpapier, oder gar Plastiktüten. Naturgemäß entstehen so Unikate, die des Menschen Verletzlichkeit zusätzlich durch ihre Form unterstreichen. Bisweilen erinnern die Drucke an die geschundene Haut von Menschen.

    Holzdrucke und auch die körperhaften Druckstöcke von Kluge zeigte die Galerie St. Gertrude erst kürzlich auf der Kunstmesse „Art Karlsruhe“. Unikatdrucke bietet sie am Hamburger Stammsitz in der Preisspanne zwischen 5 000 und 11 000 Euro an, Druckstöcke für 14.000 bis 18.000 Euro.

    Auch die vierte Position versteht zu verblüffen. Wolken, Wellen oder Wald stellt Christiane Baumgartner dar. Aus der Entfernung meint die Betrachterin, Fotos zu erkennen. Doch die Leipziger Künstlerin arbeitet fast ausschließlich mit Holzplatten, in die sie in waagrechten Linien – Bildzeile für Bildzeile – mit unterschiedlicher Dicke ihre Motive eingraviert. So wird die Zeit zum zentralen Motiv ihrer Kunst. Baumgartners Herangehensweise hat etwas von einem langwierigen Exerzitium.

    In den neuesten Arbeiten dürfte der Aufwand gewachsen sein. Cristea Roberts, Baumgartners Londoner Galerie, stellt den fünfteiligen Zyklus „Stairway to Heaven“ von 2019 vor, eine Auftragsarbeit für die „Quebec City Biennial“ in Kanada. Fünf Schwarz-Weiß-Holzschnitte zeigen präzise Variationen von einem Wasserfall und aufgeschäumtem Wasser. Eine Feier der Langsamkeit und Konzentration! Oft in Sechserauflagen gedruckt, können Sammler sie zu Preisen zwischen 1000 und 50.000 Euro erwerben.

    Einzigartige Farbvarianten

    Den Holzdruck an seine Grenzen treiben – das gelingt auch dem Chemnitzer Benjamin Badock, dem fünften Beispiel für die Neubelebung eines uralten Mediums. Er entwickelt ein eigenes, festes Formenrepertoire, das er scheinbar unendlich in Drucken variiert. Dabei entstehen dennoch immer nur Unikate, denn die Farben werden per Handabrieb aufgetragen. Das wirkt sehr malerisch, doch Ausgangspunkt bleibt immer der Druckstock.

    2008 begann Badock seine Serie „Plattenbauten“, die fast wie eine Porträtreihe wirkt. Das Verblüffende ist: Diese Architektur steht im Osten wie im Westen, in Hamburg wurde der Cityhof fatalerweise gerade abgerissen. So gleichförmig die serielle Form, so vielfältig ist ihre Farbigkeit.

    Sie reicht vom grellen Pink bis zum fahlen Zitronengelb. In neueren Arbeiten setzt der 46-jährige Badock gefundene Materialien ein. Mit Stoffresten oder Papierschnipseln trägt er weitere Druckschichten auf die bereits vorhandenen Holzdrucke auf. Auch so entstehen immer wieder Unikate.

    Die Galerie Parrotta in Köln bietet Drucke von Benjamin Badock zu Preisen ab 900 Euro an. Damit bestätigt sie den Eindruck, dass Holzschnitte und Holzdrucke auch ausgezeichnete Arbeiten sind für Sammler mit begrenztem Budget oder für Neueinsteiger.

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