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Buchtipp: „Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen“ War Ludwig Erhard Profiteur des NS-Regimes?

Ludwig Erhard hat sich selbst stets als Opfer des Nationalsozialismus gesehen. Stimmt nicht, behauptet ein neues Buch. Was ist dran an dem Vorwurf?
15.12.2019 - 09:08 Uhr Kommentieren
Opportunist oder Nazi-Opfer? Quelle: dpa
Ludwig Erhard

Opportunist oder Nazi-Opfer?

(Foto: dpa)

Hamburg Ludwig Erhard, das ist im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zunächst der Mann mit der Zigarre, der als Vater von Sozialer Marktwirtschaft und Wirtschaftswunder gilt. Zum Mythos Erhard gehört aber auch seine angebliche Rolle im Nationalsozialismus: ein Mann, der lieber seine Wissenschaftskarriere aufgab, als einer NS-Organisation beizutreten. Der im engen Austausch mit dem 1945 hingerichteten Widerstandskämpfer Carl Goerdeler stand und sich schon vor Kriegsende traute, die Niederlage des Deutschen Reichs unausweichlich zu nennen.

Erhards Rolle im Nationalsozialismus ist durchaus wichtig für das spätere Positivimage der Sozialen Marktwirtschaft. Dank Erhards unbelasteter Vita vor 1945 konnte er das Ideengebäude nach Kriegsende umso glaubwürdiger als freiheitliche Gegenthese zur staatlich gelenkten Zwangswirtschaft präsentieren.

Diesem Bild widerspricht die „taz“-Redakteurin Ulrike Herrmann in ihrem Buch „Deutschland: Ein Wirtschaftsmärchen“ und holt zur Gegenerzählung aus. Der Aufschwung der 50er- und 60er-Jahre sei kein Wunder und auch kein Verdienst Erhards gewesen, sondern vor allem weltwirtschaftlichen Entwicklungen geschuldet. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Brisant werden Herrmanns Ausführungen aber, wenn es um Erhards Rolle im Nationalsozialismus geht.

Die Autorin wirft dem langjährigen Wirtschaftsminister und Kurzzeit-Kanzler vor, wesentliche Teile seiner NS-Opferbiografie nachträglich erfunden zu haben. Erhard habe „aktiv und systematisch gelogen“, urteilt Herrmann. Schlimmer noch: Als Gutachter für die Wirtschaft in den besetzten Gebieten habe er während des Krieges prächtig an Regierungsaufträgen verdient. Erhard sei deshalb „Profiteur des NS-Regimes“ und, so Hermann, er „dachte in völkischen Kategorien“.

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    Die Ludwig-Erhard-Stiftung in Bonn ist damit betraut, die Ideen des ersten Wirtschaftsministers der Bundesrepublik lebendig zu halten. Vom Handelsblatt mit Herrmanns Vorwürfen konfrontiert, reagiert Stiftungschef Roland Tichy empört: „Die Diffamierung Ludwig Erhards durch die gekünstelte wie verlogene Verbindungslinie zum Naziregime dient offenkundig dem Angriff auf die Soziale Marktwirtschaft.“

    Ulrike Herrmann: Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen.
    Westend-Verlag
    320 Seiten
    24 Euro

    Dass Herrmann weder Erhard noch das ihm zugeschriebene Wirtschaftskonzept besonders schätzt, wird in der Tat beim Lesen schnell deutlich. Trotzdem bleibt die Frage: Was ist dran am Nazivorwurf?

    Herrmann trägt die verstreuten Quellen über Erhards Vergangenheit zu einem Gesamtbild zusammen. An vielen Stellen bezieht sie sich auf eine 1998 erschienene, nur noch antiquarisch erhältliche Erhard-Biografie des Historikers Volker Hentschel. Eine weitere Quelle ist ein Aufsatz des Nürnberger Universitätsarchivars Clemens Wachter über Erhard als Gutachter und Dozent.

    Was unstrittig ist: Erhard wurde niemals bei einer NS-Organisation als Mitglied geführt. Ungewöhnlich für einen Mann in seiner Position, der sich vom kriegsversehrten Einzelhandelskaufmann ohne Abitur zum stellvertretenden Leiter des Nürnberger „Instituts für Wirtschaftsbeobachtung der deutschen Fertigware“ hochgearbeitet hatte.

    Teilweise für das Institut, teilweise als freier Berater verfasste Erhard nach Kriegsausbruch im Regierungsauftrag Gutachten über die Wirtschaft in den besetzten Gebieten Lothringen und Polen. In Erhards Gutachten über die Zukunft Polens finden sich Formulierungen, die aus heutiger Sicht rassistisch klingen.

    So habe das polnische Volk „weder die Gestaltungskraft, noch den Gestaltungswillen, die es zu wahrhaft kultureller Leistung befähigt“, schrieb Erhard. Andererseits plädiert er für eine ähnliche Bezahlung von deutschen und polnischen Arbeitern, weil sich sonst „die sozialen und politischen Spannungen“ erhöhen könnten.

    „Völlige Verkennung volkspolitischer Belange.“ Quelle: Daniel Koerfer
    Protest gegen Erhard-Gutachten

    „Völlige Verkennung volkspolitischer Belange.“

    (Foto: Daniel Koerfer)

    Den NS-Statthaltern im besetzten Polen gefällt Erhards Pragmatismus gar nicht, schriftlich attestieren sie ihm die „völlige Verkennung der volkspolitischen Belange“ (siehe Ausriss). Was verklausuliert heißt: Die einheimische Bevölkerung hat in den Überlegungen zur künftigen polnischen Wirtschaftsordnung keine Rolle zu spielen, weil sie entweder deportiert oder ermordet werden soll.

    Mit der Enttäuschung seiner Auftraggeber konfrontiert, stimmt Erhard umgehend zu, ein neues Gutachten zu verfassen. So vermerkt es ein Besprechungsprotokoll aus dem Jahr 1942. Zu der Neuauflage kam es jedoch nie. Erhard schied noch im selben Jahr aus dem Nürnberger Wirtschaftsinstitut aus.

    Den Jobverlust erklärte Erhard nach dem Krieg mit seiner Distanz zum NS-Regime: „Schließlich aber entdeckte die Stiftungsverwaltung des Instituts und die ihm untergebene Bürokratie doch, dass ich nicht einmal Mitglied der Deutschen Arbeitsfront war. Die dreimal mit immer kürzerer Terminsetzung an mich gelangte Aufforderung, endlich den Vollzug zu melden, beantwortete ich schließlich mit einem Schreiben, dass ich mit sofortiger Wirkung meinen Dienst quittiere.“

    Hier erzählt die von Clemens Wachter ausgewertete Aktenlage eine andere Geschichte. Demnach fühlte sich Erhard bei der Neubesetzung der Institutsleitung übergangen. Erhards Verhältnis zum Arbeitgeber war daraufhin so zerrüttet, dass man sich auf einen Aufhebungsvertrag einigte. Gegen die These vom gänzlich Verfemten spricht auch, dass Erhard noch 1943 für seine Gutachtertätigkeit in Lothringen mit dem Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse ausgezeichnet wird.

    „Erhard hat behauptet, er sei ein Opfer von Diskriminierung durch die Nazis gewesen, und deshalb sei ihm der Chefposten beim Institut für Wirtschaftsbeobachtung verwehrt worden. Das war aber nicht der Fall“, sagt auch der US-amerikanische Historiker und Erhard-Biograf Alfred Mierzejewski gegenüber dem Handelsblatt. Ausschlaggebend für Erhards Karriereknick sei vielmehr gewesen, dass Erhard sich in den Augen der Institutsleitung zu viel um bezahlte Beratungsjobs und zu wenig um die Forschung gekümmert habe.

    Erhard verbrachte denn auch den Rest des Krieges als freier Wirtschaftsberater. In diese Zeit fällt ein Gutachten über „Kriegsfinanzierung und Schuldenkonsolidierung“ für die Reichsgruppe Industrie. Darin fordert Erhard nach Kriegsende einen Schuldenschnitt fürs Deutsche Reich.

    Dass der Krieg verloren gehen würde, steht nicht explizit im Gutachten. Wohl aber in einer nicht erhaltenen Kurzfassung, die Erhard 1944 unter anderem dem Politologen Theodor Eschenburg in die Hand drückte. Der empfand den Inhalt als so brisant, dass er den Text umgehend an Erhard zurückgab. Am Endsieg zu zweifeln konnte mit dem Tod bestraft werden.

    Erhards Beziehung zum Widerstandskämpfer Goerdeler

    Erhard schickte das Gutachten auch an Carl Goerdeler. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler wurde Goerdeler 1944 zum meistgesuchten Mann des Reichs. In den wenigen Tagen, die ihm vor seiner Verhaftung blieben, schrieb Goerdeler ein geheimes politisches Testament, in dem er Erhard und sein Konzept ausdrücklich empfahl.

    Erhard erinnert sich später, mit Goerdeler bereits seit den 30er-Jahren in einem intensiven Briefwechsel gestanden zu haben. Hinzu seien mehrere Treffen in Berlin und Nürnberg gekommen. Goerdelers Schreiben über politische und wirtschaftliche Fragen will Erhard nach dem gescheiterten Attentat verbrannt haben, und er nimmt an, dass Goerdeler ebenso mit seinen Briefen verfuhr.

    Dadurch fehlt, bis auf die Erwähnung im politischen Testament und eine nachgewiesene dienstliche Begegnung in Nürnberg, jeder Beleg für Erhards enge Verbindung zu Goerdeler. Autorin Herrmann schließt daraus, dass sich Erhard diese Beziehung herbeifantasiert habe.

    Mierzejewski hingegen zweifelt auch nach der Lektüre von Hermanns Buch nicht an den Kontakten zu Goerdeler. Das Urteil des US-Historikers über Erhards Gutachtertätigkeit fällt differenziert aus: Zwar habe Erhard die polnische Bevölkerung als „rassisch minderwertig“ dargestellt. Doch damit habe er lediglich ein Vorurteil gepflegt, „das in Deutschland weit verbreitet war und sich bis heute hält“. Insgesamt glaubt der Biograf nicht, dass Erhard ein Rassist oder Antisemit gewesen sei.

    Tatsächlich war Erhards Rolle im Nationalsozialismus also zwiespältig, wie die so vieler Deutscher. Seine angebliche Rolle als NS-Opfer hat er sich offenbar zusammenfantasiert. Und Erhards Beraterjobs kann man im Rückblick als pragmatisch bezeichnen oder weniger wohlwollend als opportunistisch. Sympathien für die NS-Ideologie, ein „Denken in völkischen Kategorien“ gar lassen sich daraus aber nicht ableiten.

    Mehr: Viele Jahre lang stilisierte Roland Berger seinen Vater zum Nazi-Opfer. In Wahrheit jedoch hat er von Arisierungen profitiert – und die NSDAP gefördert.

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