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RezensionBerlin, 24. Juni 1922: Ein Attentat läutet das Ende der Weimarer Republik ein

Thomas Hüetlin hat den Mord an Walther Rathenau als historische Reportage aufbereitet. Für den Autor markiert er den Beginn des rechten Terrors in Deutschland.Peter Brors 24.07.2022 - 07:31 Uhr Artikel anhören

Der Anschlag auf Rathenau markiert für Autor Thomas Hüetlin den Beginn des rechten Terrors in Deutschland.

Foto: imago images/United Archives International

Düsseldorf. Wenn ein Buch als Titel ein bloßes Datum trägt, dann fiebert der Leser im besten Fall von der ersten Seite an jener Textstelle entgegen, die sich diesem Kalendereintrag schließlich auch widmet. Bei Thomas Hüetlins historischer Reportage über die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg dauert es bis Seite 265: „Rathenau saß auf der Rückbank des dunkelroten NAG Cabriolets. Kein Verkehr heute auf der Koenigsallee. Er würde pünktlich im Amt sein. (…) Es war ihm unangenehm, wenn Menschen auf ihn warteten. Er hasste Unpünktlichkeit, auch bei sich selbst.“

So erinnert der mehrfach ausgezeichnete, ehemalige Spiegel-Journalist an jene Momente im Sommer 1922, kurz bevor der deutsche Außenminister Walther Rathenau im Berliner Grunewald sein Leben bei einem Attentat verliert.

„Als der Mercedes neben ihnen war, auf gleicher Höhe, stand einer hinten auf, mit einer Maschinenpistole. Der feuerte sofort. Neun Schüsse. (…) Rathenau hatte keine Chance. Bereits die erste Kugel verletzte Lunge und Rücken tödlich, dazu trafen ihn sieben weitere Kugeln. Ein letzter Schuss zerschlug seinen Unterkiefer.“ Rathenau wurde wenig später in einem Krankenhaus für tot erklärt. Für den Autor markiert der Anschlag den Beginn des rechten Terrors in Deutschland.

In einer Buchbesprechung wie dieser die vermeintlich entscheidende Passage des Werks ausführlich zu zitieren (neudeutsch: Spoiler), mag die Spannung für künftige Leser reduzieren. Doch weil das Buch so unglaublich viel mehr zu bieten hat als die detaillierte Beschreibung dessen, was am Morgen des 24. Juni 1922, also vor fast genau 100 Jahren, im äußersten Westen Berlins geschah, dürfte das die überaus lehrreiche Lektüre nicht schmälern.

Da sind die teils als anarchisch beschriebenen Umstände auf den Straßen der damals noch sehr jungen ersten Republik, die geprägt waren von Hass, Gewalt und Terror. Die sich aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg und den vielfach als demütigend empfundenen Bedingungen des Versailler Vertrags speisten und die sich in Verbrechensexzessen und Mordgelüsten manifestierten.

Thomas Hüetlin: Berlin, 24. Juni 1922. Der Rathenaumord und der Beginn des rechten Terrors in Deutschland. Kiepenheuer & Witsch Köln 2022 303 Seiten 24 Euro Foto: Handelsblatt

Einer der Akteure: die im Untergrund operierende Organisation „Consul“ . Ein Zusammenschluss rechtsradikaler Weimarhasser, die das Attentat auf den in der Bevölkerung weithin geachteten und international anerkannten Außenminister über Jahre zunächst ideologisch durchspielten. Und schließlich konkret planten und brutal ausführten. Ein Verbrechen, das von Historikern später als Anfang vom Ende der Weimarer Republik politisch eingeordnet wurde.

Und da sind – natürlich – die Persönlichkeit und das Leben Rathenaus, eines intellektuell herausragenden, aber keineswegs widerspruchsfreien Politikers, der aus einer erfolgreichen Unternehmerfamilie (sein Vater hatte die AEG-Werke gegründet) stammte. Der als preußischer Jude die Erfüllung jeglicher Pflichten zur Tugend erhob. Der als glühender Nationalist den Versailler Vertrag als Diktat empfand und ablehnte. Der trotzdem aber nicht den Konflikt mit den Siegermächten suchte, sondern die Verständigung – und so zum politischen Feind rechtsradikaler Kreise erklärt wurde, die ihn schließlich kaltblütig hinrichteten.

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Das alles und noch viel mehr – eine der vielleicht besten literarischen Schilderungen der gesellschaftlich-politischen Zustände Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg – hat dieses Buch. Und deshalb hätte es einer Bezugnahme auf heutige rechte Verbrechen gar nicht bedurft, um das Werk als höchst lesenswert einzustufen.

Als nämlich gegen Ende des Textes plötzlich vom Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke die Rede ist, von der Gründung erster Wehrsportgruppen in der Bundesrepublik und später der AfD als auch an Thilo Sarrazins krude Schriften erinnert wird, da wirkt es ein wenig so, als habe der Verlag den Autor gebeten, möglichst auch noch einen Zusammenhang zur Gegenwart zu konstruieren. Das gelingt durchaus, verwässert aber auch den Rückblick auf die zuvor so hochspannend geschilderte historische Reportage.

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