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Streit um Enthüllungsbuch Warum Apple ein Buch eines ehemaligen Managers verbieten möchte

Lange Jahre hat Tom Sadowski gerne für Apple gearbeitet. Jetzt möchte sein alter Arbeitgeber am liebsten alle Manuskripte seines Buchs vernichten lassen.
19.02.2020 - 15:17 Uhr Kommentieren
Apple: Das Buch „App Store Confidential“ will der Konzern verbieten lassen Quelle: Murmann Verlag
Ehemaliger Apple-Manager Sadowski

Sein Buch „App Store Confidential“ ist diese Woche erschienen. Apple möchte das Werk am liebsten vom Markt nehmen.

(Foto: Murmann Verlag)

Düsseldorf Das mit der Werbung für sein Buch dürfte sich Tom Sadowski anders vorgestellt haben. Vergangene Woche tourt der ehemalige Apple-Manager durch Deutschlands Redaktionen, um sein neues Buch „App Store Confidential“ vorzustellen. Auch beim Handelsblatt ist der Autor vorstellig geworden, um seinen Insiderbericht zu präsentieren. So weit, so normal im Buchgeschäft.

Am Wochenende schickt Sadowski dann jedoch eine Mail, die sehr ungewöhnlich ist. Sie besteht aus nur drei Sätzen: „Ich wollte Ihnen noch ein kurzes Update geben: Apple versucht gerade, das Buch per Unterlassungserklärung zu untersagen. Dieser haben der Verlag und ich als Autor widersprochen. Viele Grüße, Tom.“ Kurze Zeit später wird klar: Das Ganze ist ernst. Der Fall könnte sogar vor Gericht landen.

Ein Unternehmen will das Buch eines ehemaligen Angestellten kassieren lassen, weil... ja, warum denn eigentlich? Das fragen sich Sadowski und der Hamburger Murmann Verlag, der das Buch wider Apples Willen am Dienstag veröffentlicht hat, auch.

Aus der Abmahnung geht nach Handelsblatt-Informationen hervor, dass Apple in der Veröffentlichung Geschäftsgeheimnisse verraten sieht. Um welche Passagen es sich genau handelt, präzisiert Apple jedoch nicht. Allein der Buchtitel zeige aber Sadowskis Absicht, vertrauliche Informationen öffentlich zu machen, heißt es in dem fünfseitigen Abmahnschreiben.

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    Konkret verlangt Apple nach Handelsblatt-Informationen:

    • Die „Bewerbung, Veröffentlichung und den Vertrieb des Buches“ zu unterlassen und „bereits ausgelieferte Exemplare des Buches zurückzurufen“. Apples Ziel sei es „die Veröffentlichung des Buches zu unterbinden“.
    • Das Buch „nicht zu veröffentlichen, sämtliche darauf bezogene Ankündigungen zurückzunehmen, die Auslieferung des Buchs zu stoppen, etwaige bereits ausgelieferte Buchexemplare zurückrufen und sämtliche Buchexemplare sowie sämtliche Kopien des Buchmanuskripts zu vernichten“.

    Das ist eine Menge Holz: Eine beim Gericht eingereichte Unterlassungsklage ist das trotzdem noch nicht. So hat der US-Konzern bislang zwei Abmahnungen ausgesprochen – eine gegen den Verlag und eine gegen Sadowski selbst. „Wir sind darauf vorbereitet, wenn Apple sich ans Gericht wendet“, sagt der Hamburger Medienrechtler Ralph Graef von der Sozietät Graef Rechtsanwälte, der Verlag und Autor vertritt.

    Apple durfte das Manuskript vorab lesen – und mahnte ab

    Auch der Verlag wehrt sich heftig. Murmann hatte Apple vorab Einsicht in das Manuskript gewährt. Schon das ist ein ungewöhnlicher Vorgang. Dass der Konzern nun gegen das Buch vorgehen wolle, könne man nicht zulassen, sagt Programmchef Peter Felixberger. Inhalt und Zuschnitt des Buchs seien aus Verlagssicht „publizistisch einwandfrei“.

    Apple erklärt auf Handelsblatt-Anfrage, man bedauere „die Art und Weise, in der dieser langjährige Mitarbeiter von Apple unser Arbeitsverhältnis verletzt hat“. Sadowskis Handeln habe dem Konzern jedoch keine andere Möglichkeit gelassen, als sein Anstellungsverhältnis zu beenden. „Alle Mitarbeiter sollten die berechtigte Erwartung haben, dass die Beschäftigungsrichtlinien gleich und fair angewandt werden, und alle Unternehmen sollten die berechtigte Erwartung haben, dass ihre Geschäftspraktiken vertraulich behandelt werden.“

    Tom Sadowski: App Store Confidential. Ein persönlicher Blick hinter die Kulissen von Apples wichtigstem Business.
    Murmann
    200 Seiten
    18 Euro

    Sadowski, 46, hohe Stirn, Sonnyboy-Lächeln, war gut zehn Jahre lang bei Apple in München beschäftigt, zuletzt als App-Store-Deutschland-Chef. Der Ex-Manager schildert seine Geschichte so, dass er im November 2019 freiwillig aus dem Unternehmen ausgeschieden sei.

    Ein Schlüsselmoment für seinen Karrierewechsel sei sein Jubiläum zur zehnjährigen Betriebszugehörigkeit bei Apple gewesen, so erzählt es der Manager. Damals habe er einen schweren Kubus mit einer großen Zehn darauf bekommen.

    Die Auszeichnung löste bei Sadowski eher Grübeln als Glücksgefühle aus. Er fragte sich: „Will ich in zehn Jahren einen Kubus mit einer Zwanzig drauf haben oder doch noch einmal etwas anderes machen?“ Sadowski entschied sich für einen Plan B.

    Nach seinem Aufhebungsvertrag im November sei Sadowski mit sofortiger Wirkung freigestellt worden: „Das ist üblich, wenn Sie das Unternehmen verlassen“, erzählt der Manager. Offiziell wäre der 46-Jährige noch bis Ende März bei Apple angestellt geblieben. Vor Kurzem flatterte jedoch die fristlose Kündigung bei Sadowski ein.

    Er habe nie die Absicht gehabt, dem Unternehmen zu schaden oder Geheimnisse zu verraten, sagt Sadowski. „Ganz im Gegenteil: Ich bin dankbar für eine tolle Zeit.“ Dass es jetzt so dargestellt werde, als ob Apple ihn wegen des Buchs rausgeschmissen habe, irritiere ihn.

    Darum geht es in „App Store Confidential“

    Kern von Sadowskis Buch sind Tipps und Trends rund um den „App Store“. 46 Milliarden Dollar Umsatz erzielte Apple zuletzt mit den kleinen Handyprogrammen im Jahr 2018. Sie stammen meist von externen Unternehmen, von denen Apple Provisionen für Umsätze im App Store kassiert – das zweitwichtigste Geschäftsfeld nach dem iPhone.

    Im Buch listet Sadowski „Dos and Don’ts“ für App-Entwickler auf. Erklärt, dass Apps im Fitnessbereich unbedingt mit der Apple Watch kompatibel sein müssen, wenn sie prominent im App Store Erwähnung finden wollen. Und dass Videopräsentationen und ein paar Übertreibungen in der Kommunikation mit Apple durchaus erwünscht sind. „Wenn euer Businessplan ein Best-Case-, Realistic-Case- und Worst-Case-Szenario beinhaltet“, schreibt Sadowski, „go for the best case!“

    Am spannendsten aber – auch für Nicht-Nerds – sind die vielen Anekdoten, die der Manager zwischendrin von Entwicklern, Start-ups und Businesspartnern einstreut:

    • So sollte Sadowski noch als Marketingchef von Apple iTunes eine Kooperation mit „Bild“ eintüten. Für den Deal hatte die Zeitung angeblich ihre Connections zu Promis wie Thomas Gottschalk, Heidi Klum oder Boris Becker spielen lassen, die ihre Lieblingssongs für einen guten Zweck auf der Plattform präsentieren sollten. Kurz vor dem geplanten Startschuss blies Apple die Aktion von Cupertino aus ab, „weil es in der ‚Bild‘ hier und da etwas nackte Haut zu sehen gibt“, wie Sadowski schreibt.
    • Weitgehend unbekannt dürfte auch sein, dass Apple kurzzeitig in Betracht zog, den Berliner Sachbuch-Zusammenfasser Blinkist zu kaufen. „Das Feedback aus Cupertino war sehr positiv, aber am Ende kam es zu keinem Deal“, schreibt Sadowski, der im April 2018 einen Videocall dazu mit den Blinkist-Geschäftsführern geführt haben soll. „Für Apple waren sie zu dem Zeitpunkt bereits zu groß“, heißt es in „App Store Confidential“. Apple wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern.
    • Dass Apple und Blinkist miteinander enge Geschäftsbeziehungen pflegen, ist bekannt. 2019 besuchte Apple-Chef Tim Cook das Berliner Unternehmen. Über den Besuch twitterte der Apple-Chef fröhlich, wie beeindruckt er von dem „wachsenden und talentierten Team“ bei Blinkist sei.

    Wer beim Lesen von Sadowskis „App Store Confidential“ jedoch einen Enthüllungsthriller erwartet, wird enttäuscht. Das Buch kommt über weite Teile so daher, wie Sadowski selbst: Sympathisch, freundlich, fast wohlwollend.

    Gleich im ersten Kapitel stellt der ehemalige Apple-Manager pflichtbewusst klar: „Ich werde auch keine Geheimnisse verraten und irgendwelche vertraulichen Angelegenheiten enthüllen.“ Alle Fakten aus dem Buch seien öffentlich zugänglich, heißt es. Oft sind die Geschäftszahlen im Buch mit Fußnoten und Quellenangaben versehen.

    Geheimniskrämerei mit „Nordkorea-Klauseln“

    Schweigepflicht gehört bei Apple zum Geschäft wie cooles Design. Immer wieder präsentiert der US-Konzern auf seinen firmeneigenen Werbeveranstaltungen Produktneuheiten mit der Phrase „There is one more thing“ (Eine Sache noch). Was dann kommt, sind oft Marktinnovationen wie das iPhone, das iPad oder die neuesten Mac-Computer. Solche Überraschungen lassen sich freilich nur mit absoluter Schweigsamkeit erreichen.

    Weswegen Apple-Mitarbeitern umfassende Verschwiegenheitsklauseln in die Arbeitsverträge geschrieben werden. Aus Sicht von Sadowskis Anwalt dürften diese nach AGB-Recht jedoch kaum Bestand haben. „Das sind ‚Nordkorea-Klauseln‘“, meint Medienrechtler Graef.

    Fest steht schon jetzt: Sollte der Fall tatsächlich vor Gericht landen, wäre das eine kleine Sensation. Zuletzt ist ein Buch in Deutschland 2007 verboten worden. Damals hatte die Ex-Freundin von Maxim Biller gegen den Schriftsteller geklagt, weil sie ihre Persönlichkeitsrechte durch die Veröffentlichung von Billers Roman „Esra“ verletzt sah.

    Der Fall landete vorm Bundesverfassungsgericht, Biller musste sein Buch vom Markt nehmen. Kritiker werteten die Entscheidung damals als negatives Signal für zukünftige, ähnlich gelagerte Fälle und als eine Niederlage der Kunstfreiheit. Der Streit um Sadowskis Buch dürfte damit nicht einfacher werden.

    Mehr: Literatur auf dem Index: Diese Bücher wurden schon einmal verboten

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