Anlagestrategie: Wie Anleger mit Discount-Zertifikaten von Schwankungen an der Börse profitieren
Trotz der schwierigen Zeiten an den Kapitalmärkten gibt es mit Discount-Zertifikaten zwei Gründe für Aussichten auf Ertrag.
Foto: Getty imagesFrankfurt, Düsseldorf. Von Jubelstimmung ist an den Börsen längst nicht mehr die Rede: Durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie gab es den schnellsten Crash der Historie an Aktienmärkten. Seit den Kurstiefs im März haben die Indizes weltweit zwar ihre Verluste deutlich eingedämmt. Doch die Lage bleibt schwer einschätzbar, die Ausschläge der Kurse in beide Richtungen sind weiter hoch.
Von einer solchen Situation können Anleger mit speziellen Derivaten profitieren: Die Renditechancen mit sogenannten Discount-Zertifikaten, die sich zum Beispiel auf den deutschen Leitindex Dax beziehen, haben infolge des Kursrutsches massiv zugenommen.
Solche Discounter sind mit einem Marktanteil von zehn Prozent die wichtigste Produktgruppe aller Anlagezertifikate am deutschen Markt. Deren Umsatz im März betrug 856 Millionen Euro. Das Handelsblatt erklärt, was solche Strategien bieten und wo Verlustrisiken lauern.
Trotz der schwierigen Zeiten an den Kapitalmärkten gibt es mit Discount-Zertifikaten gleich zwei Gründe für Aussichten auf Ertrag: Erstens, weil das Kursniveau im Dax gegenüber dem Jahreshoch im Februar noch immer um rund ein Viertel niedriger liegt. Und zweitens, weil die Volatilität am Aktienmarkt durch den Einbruch gestiegen ist.
Der VDax New Index, der die erwartete Schwankungsintensität des deutschen Leitindexes misst, steht mit einem Wert von knapp 40 Punkten nach wie vor auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Im Crash Mitte März stieg der auch Angstindex genannte VDax sogar auf einen neuen Rekord von 93 Punkten. Zum Vergleich: In den vergangenen fünf Jahren wurde ein Wert von 40 selten erreicht.
Mithilfe spezieller Wertpapiere, den Discount-Zertifikaten, lässt sich nun die Volatilität in Rendite ummünzen. Diese Anlageklasse klingt kompliziert, ist aber im Prinzip recht einfach erklärt: Im Vergleich zu einem Direktinvestment in eine Aktie oder einen Index erhalten Anleger einen Rabatt, den Discount.
Dabei gilt die Faustregel: Je höher die Schwankungsbreite der Aktie oder des Indexes, desto höher der Rabatt. Und ein typisches Discount-Zertifikat gewährt dem Anleger zudem einen Puffer: So kann der Index, auf den sich das Wertpapier bezieht, sogar bis zu einer Schwelle fallen, ohne dass Anleger Abstriche bei der Rendite machen müssen. Diese Verlustschwelle oder Begrenzung wird Cap genannt. Im Gegenzug ist allerdings die Rendite des Papiers begrenzt im Vergleich zur Wertentwicklung des Indexes.
Puffer gegen Verluste
Die Funktionsweise dieses Zertifikats lässt sich am besten an einem konkreten Beispiel erklären: So hat ein Discount-Zertifikat auf den Dax mit einem Cap bei 8500 Punkten eine Restlaufzeit bis Ende Oktober dieses Jahres (WKN TR6DZT, siehe Tabelle).
Sofern der Dax bis zum Bewertungstag, am 18.12.2020, nicht unter 8500 Punkte sinkt, bietet dieses Papier beim aktuellen Kurs von 81,00 Euro eine Rendite von 4,9 Prozent – das entspricht einer Rendite von 7,8 Prozent pro Jahr. Als Auszahlungstag hat der Anbieter hier den 29.12.2020 festgelegt.
Verluste entstehen dem Anleger mit diesem Papier nur, wenn der Dax am Bewertungstag unter 8100 Punkten notiert – dem Indexstand des vereinbarten Caps von 8500 Punkten abzüglich des Rabatts (des Discounts), mit dem das Zertifikat ausgestattet ist.
Dieser Rabatt ist umso höher, je größer die Kursschwankungen sind. Für die Verlustgefahr gilt generell: Je tiefer der Dax bis zum Ende der Laufzeit fällt, desto höher der Verlust. Läge der Index dann etwa bei 4000 Punkten, bekäme der Anleger 40 Euro für sein Zertifikat zurück, hätte also etwas mehr als die Hälfte seines Einstands verloren.
Einen Totalverlust erlitte ein Anleger, wenn der Dax auf null fiele – was aber in der Praxis als extrem unwahrscheinlich gilt. Grundsätzlich kann ein Anleger also mit einem Zertifikat schon Verluste erleiden. Durch den Abschlag oder Discount beim Einstieg ist er aber besser davor geschützt als bei einer direkten Anlage.
Grundsätzlich bergen Zertifikate auch das Risiko eines Totalverlusts, wenn die ausgebende Bank pleitegeht. Das unterscheidet diese Wertpapiere von Investmentfonds, deren Kapital von den Anbietern treuhänderisch verwahrt wird. Während die Wertpapiere, in die ein Fonds investiert hat, bei einer Depotbank verwahrt werden und dort auch im Insolvenzfall des Fondsanbieters bleiben, landet das Zertifikatekapital im Pleitefall in der Insolvenzmasse.
Je nach Risikoneigung und Renditeerwartung können Anleger unterschiedliche Arten von Discount-Zertifikaten kaufen: Für vorsichtige Anleger eignen sich eher sogenannte Deep-Discounter, beispielsweise auf den deutschen Leitindex. Bei Deep Discountern beträgt der Abstand vom aktuellen Dax-Kurs bis zum Cap – also die Schwelle, unterhalb der die Rendite abschmilzt – in der Regel mehr als 30 Prozent. Der Index müsste folglich bis zum Ende der Laufzeit um mehr als 30 Prozent einbrechen, damit die Rendite schwindet.
Keine absolute Sicherheit
Solche Papiere könnten Anleger interessieren, die attraktivere Alternativen zu den aktuell kaum noch verzinsten Festgeld-Anlagen suchen. Ein Beispiel ist ein Deep-Discount-Zertifikat auf den Dax mit einem Cap bei 6000 Punkten und einer Restlaufzeit bis Ende Dezember (WKN PF0FKQ): Sofern der Dax bis zum Bewertungstag, dem 17.12.2021, nicht unter 6000 Punkte sinkt, bietet dieses Papier beim aktuellen Kurs von 57,40 Euro eine Rendite von etwas mehr als 4,4 Prozent – das entspricht einer Rendite von 2,7 Prozent pro Jahr.
Für den Anleger bleibt das Risiko bestehen, dass die Aktienmärkte ihren gesehenen massiven Abwärtstrend fortsetzen und der Dax erneut einbricht. So sicher wie ein Sparbuch sind Discount-Zertifikate deswegen nicht. Unter 6000 Punkte rutschte das deutsche Börsenbarometer aber zuletzt im Jahr 2011.
Wer auf höhere Rendite setzen will, muss dagegen einen höheren Cap wählen. Ein Beispiel: Ein Discount-Zertifikat von der Citigroup (WKN KB1BBT) mit einem Cap bei 9000 Punkten bietet die Chance auf 9,6 Prozent Rendite pro Jahr. Bewertet wird das Zertifikat am 18.12.2020, Zahltag ist der Tag vor Weihnachten.
Wenn der Dax sich bis dahin über dem aktuellen Niveau hält, können mit dem Zertifikat also noch ein paar Extra-Weihnachtswünsche erfüllt werden. Diese Chance auf eine ordentliche Rendite erwirbt ein Anleger allerdings nicht ohne das Risiko, keine Rendite zu kassieren oder gar mit einem Verlust zu enden.
Denn unter die Schwelle von 9000 Punkten, ab der die Rendite dieses Discounters schwindet, sank der Dax erst Mitte März 2020. Und unter die Verlustschwelle dieses Papiers (aktueller Kurs 84,98 Euro) von knapp 8 500 Punkten ist der Index ebenfalls vor zwei Monaten gerutscht.
Wer mit Discount-Zertifikaten an der aktuellen Volatilität verdienen will, muss sich darüber hinaus entscheiden, ob er auf einen Index oder einen Einzelwert setzt. Auch dabei gilt es, Risiken abzuwägen: Discount-Zertifikate auf Einzelwerte wie Aktien sind risikoreicher als Papiere auf Indizes. Risiko bedeutet in diesem Fall eine höhere Volatilität – im Gegenzug dafür aber auch deutlich attraktivere Konditionen.
Allerdings sollten „Anleger nicht nur auf die Rendite schielen“, rät Matthias Hüppe, Zertifikateexperte von der Großbank HSBC Deutschland. Vielmehr hält er es für sinnvoll, wenn Anleger versuchen, „ein Gefühl für das Risiko zu bekommen“. Dafür sollten sie dem Experten zufolge die sogenannte implizite Volatilität einer Aktie, die einem solchen Zertifikat zugrunde liegt, mit dem Rabatt eines betreffenden Discount-Papiers vergleichen.
Diskrepanz bei Dax-Werten
Wie stark sich die Renditen unterscheiden, zeigt ein Vergleich von Discountern, die sich auf zwei verschiedene Dax-Werte beziehen. So lässt sich mit solch einem Rabattpapier auf die Lufthansa mit einem Discount von knapp 29 Prozent auf den aktuellen Aktienkurs eine Rendite von über 31 Prozent erzielen. Das Papier auf den Immobilienkonzern Vonovia mit identischer Laufzeit bis Ende 2020 und ähnlichem Discount hingegen wirft nur eine Rendite von 2,1 Prozent ab.
Für diese enorme Diskrepanz gibt es eine einfache Erklärung: Für die Kranich-Airline wird infolge der Corona-Pandemie und der enormen Unsicherheit über die Perspektiven für das Geschäft der Fluglinien in den nächsten drei Monaten eine Schwankungsbreite des Aktienkurses von 67 Prozent erwartet.
Beim vergleichsweise stabilen Wohnungskonzern Vonovia rechnen Aktienexperten nur mit Schwankungen der Aktie von 23 Prozent. Das heißt: Die Spezialisten halten für die Lufthansa-Aktie entweder einen (weiteren) Absturz oder eine massive Rally für deutlich wahrscheinlicher als für den Vonovia-Titel. Denn die implizite Volatilität ist eine Kennziffer für Schwankungsintensität, zeigt aber nicht an, ob eine Aktie steigen oder fallen wird.
Dieser Vergleich zeigt: Hinter jeder hohen Volatilität steckt auch ein höheres Risiko. Anleger sollten eine Meinung zu der jeweiligen Aktie haben sowie eine Vorstellung, wie sich der Kurs entwickeln könnte.
Bei der Annahme, dass der Kurs deutlich steigt, wäre ein direktes Investment besser. In allen anderen Fällen sollten Anleger den Kauf eines Discount-Zertifikats in Erwägung ziehen. Denn durch den Rabatt ist der Einstieg preiswerter, eventuelle Verluste sind dadurch auf jeden Fall geringer.
„Vola-Play“ als Chance
Es gibt noch eine weitere Strategie für Anleger, über die sie den Einfluss der Volatilität auf die Rendite der Discounter nutzen können: Käufer, die jetzt auf Discount-Papiere setzen, profitieren auch, wenn sich der Markt einfach nur beruhigt.
„Normalisiert sich die Volatilität wieder, dann steigen die Preise für die Discount-Zertifikate, auch wenn sich der Kurs der zugrunde liegenden Aktie (des Basiswerts) nicht ändert“, erklärt Heiko Geiger, von der Schweizer Bank Vontobel. Dieser technische Mechanismus wird von den professionellen Investoren schon seit Langem genutzt: Sie nennen dies „Vola-Play“. Über Discount-Zertifikate können sich auch Privatanleger diese Gesetzmäßigkeit zunutze machen.
Doch auch dies ist nur eine Seite der Medaille: Der Mechanismus greift auch umgekehrt. Wenn der Dax weiter abstürzt, sackt der Kurs ihres Discount-Zertifikats mit ab. Allerdings können Anleger dann auf den Discount zählen: Im Vergleich zu einer direkten Anlage in eine Aktie oder in einen Index fallen die Verluste beim Discounter geringer aus.
Anleger sollten dann aber dennoch gegebenenfalls an einen Verkauf denken und ein neues Discount-Zertifikat mit einem niedrigeren Cap kaufen. Dies empfiehlt sich, um verbuchte Verluste auszugleichen und vielleicht mit einem neuen Zertifikat auf niedrigerem Niveau einen Gewinn zu erzielen.
Denn auch die Volatilität steigt bei einem Börsenabsturz fast immer, weshalb dann auch der Rabatt (Discount) bei einem neuen Papier höher ist – und die Gefahr eines Verlusts mit diesem Papier damit weiter sinkt.
Fazit: Strategien mit der Volatilität an den Aktienmärkten bieten Anlegern andere und oft stabilere Renditechancen als der direkte Kauf von Aktien oder Indexfonds oder -zertifikaten. Allerdings hängen die Chancen und Risiken solcher Wertpapiere auch hier direkt am zugrunde liegenden Aktienwert oder Index.
Anleger sollten also ein Interesse dran haben, sich mit den Aktien oder Indizes zu befassen. Und sie sollten sich die Mühe machen, sich in das Wesen der Papiere einzudenken – um zu verstehen, was sie sich in ihr Depot legen.