Investmentbanking: Weltweites Fusionsgeschäft gerät unter Druck – Grüne Deals werden wichtiger
Der Nachhaltigkeitsaspekt gewinnt auch im M&A-Geschäft an Bedeutung.
Foto: RWEFrankfurt. Ein wichtiger Bereich im Investmentbanking kämpft derzeit mit schwierigsten Marktbedingungen. Durch den Ukrainekrieg, die aufziehende Rezession und die steigenden Zinsen haben sich die Aussichten auf lukrative Fusionen und Übernahmen (M&A) deutlich eingetrübt. Bei den „Mergers & Acquisitions“ wächst aber die Zahl „grüner Deals“, bei denen sich die Konzerne unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit verstärken beziehungsweise neu aufstellen wollen.
Übernahmen und Fusionen mit einem ESG-Bezug haben in den vergangenen Jahren stetig zugenommen, weiß Jens Kengelbach, Senior Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). ESG steht für Umwelt- und Sozialkriterien sowie die Grundsätze einer guten Unternehmensführung.
Mittlerweile machen die grünen Deals laut Kengelbach 22 Prozent der gesamten M&A-Tätigkeit aus. „2021 gab es vor dem Hintergrund der Klimakrise und der Coronapandemie nochmals einen Schub für solche Transaktionen“, sagt der Experte im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Der Konzern kauft dem Regionalversorger Con Edison aus New York den Solaranlagen-Entwickler und -Betreiber Con Edison Clean Energy Business ab. Mit der Übernahme verdoppelt RWE nach eigenen Angaben fast seinen Bestand an Wind-, Solar- und Batteriespeicher-Anlagen in den USA und kommt nun auf eine installierte Leistung von 7,2 Gigawatt (GW).
Die EnBW sucht für ihren 900-MW-Windpark He Dreiht derzeit nach einem Käufer für einen Minderheitsanteil, wie mit dem Deal vertraute Personen sagten. Indikative Angebote gingen vergangenen Monat ein, die Transaktion soll bis Weihnachten unterschrieben werden.
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„Grenzüberschreitende Deals bringen den größten Mehrwert, außerdem gibt es eine Lernkurve bei Unternehmen, die reihenweise Übernahmen tätigen“, sagt Kengelbach, der bei BCG das weltweite M&A-Geschäft leitet. Wer mindestens fünf Transaktionen über die Zeit eingefädelt habe, der erhöhe ebenfalls den Mehrwert.
Die Transaktionen nehmen auch deshalb zu, weil mit dem Ukrainekrieg die Notwendigkeit zum Umbau der Geschäftsmodelle in Richtung einer stärkeren Nachhaltigkeit noch deutlicher geworden ist. Allerdings dämpft die Unsicherheit über den einsetzenden Abschwung der Konjunktur auch das M&A-Geschäft. Die Übernahmefinanzierungen sind sehr viel schwerer zu bekommen, und die Käufer und Verkäufer brauchen mehr Zeit, um sich auf die Preise zu einigen.
„Nach einer Rezession dauert es typischerweise sechs bis acht Quartale, bis wir wieder das Niveau aus 2021 erreicht haben“, sagt Kengelbach. „Man wird mehr Eigenkapital einsetzen in den Transaktionen und auch mehr Rekapitalisierungen sehen.“ M&A-Transaktionen seien in einem Abschwung beziehungsweise in einer Rezession aus Käufersicht attraktiver als in Boomzeiten. Das liege auch an den dann niedrigeren Bewertungen.
Grüne Fusionen und Übernahmen bringen Zusatzrendite
Die grünen Deals rechnen sich laut Kengelbach auch für die Anleger, es winke in der Regel eine Überrendite. „In den vergangenen 20 Jahren haben die ‚green deals‘ – gemessen an der Performance der jeweiligen Aktien zwei Jahre nach der Transaktion – rund zweieinhalb Mal so gut abgeschnitten wie die Papiere nach gewöhnlichen Transaktionen“, sagt der Manager.
Bessere Renditen werden laut der BCG-Analyse auch dann erzielt, wenn der Geschäftsbereich oder das Segment von einem Finanzinvestor erworben wird und nicht von einem strategischen Käufer. Zu den prominenten Beispielen für einen grünen Umbau der Geschäftsmodelle zählt das dänische Unternehmen Orsted, das früher sein Geld mit Kohle verdiente und heute zu den führenden Anbietern von Windkraft zählt.
Die Transformation gelang über eine ganze Reihe von Zukäufen im Bereich der erneuerbaren Energien. Seit 2018 hat Orsted regelmäßig im weltweiten Markt zugekauft, etwa einen Offshore-Windpark in Polen. Das börsennotierte Unternehmen erzielt heute rund 90 Prozent seiner Einnahmen aus grüner Energie. „In der Energie- und Automobilbranche sind die grünen Deals schon an der Tagesordnung, andere Industrien wie die Technologiebranche oder die Bereiche Medien beziehungsweise Telekommunikation haben dagegen noch Nachholbedarf“, sagt Kengelbach.
Auch „sunset assets“ können sich lohnen
Allerdings wird es nach seiner Einschätzung auch Käufer von sogenannten „sunset assets“ geben, die sich beispielsweise auf den Aufkauf von fossilen Geschäftsbereichen und Konzernteilen konzentrieren. Das könne sich in der Zeit des Übergangs zu erneuerbaren Energien durchaus lohnen. Ein Investmentbanker in Frankfurt sagt: „Es gibt Finanzinvestoren, die denken durchaus darüber nach, solche Konzernteile aufzukaufen, denn die Preise erscheinen attraktiv.“
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Für die globale Gas- und Ölbranche hat die Beratungsgesellschaft Kroll eine Gesamtzahl von 302 gemeldeten M&A-Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von 50,6 Milliarden Dollar im zweiten Quartal 2022 registriert – und damit einen Rückgang der Transaktionszahlen von 25,2 Prozent gegenüber dem extrem starken Vorquartal.
Im Jahresabstand war das aber immer noch ein Plus von 45 Prozent. Kroll erwartet, dass die Unternehmen ihre M&A-Aktivitäten in der zweiten Jahreshälfte 2022 verstärken. Grund hierfür sei der im Vergleich zu den Vorjahren hohe Ölpreis, der sich in höheren Transaktionsvolumina niederschlagen könnte. Außerdem sei mit Investments von integrierten Ölkonzernen in saubere und erneuerbare Energien zu rechnen.