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Zahlungsdienstleister „Vorstand hat jegliches Vertrauen verspielt“ – Dauerstress bei Wirecard setzt Konzernchef Braun unter Druck

Auch nach dem Vorstandsumbau üben Großaktionäre Kritik am CEO Markus Braun. Der Aufsichtsrat moniert, dass ein langfristiger Nachfolgeplan fehlt.
10.05.2020 - 17:26 Uhr 1 Kommentar
Wirecard: Dauerstress setzt Konzernchef Markus Braun unter Druck Quelle: Sebastian Arlt/laif
Wirecards Firmensitz in Aschheim bei München

Der Konzern kommt auch nach der Bilanzprüfung nicht zur Ruhe.

(Foto: Sebastian Arlt/laif)

Frankfurt So viel Demut ist man vom selbstbewussten Chef der Wirecard AG nicht gewohnt. Am vergangenen Freitag entschuldigte sich Markus Braun per Ad-hoc-Mitteilung bei „allen unseren Aktionären, Kunden, Partnern und Mitarbeitern für die Turbulenzen der vergangenen Wochen und Monate“. Am Samstag ließ er über den Kurznachrichtendienst Twitter wissen: „Es wurden die richtigen Entscheidungen über die Zukunft der Organisation gefällt.“

Mit beiden Botschaften erkennt Braun offiziell an, dass er einen erheblichen Teil seiner Macht über den Dax-Konzern aus Aschheim bei München verliert. Mit den „richtigen Entscheidungen“ reagierte der Aufsichtsrat rund um den Vorsitzenden Thomas Eichelmann auf harsche Kritik der Investoren an Brauns Führungsstil, unter dessen Ägide sich der Zahlungsdienstleister seit 2019 mit dem Vorwurf der Bilanzfälschung auseinandersetzen muss.

Nachbörslich legte die Aktie von Wirecard als Reaktion auf die Reformen am Freitagabend zeitweise um 13 Prozent zu. Aber der groß angelegte Vorstandsumbau und die Teilentmachtung Brauns reichen wichtigen Großinvestoren noch nicht aus. „Der Vorstand hat jegliches Vertrauen verspielt“, sagte Ingo Speich, Leiter des Bereichs Corporate Governance bei der Fondsgesellschaft Deka, der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Neuordnung im Topmanagement sei allenfalls ein Anfang und kein Befreiungsschlag. An seiner Rücktrittsforderung für Braun hält Speich fest. Andreas Mark, Fondsmanager beim Wirecard-Großaktionär Union Investment, kritisiert: Die „schleppende Aufklärung“ werfe ein Schlaglicht auf „grundsätzliche Governance-Schwächen“.

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    Der Aufsichtsrat nehme die Kritik der beiden Großaktionäre sehr ernst, heißt es in Finanzkreisen. Es sei klar, dass bis zur für Anfang Juli geplanten Hauptversammlung weitere vertrauensbildende Maßnahmen nötig seien. Den Informationen zufolge stört den Aufsichtsrat unter anderem, dass es bei Wirecard bislang keine systematische Nachfolgeplanung für Braun gebe. Das sei für jeden Konzern Pflicht und das Kontrollgremium werde an der Beseitigung dieses Defizits arbeiten, heißt es.

    Am Freitag hatte der Aufsichtsrat von Wirecard schneller als erwartet die Konsequenzen aus dem Absturz des Aktienkurses gezogen. Grund für die neuen Turbulenzen war die missglückte Vorlage des Sonderprüfberichts von KPMG. Eigentlich hätte der Report ein für alle Mal den seit Jahren schwelenden Verdacht der Bilanzfälschung ausräumen sollen. Belege für die angebliche Bilanzmanipulation fand KPMG nicht, aber die Prüfer werfen dem Wirecard-Management vor, Untersuchungen behindert und bei internen Kontrollen versagt zu haben.

    Grund genug für den Aufsichtsrat, nur neun Tage nach Veröffentlichung des Berichts zu handeln. Die wichtigsten Konsequenzen: Vorstandschef Braun soll sich künftig vor allem um die strategische Weiterentwicklung von Wirecard kümmern. Damit verliert der Topmanager die Verantwortung für die Kommunikation mit den Investoren, für das Europa-Geschäft sowie für Teile des Vertriebs.

    Neuer Vorstand aus den USA

    Dafür zieht ein neuer Compliance-Chef in den Vorstand ein. Ab dem 1. Juli wird der US-Amerikaner James Freis das neu geschaffene Ressort Recht, Vertragswesen und Compliance verantworten. Seit 2014 ist Freis Chief Compliance Officer der Deutschen Börse ohne Vorstandsrang. Zuvor war er bei der Anwaltskanzlei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton in Washington tätig. Bis 2012 leitete Freis das „Financial Crimes Enforcement Network“ des US-Finanzministeriums und war damit als Bundesbeamter zuständig für die Regulierung von Finanzinstitutionen.

    Um die internen Schwächen auszumerzen, sollen zwei weitere Vorstandsposten hinzukommen, die jedoch noch nicht besetzt sind: zum einen ein Vertriebsvorstand, der alle Vertriebsaktivitäten bündelt, zum anderen ein neuer Organisationsvorstand (COO).

    Letzterer dürfte die neue starke Person im Wirecard-Management werden. Bei der Besetzung dieses Postens sei Wirecard bereits weit vorangekommen, heißt es in Finanzkreisen. Eine Shortlist mit geeigneten Kandidaten sei aufgestellt, mit einem renommierten Manager würden bereits konkrete Gespräche geführt.

    Der oder die neue COO soll künftig alle Tochtergesellschaften koordinieren und das operative Geschäft verantworten. Zerschlagen wird die bisherige Matrix-Struktur Wirecards, in der sich einzelne Vorstandsmitglieder um regionale Bereiche kümmerten. In Zukunft übernimmt der COO die Verantwortung für alle Kontinente: Amerika, Europa, Mittlerer Osten, Afrika sowie Asien. Außerdem verantwortet er das Personalwesen.

    Damit einher geht die Entmachtung eines bisherigen Schlüsselmanagers. Der alte COO und Braun-Vertraute Jan Marsalek gibt die operative Verantwortung für den Vertrieb und das wichtige Asien-Geschäft ab. Künftig soll er sich um die Geschäftsentwicklung kümmern. Aufräumen muss Marsalek die in seinem Ressort hinterlassenen Baustellen. Er bleibt weiter zuständig für die Koordination der Drittpartner und soll die vom neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Eichelmann vorangetriebene „Ausbreitung des Lizenzraums“ verantworten – also Wirecard durch eigene Lizenzen in fernen Ländern von den umstrittenen Drittpartnern unabhängig machen.

    Der Chef des Dax-Konzerns muss um seinen Posten kämpfen. Quelle: Bloomberg
    Wirecard-CEO Markus Braun voriges Jahr beim Handelsblatt Banking Summit

    Der Chef des Dax-Konzerns muss um seinen Posten kämpfen.

    (Foto: Bloomberg)

    Bislang wickelt Wirecard einen erheblichen Teil seiner Geschäfte in Ländern, in denen der Konzern über keine eigene Lizenz als Zahlungsdienstleister verfügt, über Drittunternehmen ab. Diese Partner stehen im Mittelpunkt der Manipulationsvorwürfe.

    Der bisherige Finanzvorstand Alexander von Knoop, den Beobachter als integer, aber nicht immer durchsetzungsstark beschreiben, bleibt auf seinem Posten, gibt jedoch die Verantwortung für das Personalwesen und die Compliance ab. Als Chief Financial Officer kümmert er sich künftig dafür zusätzlich um die Kommunikation mit den Investoren.

    „Neben diesen Anpassungen der Geschäftsverteilung wird der Vorstand auf Anregung des Aufsichtsrats die Verbesserung der operationalen Exzellenz der Wirecard AG vorantreiben“, heißt es in der Mitteilung vom Freitagabend. „Dazu werden Strukturen, Prozesse und insbesondere die internen Kontrollsysteme im Unternehmen überprüft.“ So habe Wirecard bereits ein Compliance-Projekt mit neun Schwerpunkten aufgesetzt.

    Das dürfte auch die deutsche Finanzaufsicht Bafin interessieren. Denn auch mit der Behörde hat sich der Konzern Ärger eingehandelt. „Selbstverständlich schauen wir uns die Kommunikation von Wirecard unmittelbar vor dem Erscheinen des KPMG-Berichts an“, sagte eine Bafin-Sprecherin. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob der Konzern die Investoren nicht nur darauf hätte hinweisen müssen, dass sich der Bericht verzögert und dass es keinen Anlass zu einer Korrektur der Bilanzen gebe, sondern auch auf die von KPMG konstatierten Schwächen und Fehler.

    Bereits seit Februar 2019 untersucht die Behörde, ob Wirecard den Kapitalmarkt über Insiderinformationen rechtzeitig und vollständig informiert hat.

    Heikle Machtbalance

    „Auf Basis der nun vereinbarten organisatorischen und personellen Veränderungen spricht der Aufsichtsrat dem Vorstand und seinem Vorsitzenden das Vertrauen aus“, heißt es in der Pflichtmitteilung von Freitagabend. Für den Aufsichtsrat ist der Vorstandsumbau ein heikler Balanceakt. Auf der einen Seite will Chefkontrolleur Eichelmann den 50-jährigen Braun offenbar an Bord halten, auf der anderen Seite muss er auf die Kritik der Investoren reagieren, die die Dominanz des Vorstandschefs als Gefahr sehen.

    „Teilweise wird Wirecard noch immer wie ein Start-up geführt, eine Professionalisierung des Managements und eine Stärkung der Kontrollen sind seit Langem überfällig“, heißt es bei einem Großaktionär.

    Braun lenkt den Zahlungsabwickler seit fast zwei Jahrzehnten, der Wiener ist mit einem Anteil von sieben Prozent der größte Aktionär und hat die Firma nach Jahren des rasanten Wachstums in die Königsklasse des deutschen Aktienmarkts geführt, den Dax. Der Konzern mit seinen gut 5000 Mitarbeitern steuert nicht nur das bargeldlose Bezahlen via Smartphone oder Kreditkarte an der Ladenkasse, sondern geht für Händler und Kunden auch ins Risiko. Wirecard prüft für Online-Shops, ob der Kunde vertrauenswürdig ist, nimmt den Kaufpreis entgegen und leitet ihn abzüglich einer Gebühr an den Händler weiter.

    Bislang hält Braun an seiner Prognose fest, dass Wirecard in diesem Jahr einen Betriebsgewinn von rund einer Milliarde Euro erreichen wird, das wäre ein Plus von über einem Viertel im Vergleich zum Vorjahr. Einige Investoren fürchten allerdings, dass sich nach den jüngsten Turbulenzen bald auch Kunden abwenden könnten. „Es besteht das Risiko, dass sich der Imageverlust auf das operative Geschäft niederschlägt“, warnt Fondsmanager Speich.

    Für Vorstandschef Braun ist die öffentliche Entschuldigung via Ad-hoc-Mitteilung laut Insidern ein klares Signal der Demut. Ein solches hätten langjährige Vertraute in 18 Jahren an Brauns Seite nicht erlebt, heißt es. Die Vorstandsveränderungen würden von Braun begrüßt, betonen zwei Stimmen aus seinem Umfeld. In den vergangenen Monaten hätten sich er und Aufsichtsratschef Eichelmann zu einem echten Führungsteam entwickelt.

    Grafik

    Aber das heißt noch lange nicht, dass sich Braun von der Macht verabschiedet. Auch der Kampf um die Deutungshoheit des Vorstandsumbaus hat längst begonnen. In Brauns Umfeld heißt es, dass sich der Manager weiter als der starke Mann bei Wirecard sehe. Schon seit Langem kümmere er sich vor allem um die strategische Weiterentwicklung und habe sich aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen.

    Einen Machtkampf mit dem neuen, selbstbewussten Aufsichtsratschef gebe es nicht, wohl aber ein Kräftemessen. Brauns Umfeld verweist etwa darauf, dass der Vorstandschef bereits im vergangenen Jahr James Freis als Chef eines neuen Beratergremiums ins Gespräch gebracht habe. Eichelmann habe die Personalie nun aufgegriffen. Klar ist: Schon 2019 hatte das Management um Braun die Erweiterung des Vorstands um einen Compliance- und Vertriebsexperten geplant.

    Drastischerer Umbau nach KPMG-Bericht

    Eichelmanns Umfeld verweist dagegen auf die klaren Kompetenzbeschneidungen für bisherige Manager, die das Kontrollgremium mit der Neuaufstellung vornimmt. Diese Maßnahmen seien in den Tagen nach der Lektüre des KPMG-Berichts von Eichelmann geplant und durchgesetzt worden und gingen in erheblichem Maß über das bereits 2019 Geplante hinaus.

    Innerhalb des Konzerns sind erste Stimmen zu hören, die den Vorstandschef nicht mehr für sakrosankt halten. Die Vorlage des kritischen KPMG-Prüfberichts hat manchen Mitarbeiter verunsichert. „Das Resultat ist extrem schlecht. Ich verstehe nicht, wie der Report so ausfallen konnte“, klagt ein hochrangiger Manager. „Die Bedeutung von Braun für die weitere Entwicklung des Unternehmens wird überschätzt. Die Organisation arbeitet inzwischen selbstständig.“

    Für Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, ist auch jenseits der Vorstandsspitze noch eine Reihe von Personalfragen ungeklärt. „Die Berufung von Herrn Freis ist ein gutes Signal, ebenso die Bestellung eines machtvollen, noch zu benennenden Chief Operating Officers.“ Dennoch gilt aus Sicht von Brühl: „Die Vorstände von Knoop und Marsalek tragen eine klare Ver‧antwortung für die im Rahmen des KPMG-Reports identifizierten Schwachstellen des Konzerns.“ Zu ihrer Zukunft blieben Fragen offen.

    „Es erscheint ungeklärt, welche Funktion etwa ein Herr Marsalek in der künftigen vollbesetzten Vorstandsriege einnehmen soll, da seine bisherigen Funktionen größtenteils entweder beim noch zu berufenden COO oder beim weiter amtierenden CEO angesiedelt sein werden“, meint Brühl.

    Mehr: Wirecard-Chef Markus Braun: Visionär unter Druck

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    1 Kommentar zu "Zahlungsdienstleister: „Vorstand hat jegliches Vertrauen verspielt“ – Dauerstress bei Wirecard setzt Konzernchef Braun unter Druck"

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    • Geht es etwas genauer! Es wird immer von mehreren Grossinvestoren berichtet, jedoch jedesmal nur die Deka angeführt. Die DWS ist kein Investor sondern eine Schutzvereinigung.

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