Venture-Capital: Wie ein Wagniskapital-Investor bei der Start-up-Auswahl auf KI setzt
Frankfurt. Künstliche Intelligenz (KI) verändert die Finanzierungslandschaft für Start-ups in Deutschland grundlegend. Das zeigt sich beim jüngsten Investment des Frühphaseninvestors Better Ventures, bei dessen Auswahl die KI mitgeholfen hat: dem Berliner Start-up Shit2Power.
Bei dem Jungunternehmen spielt der ungewöhnliche Name auf das Geschäftsmodell an. Es hat sich zum Ziel gesetzt, aus Klärschlamm erneuerbare Energie zu gewinnen. Bei Better Ventures erfolgte letztlich auch die Detailprüfung der Investition mit KI-Hilfe.
Tina Dreimann ist Mitgründerin und Geschäftsführerin des Business-Angel-Netzwerks aus mehr als 70 Unternehmerinnen und Unternehmern. Und im Gespräch mit dem Handelsblatt ist sie überzeugt, dass dies erst der Anfang der technologischen Revolution ist: „Der Einsatz von KI wird die Entscheidungsgeschwindigkeit innerhalb der Venture-Capital-Fonds beziehungsweise der Wagnisfinanzierer signifikant erhöhen.“
Bei Shit2Power hatte die KI mit den Begriffen „Energie“, „Nachhaltigkeit“ und „No Previous Funding“ die Aufmerksamkeit auf das Jungunternehmen gelenkt. Danach wurde das Team dank der KI unter den rund 200 Bewerbungen, die jeden Monat bei Better Ventures eingehen, sofort hoch priorisiert. „Mit dem Aufkommen von KI-basierten Analyse-Tools wird der früher exklusive Zugang für eine breitere Gruppe von Investoren möglich. Künftig kann jeder Investor fast jeden Deal sehen“, glaubt Dreimann.
Der Aufbau und die Pflege von Unternehmernetzwerken, die Start-ups Zugang zu Wissen und Kontakten bieten, werde dann als Faktor zur Differenzierung entscheidend, ergänzt die Managerin, die unter anderem Mitglied des Beirats Junge Digitale Wirtschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz ist.
Wagnisfinanzierer erwarten Effizienzschub
Laut einer Analyse das Fachportals Data Driven VC wollen 70 Prozent der Wagnisfinanzierer durch den Einsatz von KI und den Aufbau einer datengetriebenen IT bessere Investmententscheidungen treffen. 93 Prozent erwarten eine höhere Effizienz. Bisher kommen die KI-Werkzeuge vornehmlich für Investments zum Einsatz, nicht so sehr für das Einsammeln neuer Mittel (Fundraising) oder die Kontaktpflege mit den Geldgebern für die Fonds. Allerdings verbreitet sich die Anwendung laut der Untersuchung von Data Driven VC schnell.
„In einigen Jahren werden die ‚Quant VCs‘ vollkommen automatisiert die Investments aussuchen“, glaubt Cedric Duvinage, Mitgründer von Better Ventures, und bezieht sich damit auf rein datengetriebene Investoren, die quantitative Analysen machen. KI komme zum Einsatz, damit man kein potenzielles Investment übersieht: „Als Frühphaseninvestor ein sehr erfolgreiches Start-up zu verpassen ist schlimmer, als ein falsches Investment zu machen.“
Wenn ein Gründer auf LinkedIn beispielsweise in den ‚Stealth-Modus’ wechsele, also versucht, so unsichtbar und unauffällig wie möglich zu sein, dann sei das ein Zeichen, dass er vielleicht an einem neuen Start-up arbeite. Hier könne eine KI die entsprechenden Signale auswerten und dem Venture-Capital-Manager einen Hinweis geben. KI werde den Wettbewerb nochmals verstärken und bei dann oftmals gleicher Entscheidungsgrundlage werde letztlich der VC-Manager beziehungsweise der Business-Angel den Ausschlag geben.
Better Ventures investiert in die ganz frühen Unternehmensphasen, in der Fachsprache „Pre-seed“ und „Seed“. Zu den größten Finanzierungen zählten bisher Roclub (Medizintechnik), Ocell und Skyseed (Klimaschutz/Waldmanagement) sowie Magnotherm und Infravoltaic (Kühltechnik/erneuerbare Energien). Das Netzwerk investiert im Schnitt 250.000 Euro, bei Shit2Power sind es 500.000 Euro.
KI kann sich auch irren
Das Team von Better Ventures sieht auch Risiken, wenn man der KI blind vertraut. Als Frühphaseninvestor achte man besonders darauf, dass die KI keine sogenannten falsch negativen Labels vergibt – also keinen Start-ups absagt, von denen man später feststelle, dass sie den Anforderungen entsprochen hätten.
Die Einführung und das Training von KI erfordere auch ein ganz neues Mitarbeiterprofil. Kleine Fonds hätten häufig nicht die finanziellen Mittel, ihr bestehendes Investment-Team mit der nötigen Tech-Expertise zu ergänzen. Selbst die Auswahl externer KI-Werkzeuge falle schwer mit fehlendem Fachwissen.
Die Herausforderungen durch KI treffen den Venture-Capital-Markt in einer schwierigen Zeit. Zwar hat die Zuversicht unter den deutschen Geldgebern für Start-ups im ersten Quartal laut dem Investorenbarometer der Förderbank KfW und des Branchenverbands BVK wieder leicht zugenommen. Allerdings bleibt der Verkauf von Beteiligungen schwierig und auch die hohen Zinsen werden als Belastung empfunden.