Nürnberger Versicherung: Rosenberger: „Wir wollen kein Vollsortimenter sein wie die Allianz“
Frankfurt. Die Nürnberger Versicherung soll unter Konzernchef Harald Rosenberger zu einem „bedeutenden Präventionsversicherer“ werden. Der 46-jährige Mathematiker hat den Vorstandsvorsitz bei dem Unternehmen im April 2023 übernommen und überarbeitet seitdem dessen Strategie. „Wir müssen im aktuellen Umfeld mit anhaltend hoher Inflation, demografischen Herausforderungen und fortschreitendem Klimawandel anpassungsfähig bleiben“, erklärte er im Handelsblatt-Gespräch.
Der Fokus auf Prävention kommt nicht von ungefähr: Wegen hoher Belastungen – unter anderem durch die Hagelunwetter in Bayern – musste der Versicherer die Prognose für das Konzernergebnis 2023 reduzieren. Statt 60 Millionen Euro traut man sich in Nürnberg nur noch 45 Millionen Euro zu.
Das Ziel, in drei bis vier Jahren 100 Millionen Euro zu verdienen, bleibt aber bestehen. Die Erwartungen an den Firmenchef, der 2017 vom Rückversicherer Munich Re zur Nürnberger wechselte und zwei Jahre später in den Konzernvorstand aufstieg, sind daher hoch. Rosenberger glaubt, sie mit der neuen Strategie erfüllen zu können. Drei Stränge sind ihm dabei wichtig: den Versicherer fit für die Zukunft zu machen, das Geschäftsmodell zu definieren und die Unternehmenskultur weiterzuentwickeln.
Fit für die Zukunft: Komplexität reduzieren
Bevor Innovationen entwickelt werden, will Rosenberger die Komplexität im Unternehmen reduzieren. Dazu will er mit den Mitarbeitenden Dinge definieren, die „wir künftig nicht mehr tun wollen“. Man wolle „kein Vollsortimenter sein wie zum Beispiel die Allianz“, sondern sich auf die Kernkompetenzen konzentrieren. Was man künftig nicht mehr selbst entwickele, werde man über Kooperationspartner anbieten.
In der Lebensversicherung liegt der Fokus der Nürnberger zum Beispiel auf dem Einkommensschutz, also etwa auf Berufsunfähigkeitspolicen. „Hier haben wir die Beitragseinnahmen in den letzten vier Jahren fast verdoppelt und wollen künftig weiter zulegen“, sagt Rosenberger. In der Altersvorsorge setze man auf fondsgebundene Produkte. „Einige andere Tarife stampfen wir ein, beispielsweise bei Lebensversicherungen mit Garantiezins“, so Rosenberger.
Die Neuausrichtung der Produktpalette soll dazu beitragen, die Kosten „signifikant zu reduzieren“ – um das Ziel beim Konzerngewinn erreichen zu können. Auch bei den Personalkosten will der Vorstandschef sparen. Dass viele ältere Mitarbeiter bald in den Ruhestand gehen, kommt der Nürnberger entgegen. „Von einigen anderen Beschäftigten werden wir die Bereitschaft einfordern müssen, sich im Unternehmen neu zu orientieren, wenn bestimmte Aufgaben künftig wegfallen“, sagt Rosenberger.
Damit spielt er auf die Digitalisierung an, etwa in der Krankenversicherung. Ein Team arbeitet zum Beispiel an einer KI-Anwendung, die unterstützend prüft, ob den Kundinnen und Kunden Leistungen zustehen oder nicht. Rosenberger betont aber, dass es auch in Zukunft Menschen brauche, um Prozesse zu vereinfachen und zu automatisieren.
Geschäftsmodell: Verstärkt auf Prävention setzen
Darauf aufbauend soll das Geschäftsmodell in allen Sparten auf Prävention ausgerichtet werden. In der Sachversicherung sei die Notwendigkeit, mehr Vorsorge zu treffen und Frühwarnsysteme einzusetzen, mit den schweren Unwettern in diesem Sommer besonders offensichtlich geworden, sagt Rosenberger: „Ohne Prävention werden Elementarschäden künftig vielfach nicht mehr versicherbar sein.“
Schon zum Jahreswechsel „werden durch die nach wie vor hohe Inflation und die steigenden Schäden aus dem Klimawandel Prämienerhöhungen insbesondere in der Kfz- und der Wohngebäudeversicherung unausweichlich sein“, betont er.
Das trifft nicht nur die Kunden der Nürnberger. Beitragssteigerungen dürfte es branchenweit geben, und sie werden auch von der Finanzaufsicht Bafin gefordert. Kürzlich teilten die Aufseher mit, dass den Versicherern in diesem Jahr vor allem in der Kraftfahrtversicherung Verluste drohten und sie die Prämien daher dringend erhöhen müssten.
Prävention soll zu weniger Schäden führen und zu starke Beitragssteigerungen vermeiden. Bei der Nürnberger will man daher mehr mit Selbstbehalten arbeiten. „Wenn die Kundin oder der Kunde im Schadensfall einen Teil mitbezahlen muss, haben Versicherer und Versicherte die gleichen Interessen – nämlich, den Schaden möglichst gering zu halten“, erklärt Rosenberger.
Kultur: Verantwortung für Prozesse übernehmen
Zudem will er die Firmenkultur verbessern: „Wenn man in einem Unternehmen etwas verändern will, muss man veraltete Denkmuster aufbrechen.“
Man habe damit im Vorstand angefangen. Jedes Vorstandsmitglied fühle sich jetzt für den Konzern und nicht nur für sein Ressort verantwortlich. Das verlange er auch von den Mitarbeitern: Prozesse von Anfang bis Ende zu durchdenken und sich dafür verantwortlich zu fühlen.