Olympia: Die Angst vor leeren Stadien – wie Sportevents abgesichert werden
Frankfurt. Während die deutschen Fußball-Fans noch das Viertelfinal-Aus bei der Europameisterschaft im eigenen Land bedauern, wirft schon das nächste sportliche Großereignis seine Schatten voraus. Ab dem 26. Juli werden bei den Olympischen Sommerspielen in Paris rund 10.500 Athletinnen und Athleten aus mehr als 200 Nationen antreten. Rund 15 Millionen Besucher werden in der Stadt erwartet.
Die Durchführung solcher Spitzensportevents ist eine enorme Herausforderung: Risiken wie extreme Wetterereignisse, gezielte Cyberattacken, eine verschärfte Sicherheitslage und potenzielle Gefahren für die öffentliche Gesundheit könnten alle Planungen auf einen Schlag zunichtemachen. Nur mit einem guten Risikomanagement und umfangreichem Versicherungsschutz sind solche Spektakel umsetzbar.
Ein mögliches Szenario, mit dem sich die Veranstalter auseinandersetzen, ist, dass eine unvorhergesehen hohe Zahl an Notfällen die Pariser Krankenhäuser überlasten könnte. Das Organisationskomitee der Olympischen und Paralympischen Spiele hat daher die Allianz-Tochter Allianz Partners damit beauftragt, die Versorgung aller Athleten, freiwilligen Helfer und Funktionäre sicherzustellen.
Der Konzern soll dabei nicht nur die medizinischen Kosten tragen, sondern gegebenenfalls auch den Rücktransport der Betroffenen in die Heimatländer organisieren. Das gab der Versicherer am Dienstag bekannt.
Für Konzerne wie die Allianz ist das nur eine von vielen Versicherungslösungen, die sie im Rahmen von sportlichen Großereignisse bereitstellen. Eines der größten Risiken ist, dass die Wettbewerbe abgesagt oder verschoben werden müssen.
Größtes Risiko: Sicherheitsbedrohung
„Die Versicherungssummen bei Veranstaltungsausfallpolicen könne sich bei großen internationalen Sportereignissen auf mehrere hundert Millionen Euro belaufen“, erklärte Jan Prechtl von der Allianz-Industrieversicherungstochter Allianz Commercial im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Die Deckungen werden über den Londoner Versicherungsmarkt platziert und verteilen sich auf mehrere Versicherer und Rückversicherer.“
Konkreter will Prechtl in Bezug auf die anstehenden Olympischen Spiele nicht werden. Die Allianz spielt dort als weltweiter Versicherungspartner eine wichtige Rolle. Ob und in welcher Form sich beispielsweise auch Munich Re an der Absicherung der Spiele beteiligt, wollte der Dax-Konzern auf Nachfrage nicht kommentieren.
Spätestens seit der Coronapandemie kommt der Veranstaltungsausfalldeckung eine besondere Rolle zu. Allein die Entscheidung, bei den Olympischen Spielen 2021 in Tokyo keine Zuschauer zuzulassen, dürfte den Versicherungssektor laut der Ratingagentur Fitch 300 Millionen bis 400 Millionen Dollar gekostet haben, um Ticket- und Bewirtungskosten zurückzuerstatten.
Angesichts der geopolitischen Lage werden inzwischen Sicherheitsbedrohungen als das größere Risiko einschätzt. Gerade in einer Großstadt wie Paris ist die Gefahr von Terroranschlägen nicht zu unterschätzen. Frankreich hat daher umfangreiche Notfallpläne erstellt, und während der Spiele werden tausende Sicherheitskräfte im Einsatz sein.
Starke ökonomische Interessen
Das Risiko, dass die Olympischen Spiele aus irgendeinem Grund komplett abgesagt werden, schätzt Prechtl unterdessen als gering ein. Absagen habe es erst zweimal gegeben – im Jahr 1916 in Berlin wegen des Ersten Weltkriegs sowie 1940 in Helsinki und 1944 in London wegen des Zweiten Weltkriegs.
„Olympia ist eine gewaltige ökonomische Maschine, die am Laufen gehalten werden muss“, so der Versicherungsexperte. Mit der Veranstaltungsausfalldeckung sicherten sich die Veranstalter vielmehr für den Fall ab, dass einzelne Events ausfallen oder verschoben werden – und es dadurch zu einem finanziellen Schaden kommt.
So können starke Regenfälle den Zeitplan durcheinanderbringen. Bei der Fußball-EM kam es beispielsweise im Spiel zwischen Deutschland und Dänemark in Dortmund zu einer Unterbrechung – sie dauerte allerdings nur 20 Minuten.
Fällt ein Wettkampf ganz aus, gebe es „oft die Möglichkeit, diesen nachzuholen und damit zusammenhängende Verluste einzudämmen“, erklärt Prechtl. Ein Versicherungsschutz könnte aber beispielsweise greifen, wenn die Werbeeinnahmen sinken, weil ein Ereignis im Fernsehen nicht mehr zur Hauptsendezeit gesendet werden kann, erklärt er.
Manuelle Prüfung würde mehr Zeit kosten
Eine immer größere Herausforderung wird zudem die Cybersicherheit. Ein Grund ist der vermehrte Einsatz von digitalen Technologien. Bei Olympia in Paris gibt es erstmals nur noch Onlinetickets.
„Ein Szenario ist, dass sich diese digitalen Tickets durch einen Hackerangriff nicht mehr scannen lassen und die Helfer eine manuelle Überprüfung vornehmen müssen“, so Prechtl. Das würde erheblich mehr Zeit bei den Eingangskontrollen in Anspruch nehmen.
Die Veranstalter schließen hier spezielle Cyberversicherungen ab. Da es auch eine Reihe staatlicher Akteure gebe, die ein Interesse hätten, den reibungslosen Ablauf der Spiele zu stören, nehme man Bedrohung sehr ernst, betont Prechtl: „In Paris wurde daher ein operatives Zentrum eingerichtet, um auf Hackerangriffe direkt reagieren zu können.“
Daneben sichert die Assekuranz die Sportanlagen und den dort stattfindenden Sportbetrieb über Sach- und Haftpflichtlösungen ab. Allianz Frankreich ist beispielsweise einer der Hauptversicherer wichtiger Austrageorte wie dem Vélodrome de Saint-Quentin-en-Yvelines, der Schwimmhalle in Vaires-sur-Marne und des Mediendorfs. Fans, die sich die Spiele in Paris ansehen wollen, konnten zudem über Allianz Partners eine Reise- und Ticketstornierungsversicherung abschließen.