EZB: Euro-Notenbanker streiten über Zins-Kurs
Frankfurt. Die Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) steuern auf kontroverse Beratungen über den weiteren Zinskurs zu. Nach Ansicht von EZB-Direktorin Isabel Schnabel sollten die Währungshüter die Leitzinsen kaum noch absenken. Mehrere Notenbanker haben sich hingegen für weitere Schritte ausgesprochen.
„Jetzt ist die Zeit, eine ruhige Hand zu bewahren“, sagte Schnabel am Freitagabend (Ortszeit) in einer Rede an der Universität von Stanford in Kalifornien. Die Deutsche gilt als eine der Wortführerinnen im EZB-Rat, in dem die sechs Direktorinnen und Direktoren der Notenbank und die Notenbankchefs der 20 Euro-Länder gemeinsam über die Geldpolitik entscheiden.
Das Gremium hat die Leitzinsen im Euro-Raum seit Juni 2024 sieben Mal um jeweils einen Viertelprozentpunkt gesenkt. Der Einlagensatz für Banken ist in diesem Zeitraum von 4,0 auf 2,25 Prozent gesunken. Im Einklang mit dem maßgeblichen Leitzins sind die Spar- und Kreditzinsen in der Euro-Zone zurückgegangen. Investitionen sowie Konsum auf Pump werden dadurch günstiger.
Die meisten Analysten und Zinshändler setzen darauf, dass die EZB den Einlagensatz noch vor der Sommerpause Ende Juli unter zwei Prozent senken wird. Die Experten der Deutschen Bank rechnen mit drei weiteren Schritten nach unten auf 1,5 Prozent. Die Kollegen der Bank of America prognostizieren für Dezember sogar 1,25 Prozent.
Schnabel macht nun deutlich, dass sie damit nicht einverstanden ist. „Indem wir die Zinssätze in der Nähe ihres derzeitigen Niveaus halten, können wir sicher sein, dass die Geldpolitik Wachstum und Beschäftigung weder übermäßig bremst noch anregt“, sagte sie. Schnabel ist offenkundig besorgt, dass noch niedrigere Zinsen die Wirtschaft so sehr antreiben, dass die Preise mittelfristig wieder stärker steigen.
Was bedeuten die US-Zölle für die Inflationsrate?
Ein entscheidender Streitpunkt ist, ob der Handelskonflikt zwischen den USA und dem Rest der Welt die Inflation in der Euro-Zone erhöht oder dämpft. So befürchtet Schnabel durch umfassende Zölle kostentreibende Dominoeffekte und erinnert etwa an Lieferengpässe während der Pandemie. Steigende Staatsausgaben sind für sie ebenfalls ein latentes Inflationsrisiko.
Andere Notenbanker betonen hingegen preisdämpfende Effekte des von der US-Regierung eröffneten Zollkriegs: geringeres Wachstum, günstigere Importe dank des stärkeren Euro-Wechselkurses, gesunkene Energiepreise, eine Warenschwemme aus Asien. Die Inflation ist im April bereits nah ans Zwei-Prozent-Ziel der EZB gesunken, auf 2,2 Prozent.
Die Kontroverse zieht sich auch durch den EZB-Rat. Bis zur Sommerpause stehen noch zwei Zinsentscheide an. Mehrere Mitglieder des Entscheidungsgremiums haben Bereitschaft für weitere Zinssenkungen signalisiert. Darunter die Notenbankchefs der größten Euro-Länder Deutschland und Frankreich, Joachim Nagel und François Villeroy de Galhau.
Am Freitag sagte Litauens Notenbankchef Gediminas Simkus in einem Interview mit dem Finanznachrichtensender Bloomberg: Wegen der nachlassenden Inflation sei für ihn ziemlich klar, dass am 5. Juni eine weitere Zinssenkung erforderlich sei. Möglicherweise könnte es danach eine weitere Zinssenkung geben, wenngleich der Zeitpunkt unklar sei.
Wiederholt hat sich auch Finnlands Notenbankchef Olli Rehn dafür ausgesprochen, die Zinsen angesichts der schwächeren Wirtschaftslage weiter zu senken. Für Rehn müssen sich die Notenbanker alle Optionen offenhalten. Das schließt prinzipiell auch eine große Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt ein.
Lagarde hält sich aus der Debatte raus
Für Griechenlands Notenbankchef Yannis Stournaras „sieht es danach aus“, dass die Leitzinsen im Juni weiter sinken. Stournaras sagte vor wenigen Tagen in Athen laut Bloomberg aber auch, dies sei nicht die Zeit für große Schritte oder große Versprechen. Dafür sei die Lage zu unsicher.
Aus dem Führungsgremium der EZB kommen ansonsten eher zurückhaltende Einschätzungen. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos zeigte sich Anfang Mai in einem Interview „optimistisch“, dass die Notenbank ihr Inflationsziel bald dauerhaft erreichen werde. Der Spanier äußerte sich aber nicht so deutlich zu Inflationsrisiken und zum Zinskurs wie Schnabel.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hält sich seit Langem aus Prinzip aus der Debatte heraus. Anders als ihr dominanter Vorgänger Mario Draghi gibt Lagarde nicht vor, wie sie selbst zum Zinskurs steht.