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Geldpolitik Kommen jetzt auch Minuszinsen in den USA und in Großbritannien?

Die EZB hat die Zinsen längst unter null gedrückt, jetzt treibt die Coronakrise auch andere Notenbanken zu ähnlich radikalen Schritten. Eine aber sträubt sich.
08.06.2020 - 15:48 Uhr Kommentieren
Bisher galten Minuszinsen im Königreich genauso wie in den USA als unrealistisch. Quelle: Bloomberg
Bank of England

Bisher galten Minuszinsen im Königreich genauso wie in den USA als unrealistisch.

(Foto: Bloomberg)

New York, Frankfurt, London Für Donald Trump ist die Sache klar. Wenn es nach dem US-Präsidenten geht, sollten die USA dem Beispiel anderer Länder folgen und „das Geschenk negativer Zinsen annehmen“, wie er vor Kurzem auf Twitter schrieb. Sein Wunsch ist also, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Leitzins unter null senkt. Dieser radikale Schritt würde es für ihn einfacher machen, die hohen Staatsschulden zu finanzieren, die durch die Coronakrise noch einmal deutlich ansteigen.

Trump ist nicht der einzige, der in diese Richtung denkt. Die Derivate-Märkte preisen den Schritt unter die Nullgrenze mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein. In den USA wetteten Händler bereits Mitte Mai darauf, dass die Leitzinsen im kommenden April zum ersten Mal in der Geschichte negativ sein könnten, wie aus den Futures-Kontrakten hervorging.

Andere Länder sind schon weiter. In Großbritannien bestätigte sogar Notenbankgouverneur Andrew Bailey kürzlich, dass Minuszinsen „aktiv geprüft“ würden. Als erste große Notenbank der Welt hat die EZB im Juni 2014 einen Negativzins für Geld eingeführt, das Banken bei ihr kurzfristig parken. Das kam damals einer Revolution gleich.

Dass radikale Konzepte gerade jetzt vermehrt diskutiert werden, liegt auch an der Coronakrise. Weltweit greifen die Notenbanken in zuvor undenkbarem Ausmaß in die Kapitalmärkte ein, sorgen für Liquidität und fangen Risiken auf. Die Fed ist hier sogar Vorreiterin. Sollte sie also, nachdem sie die Zinsen schon auf Null gesenkt hat, noch weiter heruntergehen?

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    In der Federal Reserve selbst herrscht Einigkeit, dass dieser Schritt für die amerikanische Wirtschaft nicht der richtige wäre. „Meine Kollegen im Offenmarktausschuss und ich sind weiter der Meinung, dass negative Leitzinsen wahrscheinlich kein nützliches Instrument für die USA sind“, betonte Notenbank-Chef Jay Powell Mitte Mai in einem Fernsehinterview mit dem Sender CBS.

    „Negative Zinsen in den USA wären in dieser Krise nicht die richtige geldpolitische Antwort“, sagt auch Torsten Slok, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in New York. Er hält Ankäufe von Unternehmensanleihen für geeigneter, um die Sorgen der Investoren wegen möglicher Firmenpleiten zu dämpfen. Das gilt vor allem für die USA: Der Großteil der amerikanischen Firmen geht an den Bondmarkt, um sich Kapital zu besorgen. In der Euro-Zone finanzieren sich 80 Prozent der Unternehmen über Bankkredite, in den USA sind es gerade einmal 19 Prozent.

    Gefahr für den Geldmarkt

    Zudem befürchten Ökonomen, dass negative Zinsen auf dem 4,8 Billionen Dollar schweren Geldmarkt Schäden anrichten können. In den USA spielt der eine größere Rolle zur Versorgung der Wirtschaft mit Liquidität als in anderen Ländern. „Das würde den Geldmarkt durcheinanderbringen, denn der Betrieb von Geldmarktfonds wäre nicht mehr attraktiv“, sagt Bill Dudley, der frühere Chef der regionalen Notenbank in New York, mit Blick auf mögliche Minuszinsen.

    Er weist einen weiteren wichtigen Punkt hin: „Die Fed betont seit Jahren, dass sie negative Zinsen nicht für sinnvoll hält. Würde sie jetzt plötzlich davon abweichen, würde das das Vertrauen in die Notenbank nicht gerade unterstützen“, gibt er zu bedenken. „Die Leute würden daraus schließen, dass die Lage wirklich schlimm ist, und die Fed kaum noch andere Instrumente zur Verfügung hat.“

    Ökonomen befürchten zudem, dass es ab einem bestimmten negativen Zinssatz die Menschen ihr Bargeld lieber unter der sprichwörtlichen Matratze horten als es auf der Bank anzulegen. Dudley glaubt, dass das Problem auftauchen könnte, wenn minus 0,75 Prozentpunkte unterschritten werden. Im Euro-Raum beträgt der derzeit entscheidende Einlagenzins minus 0,5 Prozent, in der Schweiz sind es sogar minus 0,75 Prozent.

    Grafik

    In Großbritannien hat die Bank von England in ihrer 325-jährigen Geschichte ebenfalls noch nie den Leitzins unter null fallen lassen. Doch auch sie hat sich als Reaktion auf die Corona-Pandemie der Grenze genähert und im März den Zins in zwei Schritten von 0,75 auf 0,1 Prozent gesenkt. Nachdem Notenbankchef Bailey erklärt hatte, Minuszinsen aktiv zu prüfen, dämpfte der Chefvolkswirt der Notenbank, Andy Haldane, vor einigen Tagen die Erwartungen. „Prüfen und umsetzen sind zwei unterschiedliche Dinge“, sagte er bei einem Webinar des Unternehmerverbands CBI. Die Notenbank sei „noch nicht annähernd“ so weit, Minuszinsen einzuführen.

    Laut der britischen Bank Barclays wären Minuszinsen das allerletzte Mittel, zu dem die Zentralbank greifen wird. Zunächst werde sie bei der nächsten Sitzung des geldpolitischen Ausschusses im Juni das Anleihekaufprogramm noch einmal um 100 Milliarden Pfund ausweiten, erwarten die Analysten. Die Investmentbank RBC Capital Markets erwartet sogar eine Ausweitung um 200 Milliarden Pfund. Auch Notenbankchef Bailey betont, man wolle erst einmal sehen, wie die bisherigen Instrumente wirken.

    Doch ist eine weitere Zinssenkung laut Beobachtern nur eine Frage der Zeit. „Aussagen von Zentralbanken führen normalerweise zu Handlungen“, heißt es in einer Analyse der US-Investmentbank Morgan Stanley. Die Bank of England sei sehr bedacht auf ihren Ruf. Deshalb sei es unwahrscheinlich, dass sie über Zinssenkungen nur rede, ohne entsprechend zu handeln.

    Morgan Stanley erwartet, dass die Notenbank den Leitzins im November zunächst auf null setzt. Dann hänge es davon ab, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Komme es zum erwarteten Aufschwung, würde die Notenbank wohl auf Minuszinsen verzichten. Nur wenn es zum Jahresende einen ungeordneten Brexit mit darauffolgender Rezession gebe, seien Minuszinsen im ersten Halbjahr 2021 „plausibel“, schreiben die Analysten.

    Sind Minuszinsen erst einmal eingeführt, müssten sich die Marktteilnehmer darauf einrichten, dass dieser Zustand lange anhalten wird. „Die Erfahrung zeigt, dass die Zinsen mehrere Jahre unter null bleiben können“, heißt es in der Morgan-Stanley-Analyse.

    Die britischen Banken sind alarmiert und lobbyieren gegen eine Zinssenkung. „Negativzinsen würden die Profitabilität der Banken zu einem Zeitpunkt drücken, da Zinsen als Stoßdämpfer für Kreditverluste dienen sollen“, warnt Stephen Jones vom Branchenverband UK Finance. Die Schweizer Bank UBS schätzt, dass jede Zinssenkung um 25 Basispunkte die britischen Geldhäuser zehn Prozent ihrer Gewinne kostet.

    In Großbritannien würden unter den aktuellen Regeln alle Einlagen der Banken von den Minuszinsen getroffen. Es gibt keine Ausnahmeregelung für bestimmte Einlagen wie bei der EZB. Deshalb erwarten Beobachter, dass die Bank of England mindestens sechs Monate Vorlauf benötigt, um ein ähnliches System einzuführen, bevor sie die Zinsen unter null senkt.

    EZB ist kein Vorbild

    Aus Sicht von Deutsche-Bank-Ökonom Slok sind die Erfahrungen mit den Minuszinsen im Euro-Raum kein positives Beispiel für andere Notenbanken. „Das Ganze sollte eigentlich nur auf kurze Zeit begrenzt sein. Aber jetzt, sechs Jahre später, sind die Zinsen immer noch negativ, und sie haben nicht die erwünschte wirtschaftliche Erholung gebracht, auf die alle gehofft haben. Stattdessen hat es zu großen Problemen im Bankensektor geführt“, sagt er.

    Die EZB dagegen hat kürzlich in einer Analyse ihre Entscheidung für Minuszinsen noch einmal ausführlich verteidigt. Sie hätten „wirksam die Finanzierungsbedingungen gelockert und so letztlich einen Beitrag zur Preisstabilität geleistet“, heißt es in der Studie.

    Die Notenbank argumentiert, dass Minuszinsen vor allem im Zusammenspiel mit Anleihekäufen sehr effektiv seien. Die Käufe erhöhen die Liquidität bei den Banken, die Minuszinsen schaffen den Anreiz diesen Überschuss in Kredite und Anleihen zu investieren. Insgesamt führt dies laut der EZB dazu, dass die Marktzinsen über das gesamte Laufzeitenspektrum sinken und die Kreditvergabe steigt.

    Die EZB räumt in ihrer Studie jedoch ein, dass Minuszinsen auch negative Effekte für Banken haben. Um die Geldhäuser im Euro-Raum davon zu entlasten, hat die EZB im Oktober vergangenen Jahres einen Freibetrag eingeführt. Dieser orientiert sich an den Mindestreserven, die die Geldhäuser bei der EZB vorhalten müssen. Seit dem 30. Oktober brauchen die Institute für das Sechsfache der Mindestreservepflicht keine Zinsen zu zahlen.

    Auf der anderen Seite profitieren die Banken aus Sicht der EZB auch von Minuszinsen. Zum Beispiel, weil sie wegen der attraktiveren Konditionen tendenziell mehr Kredite vergeben. Zudem hätten die Minuszinsen positive Auswirkungen auf die Wirtschaft und damit auch auf das Kreditvergabevolumen und die Kreditwürdigkeit der Schuldner. Verbessert diese sich, müssen die Banken weniger Rückstellungen für Kreditausfälle treffen.

    Trotz des überwiegend positiven Fazits der EZB in der aktuellen Studie zu Minuszinsen sind diese im geldpolitischen Entscheidungsgremium der EZB durchaus umstritten. In der aktuellen Coronakrise hat die Notenbank trotz der katastrophalen Wirtschaftslage darauf verzichtet, die Zinsen noch weiter zu senken. Ihr gehe es in der Krise vor allem darum, die Übertragung der Geldpolitik auf die Wirtschaft in allen Ländern des Euro-Raums zu sichern, sagt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert. „Dafür sind Minuszinsen nicht das richtige Mittel.“ Zudem sei im Euro-Raum die Zinsuntergrenze schon fast erreicht, bis zu der weitere Senkungen die Wirtschaft stimulieren.

    Mehr: Die EZB geht mit ihrem Krisenprogramm in die Vollen.

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