Konjunktur: China rutscht in die Deflation
Die Preise in China sinken.
Foto: BloombergPeking. Die Gemüsehändlerin auf dem kleinen Markt im Pekinger Stadtteil Oststadt tippt flink auf ihrem Taschenrechner: fünf Tomaten, zwei Schlangengurken, eine rote Zwiebel und eine Knoblauchknolle. „Genau sieben Kuai“, sagt sie, umgerechnet rund 88 Euro-Cent. Während Verbraucher in vielen anderen Ländern unter steigenden Preisen leiden, sinken die Preise in der Volksrepublik.
China ist im Juli in die Deflation gerutscht. Die Verbraucherpreise fielen im Jahresvergleich um 0,3 Prozent. Das gab das Nationale Statistikbüro am Mittwoch bekannt. Als Gründe für den Rückgang gelten die Kaufzurückhaltung der chinesischen Haushalte, der Rückgang bei den Exporten sowie die anhaltenden Probleme auf dem Immobilienmarkt.
Anders als in vielen anderen Ländern, wo unter anderem die gestiegen Energiepreise für eine höhere Inflation sorgen, sind die Haushaltspreise etwa für Strom und Gas in China staatlich reguliert und werden künstlich niedrig gehalten.
Neben den Verbraucherpreisen sanken im Juli auch die Erzeugerpreise um 4,4 Prozent. Zum ersten Mal seit November 2020 waren damit sowohl die Verbraucher- als auch die Erzeugerpreise rückläufig.
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Viele Ökonomen halten eine negative Preisspirale für gefährlicher als eine Inflation, weil Verbraucher in Erwartung fallender Preise ihre Kaufentscheidungen aufschieben und Unternehmen Investitionen zurückhalten. Als warnendes Beispiel gilt dabei die sogenannte „verlorene Dekade“ in Japan, wo die Preise nach dem Platzen der Immobilien- und Schuldenblase Anfang der 1990er-Jahre über viele Jahre sanken und die Wirtschaft stagnierte.
Deflation in China – nur von kurzer Dauer?
In China dämpft schon jetzt die vorsichtige Haltung von Firmen und Haushalten den Post-Pandemie-Aufschwung. Im zweiten Quartal war die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nur 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen.
Die bislang für Juli veröffentlichten Wirtschaftsdaten weisen auf wenig Besserung hin. So brachen die Exporte auf Dollar-Basis im Jahresvergleich um 14,5 Prozent ein. Auch die Krise im wichtigen Immobiliensektor hält an. Beides wirkt sich negativ auf die Preisentwicklung in China aus. In anderen Ländern der Welt, die derzeit unter hohen Preissteigerungsraten leiden, wirkt die geringere Nachfrage aus der Volksrepublik hingegen inflationsmildernd.
Experten gehen jedoch davon aus, dass die aktuelle Entwicklung nur von kurzer Dauer ist. Wang Tao, China-Chefvolkswirtin der Schweizer Bank UBS, rechnet damit, dass die Verbraucherpreise zum Ende des dritten Quartals wieder steigen werden, auch weil sich der Konsum zwar langsam, aber stetig erhole.
Warnungen vor japanischen Verhältnissen überzogen
Trotz aller Probleme sei das „Gerede von einer Deflation in China völlig abwegig“, findet auch Robert Carnell, Chefvolkswirt Asien-Pazifik bei der niederländischen Bank ING. Er hält Warnungen vor japanischen Verhältnissen in China für überzogen. Die Situation im heutigen China und im Japan in den 1990er-Jahren sei „sehr unterschiedlich“, schreibt er in einer aktuellen Analyse.
Anders als Japan, das versucht habe, das Platzen der Immobilien- und Aktienblase durch eine expansive Geld- und Fiskalpolitik abzufedern, übe sich Chinas Staatsführung derzeit in Zurückhaltung. „Ungeachtet aller Spekulationen über Konjunkturprogramme, die jede Woche die Zeitungen füllen, ist nichts gegen Chinas Festhalten an seinem derzeitigen Kurs einzuwenden“, betont er.
Die ständigen Vergleiche des aktuellen Wirtschaftswachstums der Volksrepublik mit historischen Wachstumsraten hält Carnell für „besessen“. Denn die hohen Zuwächse der vergangenen Jahre seien „größtenteils auf übermäßige Bautätigkeit“ zurückzuführen, erkauft durch Schulden – und damit nicht nachhaltig.
Korrektur im chinesischen Immobiliensektor
Seit der Finanzkrise 2008, als die Staatsführung einen drohenden Einbruch der Wirtschaft mit dem bis dato größten Stimulus der Welt abwehrte, wächst die Volksrepublik vor allem dank staatlicher und privater Investitionen. Diese flossen hauptsächlich in Infrastruktur und Immobilien.
Der Bausektor trägt bis zu einem Drittel zur chinesischen Wirtschaftsleistung bei.
Foto: APZuletzt hat der Bausektor direkt und indirekt bis zu einem Drittel zur chinesischen Wirtschaftsleistung beigetragen. Darin enthalten ist nicht nur die Bautätigkeit selbst, sondern viele Vorprodukte wie Stahl und Zement sowie Haushaltsgeräte und Möbel. Dieser Wachstumstreiber fehlt nun – und das wirkt sich negativ auf die Preise aus.
Die politisch gewollte Korrektur auf dem Immobilienmarkt hält Experte Carnell für „vernünftig“, auch wenn dies bedeute, dass die gesamte Wirtschaft langsamer wachse. Dies entspreche dem Entwicklungsstand Chinas. Wachstumsraten im Immobiliensektor wie vor der Covidkrise hingegen hätten „in einer Katastrophe enden können. Vielleicht in einer Katastrophe wie in Japan“, stellt er klar.
China: Xi Jinping für Abkehr vom „fiktiven Wachstum“
Bereits seit Langem kritisieren Ökonomen, dass Chinas Wachstumsmodell nicht nachhaltig ist. Zwar steigert jede neue Straße und jede neue Wohnanlage rein formal das Bruttoinlandsprodukt, doch nicht jedes Bauprojekt ist auch volkswirtschaftlich sinnvoll.
So gab es in der Volksrepublik Ende des ersten Halbjahrs mehr als 300 Millionen Quadratmeter Wohnungen, die zwar fertig gebaut, aber noch nicht verkauft sind, wie Daten der Nationalen Statistikbehörde zeigen. Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping proklamiert eine Abkehr von diesem „fiktiven Wachstum“ und fordert „echtes Wachstum“.
So hat die Staatsführung in den vergangenen Tagen und Wochen wiederholt Unterstützung für die Wirtschaft angekündigt. Bislang handelt es sich dabei vor allem um Verbalnoten, mit denen sie das Vertrauen der privaten Unternehmen wiedergewinnen will. Die strikten Coronarestriktionen im vergangenen Jahr sowie tiefgreifende regulatorische Eingriffe im Immobilien- und Tech-Sektor haben viele Akteure verunsichert.
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Ökonom Carnell sieht weder eine Aktien- noch eine Immobilienblase. Die Entwicklung an den Aktienmärkten sei in den vergangenen Monaten und Jahren sogar eher durchschnittlich gewesen. Bei den Immobilienpreisen habe es zwar stellenweise Übertreibungen gegeben, auf diese folge nun eine Periode des langsameren Wachstums oder sogar von Preisrückgängen. Insgesamt sei das „weder besonders besorgniserregend noch besonders unerwünscht“, urteilt der Experte.
Erstpublikation: 09.08.2023, 04:35 Uhr (zuletzt aktualisiert: 09.08.2023, 07:30 Uhr).