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Lira Türkische Notenbank erhöht Zinsen deutlich – Wieso einige Experten dennoch skeptisch bleiben

Der neue Notenbankchef hebt den Schlüsselsatz von 10,25 auf 15,0 Prozent an. Doch es ist fraglich, ob die Zentralbank den neuen Kurs auch langfristig verfolgt.
19.11.2020 Update: 19.11.2020 - 16:45 Uhr 3 Kommentare
Die türkische Währung profitiert vom neuen Kurs der Zentralbank. Quelle: Reuters
Lira-Banknoten

Die türkische Währung profitiert vom neuen Kurs der Zentralbank.

(Foto: Reuters)

Istanbul/Frankfurt Knapp zwei Wochen nach seiner Ernennung zum neuen türkischen Notenbankchef hat Naci Agbal als eine seiner ersten Amtshandlungen die Zinsen kräftig erhöht. Er und seine Kollegen hoben den Schlüsselsatz am Donnerstag auf 15,0 von bislang 10,25 Prozent an.

Investoren hatten diesen Schritt erwartet. Dies hatte bereits im Vorfeld der Sitzung zu einer deutlichen Aufwertung der Lira geführt. Die türkische Notenbank steht wegen der starken Abwertung der Landeswährung und einer Inflationsrate von zuletzt fast 12 Prozent stark unter Druck. Seit Jahresbeginn hat die Lira etwa ein Drittel ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren. Nach der Entscheidung legte sie zu. Ein US-Dollar kostete am Nachmittag 7,53 Lira.

Für ausländische Investoren könnte die Lira durch die höheren Zinsen wieder attraktiver werden. Denn für sie lohnt es sich nun eher, türkische Zinspapiere zu halten. Zudem verteuern höhere Zinsen die Kreditvergabe und dämpfen so die Inflation.

Ökonomen werten die Entscheidung positiv. Zum Teil bezweifeln sie aber, dass die türkische Zentralbank den nun eingeschlagenen Kurs länger durchhält. „Die Notenbank verdient Respekt für ihre Entscheidung“, urteilt Robin Brooks, Chefvolkswirt des internationalen Bankenverbands IIF. Er verweist darauf, dass die Aufwertung der Lira in den vergangenen Tagen de facto zu einer Lockerung der Finanzierungsbedingungen in der Türkei geführt hat und daher der Wirtschaft des Landes nutze.

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    Viele türkische Unternehmen haben sich stark in Dollar verschuldet. Wertet die Lira ab, steigt die Last ihrer Schulden. Umgekehrt sorgt eine stärkere Lira dafür, dass sich die Finanzierungsbedingungen verbessern. Seit dem Amtsantritt Agbals am 7. November hat die Währung gegenüber dem US-Dollar fast zehn Prozent gewonnen.

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    Neben der Zinserhöhung beschloss die türkische Notenbank, die Liquiditätsversorgung der Banken wieder fast ausschließlich zum Leitzins abzuwickeln. In den vergangenen Monaten wollte sie Kredite unattraktiver machen, ohne den Leitzins anzuheben. Daher hatte sie versucht, die Banken in andere Kreditfazilitäten zu drängen, deren Sätze sie angehoben hat. Das Problem bei diesen versteckten Zinserhöhungen war aus Sicht von Experten jedoch, dass sie keinen starken Signaleffekt für die Devisenmärkte hatten. Das schränkte die Wirkung ein.

    Commerzbank-Devisenexperte Tatha Ghose ist dennoch skeptisch über den weiteren Kurs. Er verweist auf ablehnende Äußerungen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Bezug auf höhere Zinsen. Noch am Vortag hatte Erdogan vor führenden Wirtschaftsvertretern gesagt, Investoren dürften durch höhere Zinsen nicht „erdrückt“ werden. Damit liege auf der Hand, dass Erdogan „höhere Zinsen nicht ewig hinnehmen wird, sondern nur vorübergehend“, sagt Ghose.

    Ihrem Statement am Donnerstag zufolge will die türkische Notenbank die straffere Geldpolitik so lange aufrechterhalten, bis ein dauerhafter Rückgang der Inflationsrate erreicht ist.

    Auch DZ-Bank-Analyst Sören Hettler traut diesen Aussagen noch nicht. Er verweist auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre. „Solange Zweifel an einer erneuten Kehrtwende des Staatspräsidenten und seiner Zentralbank nicht restlos ausgeräumt sind, dürften internationale Investoren vorsichtig agieren“, erwartet er. „Vertrauen lässt sich zwar ohne Probleme über Nacht verspielen, es zurückzugewinnen dürfte jedoch einige Monate dauern.“ Aus seiner Sicht ist daher das weitere Aufwertungspotenzial der Lira „vorerst begrenzt“.

    Ökonomen zweifeln, ob sich Erdogan zurückhält

    Die entscheidende Frage ist, wie stark sich Erdogan künftig in die Geldpolitik der Notenbank einmischt. Ihren neuen Kurs hatte er kürzlich selbst durch Stühlerücken auf entscheidenden Posten eingeleitet: Anfang November setzte er zunächst den bisherigen Notenbankchef Murat Uysal ab. Einen Tag später erklärte Finanzminister Berat Albayrak seinen Rücktritt. An seine Stelle rückte inzwischen Lutfi Elvan, der ehemalige Transport- und Entwicklungsminister des Landes.

    Offen ist, ob die Türkei nun tatsächlich ein neues Kapitel in ihrer Wirtschaftspolitik aufschlägt. Der neue Finanzminister Elvan kündigte in dieser Woche Strukturreformen an, um das Umfeld für internationale und heimische Unternehmer zu verbessern. Bis Ende des Jahres rechnet er mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,3 Prozent.

    Bislang schlägt sich die türkische Wirtschaft überraschend gut im Pandemie-Jahr. Türkische Unternehmen veröffentlichten für das abgelaufene dritte Quartal mehrheitlich Zahlen, die über den Erwartungen der Analysten lagen. Einige Konzerne wie Turk Telekom oder Coca-Cola Türkiye waren sogar in der Lage, langjährige Schulden zurückzuzahlen.

    Negativ bemerkbar gemacht hat sich die Corona-Pandemie allerdings in der türkischen Leistungsbilanz, die in diesem Jahr nach allen Prognosen deutlich ins Minus rutschen wird. Das bedeutet: Die Türkei gibt unter dem Strich mehr Kapital für Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland aus, als sie durch Exporte dorthin einnimmt. Um dieses Defizit zu decken, ist das Land auf Kapitalzuflüsse aus dem Ausland angewiesen – was die Lira unter Druck setzt.

    Mit der Zinserhöhung hat die türkische Notenbank nun vorerst Druck von der Lira genommen und für Entlastung gesorgt. Dafür haben Investoren ihr einen Vertrauensvorschuss gegeben. Allerdings muss sie in den kommenden Monaten zeigen, ob sie den Kurs einer restriktiveren Geldpolitik beibehält.

    Mehr: Warum die türkische Wirtschaft der Lira-Krise trotzt.

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    3 Kommentare zu "Lira: Türkische Notenbank erhöht Zinsen deutlich – Wieso einige Experten dennoch skeptisch bleiben"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Sie täuschen sich hier alle! Tatsächlich ist Erdogan ein verkanntes ökonomisches Genie und Revolutionär der Währungstheorie!
      Erdoganomics bedeutet nämlich: Geht die Währung in den Keller und die Inflation durch die Decke, dann muss man die Leitzinsen SENKEN und eben nicht erhöhen!!
      "Faced with a lose-lose situation of slowing growth, runaway prices and a slumping lira, Erdogan conceived of what is now known as "Erdoganomics" or the bizarre epiphany that in order to fight inflation and keep the currency from plunging, all Turkey had to do was the polar opposite of what any other country in its position would do and CUT RATES, or as he put it, totally obliterating cause and effect, high interest rates cause inflation."
      https://www.zerohedge.com/markets/erdogan-fires-turkish-central-bank-governor-launching-full-blown-currency-crisis
      Wenn er den Wirtschaftsnobelpreis bekommen will, wird sich Erdogan diese Ungeheuerlichkeit seines neuen Zentralbankchefs nicht sehr lange anschauen und ihn ziemlich schnell wieder absägen...

    • Ich schließe mich den Meinungen vieler Kommentatoren an. Diese Erhöhung war zu erwarten. Ich glaube aber nicht, dass Investoren auf diesen "Taschenspielertrick" des Herrn Erdogan hereinfallen. Erdogan ist eine nicht zuverlässige Person. Diesem Menschen kann ich nicht vertrauen. Um Vertrauen zu erreichen müsste mehr kommen, zB Personen, die nur ihre Meinung sagten, ohne beleidigend oder ketzerich gewesen zu sein, wieder aus dem Gefängnis zu entlassen. In letzter Konsequenz müsste Erdogan seine Macht aufgeben und Neuwahlen empfehlen.

    • Jetzt wird es einen Wirtschaftseinbruch geben.

      Dann hat der der despotisch regierende Erdogan weniger Geld für seine Kriege in Syrien, Armenien und Libyen und das ist gut so. Hoffentlich verliert er die Wahlen. Dann kommen hundertausende, die ohne Gerichtsverfahren weggesperrt wurden, wieder frei.

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