Inflation: Teuerung verharrt kurz vor dem EZB-Zielwert
Frankfurt. Die jüngsten Inflationsdaten für den Euro-Raum stimmen Ökonomen zuversichtlich, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen weiter senken wird – und das, obwohl die Statistiker zuletzt einen Preisauftrieb bei Dienstleistungen registriert und eine etwas höhere Arbeitslosigkeit gemeldet haben.
Die Teuerungsrate in der 20-Länder-Gemeinschaft verharrte im April bei 2,2 Prozent, wie das europäische Statistikamt Eurostat am Freitag in einer ersten Schätzung mitteilte. Die Notenbank sieht bei einem Wert von 2,0 Preisstabilität. Volkswirte hatten für den Euro-Raum mit einem Rückgang der Inflation auf 2,1 Prozent gerechnet.
Gegenüber dem Vormonat stiegen die Preise im April um 0,6 Prozent, was aufs Jahr hochgerechnet einem Wert von über sieben Prozent entspricht. Die monatlichen Werte geben einen guten Anhaltspunkt für den aktuellen Preisdruck, unterliegen aber hohen Schwankungen.
Preisauftrieb bei Dienstleistungen
Beim Blick auf die einzelnen Komponenten der Teuerungsrate wird ein Preistreiber direkt ersichtlich: Die Preise für Dienstleistungen legten innerhalb eines Monats von 3,5 auf 3,9 Prozent zu. Zurückzuführen sein dürfte der Anstieg auf die Ostertage – während der Feiertage ziehen Preise für Dienstleistungen häufig etwas an.
Dass die Inflationsrate nicht wieder gestiegen ist, führen die Statistiker vor allem auf die Energiepreise zurück: Dafür wiesen sie im April ein Minus von 3,5 Prozent aus.
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Stephanie Schoenwald, Konjunkturexpertin bei KfW Research, hält den Preisdruck im Dienstleistungssektor für ein „Warnsignal“. Wegen der günstigen Entwicklung der Energiepreise und des starken Euros, der Importe tendenziell verbilligt, sieht sie die gesamte Entwicklung aber auf dem richtigen Weg: „Die Tür für eine weitere Zinssenkung im Juni steht für die EZB damit offen.“
Silke Tober, geldpolitische Expertin des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, fordert die EZB auf, „zeitnah“ weitere Zinssenkungen anzukündigen. Sie verweist dabei auf die Risiken für die Konjunktur und die Finanzstabilität infolge der drastischen und erratischen Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump.
Mehr Arbeitslose als im März
Die Wirtschaft in der Euro-Zone ist zwar im Auftaktquartal mit 0,4 Prozent doppelt so stark gewachsen wie von Ökonomen erwartet. Die Arbeitslosigkeit stieg zuletzt aber leicht.
Fast 10,82 Millionen Menschen waren im April ohne Job, wie Eurostat am Freitag mitteilte. Dies waren 83.000 mehr als im Februar, aber 288.000 weniger als im Vorjahresmonat. Die Arbeitslosenquote verharrte wie in den Vormonaten bei 6,2 Prozent, wobei das ursprünglich für Februar gemeldete Rekordtief von 6,1 Prozent nachträglich nach oben korrigiert wurde.
Tober hält Zinssenkungen für ein gutes Mittel, um die Binnennachfrage zu stärken und eine weitere Aufwertung des Euros zu verhindern, die Ausfuhren der exportorientierten deutschen Wirtschaft verteuern würde.
Die Allianz rechnet ebenfalls mit weiteren Absenkungen bis zum September. Die EZB entscheidet am 5. Juni über ihren weiteren Kurs.
Die Euro-Währungshüter haben angesichts der nachlassenden Inflation seit Mitte 2024 sieben Mal die Zinsen gesenkt. Der jüngste Zinsschritt erfolgte im April. Der am Finanzmarkt maßgebliche Einlagensatz, der als Leitzins für die Euro-Zone gilt, liegt inzwischen bei 2,25 Prozent. Noch Anfang Juni 2024 hatte der Leitzins 4,00 Prozent betragen.
Die EZB ist allein der Preisstabilität verpflichtet und betreibt offiziell keine Konjunktur- oder Währungspolitik. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betont zudem immer wieder, die Geldpolitik sei abhängig von den jeweils neuen Daten, es gebe keinen vorgezeichneten Pfad für Zinssenkungen.