Verbraucherpreise: US-Inflation sorgt an den Börsen für Ernüchterung
New York, Frankfurt. Neuste Inflationsdaten aus den USA haben am Dienstag für einen deutlichen Stimmungsumschwung an den Aktienmärkten gesorgt. Grund: Die Inflation in den USA zeigte sich im Januar hartnäckiger als erwartet. So lag die Preissteigerung bei 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie das US-Arbeitsministerium bekannt gab. Experten hatten eigentlich damit gerechnet, dass die Inflation auf 2,9 Prozent zurückgeht.
Die Investoren hatten mit Spannung auf die Daten gewartet und reagierten prompt: Der breit gefasste US-Leitindex S&P 500 schloss am Dienstag 1,37 Prozent tiefer, der technologielastige Nasdaq 1,8 Prozent. Der US-amerikanische Leitindex Dow Jones ging sogar mehr als 500 Zähler tiefer aus dem Handel – ein Minus von 1,35 Prozent. Am Freitag hatten die Indizes noch neue Höchststände erreicht. Der deutsche Leitindex Dax schloss am Dienstag fast ein Prozent tiefer. Der Goldpreis gab mehr als ein Prozent nach und fiel unter 2000 Dollar je Feinunze.
Mit den jüngsten Inflationsdaten schwinden die Hoffnungen auf schnelle und deutliche Zinssenkungen weiter. Die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) den Leitzins bei ihrer Sitzung Anfang Mai senken wird, liegt derzeit noch bei 36 Prozent, wie aus Daten der weltweit größten Terminbörse CME Group hervorgeht. Vor den Inflationsdaten lagen die Chancen noch bei über 50 Prozent.
Auch die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen reagierte am Dienstag umgehend und ungewöhnlich stark: Sie lag im frühen New Yorker Handel bei 4,28 Prozent. Anfang Februar lag die für die Finanzwelt wichtige Richtgröße noch bei unter vier Prozent. Im vergangenen Herbst, als die Inflation noch deutlich höher war, stieg die Rendite zeitweise auf über fünf Prozent, das war der höchste Stand seit der Finanzkrise.
Fed-Chef Jerome Powell hatte bei der jüngsten Fed-Sitzung im Januar bereits signalisiert, dass sich die Notenbanker mit der Zinswende Zeit lassen würden. Dass die Fed schon im März mit Zinssenkungen beginnen könnte, sei „nicht das wahrscheinlichste Szenario“, stellte der Notenbankchef klar.
Bestätigung für Fed-Chef Powell
Der Fed-Chef habe mit seiner vorsichtigen Haltung „genau richtig gelegen“, so kommentiert Matthew Ryan, Marktstratege beim Finanzdienstleister Ebury, die neuen Daten zur Teuerung. Am Markt setzt sich nun die Erkenntnis durch, dass die Fed in diesem Jahr die Zinsen weniger stark senken könnte, als viele Investoren bislang gehofft hatten.
Powell hatte drei Kürzungen der US-Notenbank in Aussicht gestellt. Viele Marktteilnehmer hatten zunächst mit fünf Schritten gerechnet und würden sich nun auf vier einstellen, wie Erik Norland, Ökonom der CME Group, zu bedenken gibt.
Auffällig ist die im Januar unvermindert hohe Kerninflationsrate. Dafür werden schwankungsanfällige Preise für Energie und Nahrungsmittel ausgeklammert. Die Kerninflation verharrt auf Jahressicht bei 3,9 Prozent. Im Vergleich zum Dezember hat diese Kennzahl im Januar um 0,4 Prozent angezogen. Das deutet auf anhaltenden Preisdruck in der Breite der US-Wirtschaft hin.
Haupttreiber der Teuerung waren im Januar die Wohnkosten. Sie seien „dafür verantwortlich, dass die Inflationsdaten zum Jahresstart eine unangenehme Überraschung bereithielten“, sagt Elmar Völker, Analyst der Landesbank LBBW. Sie machen Ökonomen zufolge einen wesentlichen Teil der Preissteigerungen aus. Angesichts der Wohnraumknappheit in den USA gelten die Wohnkosten als besonders unempfindlich gegenüber höheren Zinsen.
Fed dämpft Erwartungen an Zinssenkungen
Sowohl Powell als auch Christine Lagarde, die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), hatten in den vergangenen Wochen bei den Anlegern immer wieder um Geduld geworben. Ihr Credo lautet derzeit: Wir benötigen mehr Zeit und mehr Daten, um sicherzugehen, dass die Inflation auf den Zielwert von zwei Prozent zurückgeht. Erst dann ist an die Zinswende nach unten zu denken, auf die an den Börsen so viele Investoren setzen.
Beiden ist daran gelegen, den Kampf gegen die Inflation nicht zu früh für gewonnen zu erklären. Die Notenbanker wollen eine zweite Welle der Preissteigerungen, so wie es sie in den 1980er-Jahren gab, unbedingt verhindern. Das würde schließlich die Glaubwürdigkeit der Notenbanken weiter beschädigen, wie ein Analyst an der Wall Street zu bedenken gibt.
Gleichzeitig muss Powell ein anderes Risiko im Auge behalten. Die anhaltende Krise auf dem Markt für Gewerbeimmobilien wird Analysten zufolge immer stärker zum Problem für Banken. Die hohen Leerstände haben erst in den vergangenen Wochen dazu geführt, dass Institute Rückstellungen für ausfallgefährdete Kredite bilden müssen. Das drückt auf die Gewinne und auf das Vertrauen der Aktionäre. „Eine schnellere Zinssenkung würde die Spannungen hier zumindest abmildern“, argumentiert der unabhängige Kapitalmarktberater Komal Sri-Kumar.
Mit den neuen Inflationsdaten kann Powell sich im Bestreben um Preisstabilität allerdings keineswegs in Sicherheit wiegen. Den Notenbankern der Fed dürfte vor allem der Stillstand der Kerninflation „missfallen“, kommentiert Ulrich Wortberg von der Landesbank Helaba.
Die Daten bestätigen einmal mehr das Bild einer zweigeteilten Preisentwicklung: Im Dienstleistungsgewerbe steigen die Preise erheblich, in der Industrie schwächer. Vereinzelt sinken sie sogar, etwa auf dem Gebrauchtwagenmarkt.
Die abwartende Haltung der Fed lässt sich auch mit dem Arbeitsmarkt erklären. Denn der präsentiert sich nach wie vor in überraschend starker Verfassung. Im Januar haben US-Unternehmen abermals mehr neue Stellen geschaffen, als Ökonomen erwartet hatten. Der Stellenzuwachs war sogar ausgeprägter als über weite Strecken des vorigen Jahres.
Löhne steigen stark
Anders als die Europäische Zentralbank hat die Federal Reserve ein duales Mandat: Sie soll neben Preisstabilität auch für Vollbeschäftigung sorgen. Deshalb würde eine steigende Arbeitslosenquote sie wohl früher zur ersten Zinssenkung veranlassen. Davon ist bislang allerdings nichts zu sehen. Hinzu kommt, dass die durchschnittlichen Stundenlöhne weiterhin stark steigen. Das dürfte den Konsum stützen, aber auch die Inflation hochhalten. Vor allem bei den Dienstleistern ist dieser Effekt ausgeprägt.
Die Inflationserwartungen von Verbrauchern und Unternehmen in den USA sind rückläufig. Das zeigen Umfragen der regionalen Fed-Ableger in New York und Cleveland. Eigentlich eine gute Nachricht. Doch an den Börsen überwog am Dienstag die Ernüchterung über die jüngste Entwicklung der Verbraucherpreise.